Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite

von Nils Heisterhagen24.12.2015Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Der neue Star Wars Film bricht alle Rekorde – doch was hat er mit unserer heutigen Welt zu tun? Und was können wir von ihm lernen? Eine Analyse.

Meister Yoda lehrt an einer Stelle den jungen Luke Skywalker davor, seine Ängste zu beherrschen, sie zu zügeln und sich jene Gelassenheit mental anzutrainieren, die Wesensmerkmal des Jedi-Ritters sei. Seine Emotionen müsse man kontrollieren. Wut, Hass und Angst hingegen seien der Weg zur dunklen Seite – das schwache Individuum sei durch diese Emotionen verführbar und nicht wirklich es selbst. Der Jedi-Ritter hingegen sei stark und ruhe in sich selbst – er ist nicht zu erschüttern. So ermahnt Yoda Luke: Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite.

Er mahnt den jungen Luke deswegen so genau an, weil er seinen Vater kennt. Der hat sich in der Logik von Yoda von seinen Emotionen verführen lassen und ist deshalb zur dunklen Seite der Macht gewechselt. Yoda befürchtet, dass das Temperament des Vaters im Sohn waltet. Und Luke ist ja die letzte Hoffnung des Guten gegen das Böse. Gerade er muss davor bewahrt werden, sich der dunklen Seite zuzuwenden.

Er versklavt sich seiner Idee grenzenloser Macht

Lukes Vater, Anakin Skywalker, der später zur der diabolischen Mensch-Maschine Darth Vader wird, hat sich von der dunklen Seite verführen lassen, nicht etwa weil er zuweilen hitzköpfig und ungestüm ist, sondern weil er von der Sorge geplagt war, seine Frau Padme zu verlieren und nicht beschützen zu können, wie es bei seiner Mutter der Fall war. Kanzler Palpatine, der sich später als der böse Lord Darth Sidious entpuppt, weiß Anakins Ängste geschickt zu instrumentalisieren, indem er ihm erzählt, es hätte da einmal einen dunklen Lord gegeben, der anscheinend die Macht besaß, das Sterben der Menschen aufzuhalten. Und hier ist die Neugier des jungen Anakin geweckt. Er will verhindern, dass seine Frau bei der Geburt des Nachwuchses stirbt – dieser Alptraum lässt ihm keine Ruhe mehr. Als Jedi, so scheint klar, kann er seine Frau nicht beschützen. Und überhaupt: Ist er nicht der Auserwählte? Der mächtigste Mann der ganzen Galaxis? Wie kann er nicht souverän sein? Darf seine Macht Grenzen haben? Anakin denkt: Nein, seine Macht muss grenzenlos sein. Und damit ist sein Weg zur dunklen Seite vorgezeichnet. Deswegen macht er sich zu Darth Sidious‘ Diener. Er gibt seine Souveränität als freier Jedi auf, um als Diener des dunklen Lords an seiner Seite zur Macht über Leben und Tod zu gelangen. Er versklavt sich einer Idee grenzenloser Macht.

Es ist dabei seine Furcht, begründet in der Sorge um seine Frau, die ihn die Seiten wechseln lässt. Man könnte auch sagen: Anakin leidet an einer Angststörung und darum ist er so schwach, obwohl er eigentlich so mächtig ist. Seine fatale Konsequenz ist: Die Angststörung muss mit grenzenloser Macht getilgt werden.

Anakin vergisst, dass er sich selbst von der Angststörung befreien könnte, in dem er sich eingesteht, dass seine Macht Grenzen haben muss. Er negiert seine menschliche Schwäche und das wird ihm zum Verhängnis. Dabei liegt in der Akzeptanz seiner menschlichen Schwäche – sein Eingeständnis ein Mensch zu sein und kein Gott – zumindest tendenziell die Chance, ihn von seinen Ängsten zu befreien. Anakin hat es auch verfehlt, die Endlichkeit der Existenz anzuerkennen. Sein Verlangen nach Souveränität steigert sich so ins Grenzenlose. Er verliert sich in seiner Sucht nach Kontrolle. Er will gottähnlich werden. Er will die Macht alles zu beherrschen und vergisst, dass das Eingeständnis, nicht alles beherrschen zu können, ihm zugleich eine Freiheit zurückgibt: Eine Freiheit der Gelassenheit.

Der Stärkste ist der Schwächste, weil er nicht fähig ist, sich Schwächen zuzugestehen

Anakin ist so jemand, dem es an Mut fehlt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Er scheitert an sich selbst, obwohl er doch nachweislich der mächtigste Mann der ganzen Galaxis ist. Das ist Anakins Tragik. Der Stärkste ist der Schwächste, weil er nicht fähig ist, sich Schwächen zuzugestehen. Anakin verfehlt es, sich seiner Angst zu stellen, und sie produktiv zu nutzen. Stattdessen flieht er vor seiner Angst geradewegs ins Verderben, in die Umklammerung des Bösen.

