Leute haben zu meiner Meinung eine Meinung. Matthias Matussek

Die Hintergrundmelodie unseres Handelns

Drei Antworten auf die Frage, warum der Zeitgeist viele Menschen stark beeinflusst. Und warum man sich in kritischer Distanz zu ihm halten sollte.

Der Mensch in seiner Alltäglichkeit ist zunächst und zumeist dem Zeitgeist gegenüber aufgeschlossen. Warum? Das ist er, weil sich nach dem Zeitgeist zu richten am Einfachsten ist, da das Denken des Zeitgeistes in der Alltäglichkeit präsent ist. Das Zeitgemäße ist stets das, was präsent ist, was dem Menschen in der Alltäglichkeit begegnet.

Die Poststrukturalisten, einer Gruppierung innerhalb der heutigen Philosophie, vertreten die These, dass Diskurse die Gesellschaft prägen und diese Diskurse auf das Individuum so wirken, dass das Individuum die Botschaften dieser Diskursen in sich aufnehme und zunächst und zumeist in seinem Handeln reproduziere. So werde das Subjekt, welches diesen Diskursen unterliege, erst durch diese zu dem gemacht was es ist. Nach dem Poststrukturalisten Michel Foucault ist es Macht, was in diesen Diskursen wirke, und diese Macht konstituiere das Subjekt erst. Durch diese Macht werden Möglichkeiten des Handelns erst geschaffen, das heißt durch diese Macht wird für das Subjekt vorentschieden was überhaupt legitim denkbar und entscheidbar erscheint.

Der Zeitgeist ist also eine Macht, kann man so folgern. Er prägt unser Verständnis unserer Gesellschaft vor. Er dezimiert den Horizont dessen, was aus unserer Gesellschaft werden kann und soll, und zugleich gibt er uns als Individuen vor, wie wir unsere Lebenswelt gestalten. Er tut das so, dass wir es kaum bewusst mitbekommen. Er ist die Hintergrundmelodie unseres Denken und Handelns.

Wie kann das Zeitgemäße dem Menschen in seiner Alltäglichkeit begegnen?

Diese poststrukturalistische These der Vorabdezimierung und Fremdbestimmung des Subjekts kann man aus existenzphilosophischer Perspektive sicher mit den Philosophen Jean-Paul Sartre oder Martin Heidegger entgegenhalten, dass die Existenz des Menschen der Essenz vorausgehe und damit stets der Mensch die Macht darüber behalte, wer es sein wolle. Der Mensch sei nun mal der, der sich zu dem mache, was er ist. Diese Selbstbestimmung könne man ihn nicht nehmen, weil man ihm nicht seinen Willen nehmen könne.

Nun hat aber gerade auch der große Existenzphilosoph Martin Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ die Herrschaft des Man konstatiert. Zunächst und zumeist sei der Mensch diesem Man verfallen.

Im Man herrscht ein Zwang, der nicht offen sichtbar ist, nach dem man sich dennoch verhält. Man tut dies, man tut jenes nicht. Im Man denkt man, handelt man, nach Konventionen und Normen des gesellschaftlichen Kontextes. Das Man entlastet von der Verantwortung und macht möglichkeitsblind. Man befindet sich in einem Räderwerk, in dem man sich der Durchschnittlichkeit hingibt. Man hält Traditionen oder andere Gewissheiten, die einem aus der eigenen Lebenswelt bekannt sind, für so gewiss, dass man sich nach ihnen richtet. So bildet das Man auf der einen Seite Schutz, andererseits erzeugt es eine hohe Konformität. Zunächst und zumeist fühlt der Mensch sich also in seiner Heimat wohl – in seiner gedanklichen, sinnstiftenden Heimat. Heidegger fordert zwar, dass man sich aus diesem Man losreißen solle – und der Anstoß dazu komme aus der Angst – aber nichtsdestotrotz geht auch Martin Heidegger davon aus, dass der Mensch zunächst und zumeist sich fremdbestimmen lässt. Er sei gemütlich, er mache es sich einfach. Zu einfach. Er lässt sich vom Zeitgeist leiten, könnte man folgern.

Eine noch stärkere Motivation dafür, warum der Mensch sich zunächst und zumeist dem Zeitgeist ausliefere, kann die Philosophie Hans Blumenbergs geben. Blumenberg begreift die Wirklichkeit als rücksichtslos und willkürlich. Diese Wirklichkeit könne der Mensch so nicht ertragen und er sei darum bestrebt sich von dieser harten Wirklichkeit zu distanzieren. Er distanziere sich – womit er sich auch Halt und Heimat schaffe –, indem er mit den Möglichkeiten und Mitteln seiner Fähigkeit Kultur zu schaffen der Welt Ordnung gebe. Der Mensch distanziere sich also mittels der Kultur