Anakin musste also scheitern. Sein Sohn Luke hingegen macht es besser. Er – obwohl mit einem ähnlichen Temperament wie sein Vater ausgestattet – schafft es, sich selbst zu begrenzen und sich von seiner Angst nicht beherrschen zu lassen. Er ist zu jener Gelassenheit gekommen, die Ziel seiner Ausbildung sein sollte. Er kann trotz seiner großen Macht damit leben, Schwächen zu haben. Gerade dadurch beschreitet er den guten Pfad der Macht. Das zeichnet ihn aus und das macht Luke zum richtigen Role-Model für unsere Zeit.

Schwächen anzuerkennen, gilt als gefährlich im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts

Denn die Sucht nach Souveränität, nach Kontrolle, nach Perfektion ist Teil unserer Kultur. Schwächen anzuerkennen, gilt als gefährlich im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Dem Individuum wird zugeschrieben, alles schaffen zu können, wenn es denn nur will. Das ist die Entgrenzung der Machbarkeit. Man könnte auch sagen: Anakin, der sich von den Fesseln der Selbstbeherrschung befreit, und damit erst zu eigentlicher Selbstherrschaft aufsteige, ist das Role-Model für den flexiblen, ungebunden, souveränen Typus an Mensch, den unsere heutige Gesellschaft zu fordern scheint.

Und trotz all der richtigen und wichtigen Hinweise, dass diese Sucht nach uneingeschränkter Souveränität, Kontrolle und Perfektion fehlerhaft, töricht und letztlich schädlich für das Individuum ist, weil es sie im Zweifel mit der Depression und der Erschöpfung bezahlt, gilt Anakin weiterhin als das Role-Model unserer Zeit. Folgt man doch diesem Vorbild, laufen viele Menschen aber mehr und mehr Gefahr, sich im endlosen Streben nach immer Mehr vollends aufzureiben. Das beraubt sie nicht nur ihrer eigentlich angestrebten Perfektion und Souveränität, es schadet auch ihrem Umfeld. Das Hamster-Rad tragen sie so auch in ihr Umfeld. So machen sich alle gegenseitig nervös. Man stachelt sich gegenseitig an. Immer mehr wollen so wie Anakin sein – und werden es. Dieser Weg in die Dunkelheit ist zwar nicht Kernmerkmal des heutigen Finanzkapitalismus, aber dieser hat das Umfeld bereitet, in dem jeder sich mehr an dem Pfad des Anakin orientiert. Umfeld und Menschenbild treffen und befördern sich hier gegenseitig – nicht zum Guten, sondern zum Schlechten.

Das Schicksal, in welches Anakin sich selbst bewusst ausliefert, ohne es doch zu verstehen, und an dem er sodann zu leiden hat, sollte uns aber vor Augen führen, dass er ein schlechtes Vorbild ist. Seine Gier hat ihn gefesselt. Sie hat ihn ein Schicksal wählen lassen, welches eine immerwährende Last bedeutet. Es ist ein Schicksal in Angst und Unfreiheit – ein Schicksal, indem er sogar bis kurz vor seinem Tod seine Humanität aufgibt.

Luke ist vielmehr der, an dem wir uns ein Beispiel nehmen sollten. Tun wir das, können wir etwas von Star Wars für unser wirkliches Leben lernen. Luke lehrt uns Maß und Mitte. Er eröffnet uns die Möglichkeit uns einerseits nicht in der individuellen Sucht nach immer mehr zu verlieren, und damit andererseits verbunden kann der Weg des Jedi Luke Skywalker lehren, dass wir maßvolles Wachstum und maßvolle Umverteilung anstreben sollten. Individuum und Gemeinschaft brauchen Gelassenheit. Höher, weiter, schneller, ist nicht das Ideal, welchem beide folgen sollten.

Luke lehrt uns auch maßvolle Hoffnung für unsere Welt zu haben. Denn der Pfad der Jedi hat mit Ausgleich und Gleichgewicht zu tun – und das würde unserer Welt gut tun. Es geht um ein maßvolles Geben und Nehmen. Das Ganze ist ebenso wichtig wie der Einzelne. Der Weg der Sith hingegen ist Individualismus pur. Hier zählt nur der Einzelne. Und dieser Weg stürzt die Galaxis ins Unheil. Die Jedi aber zeigen uns auf, dass es anders geht: Auch an das Gemeinwohl zu denken, das ist der Pfad zur guten Seite.

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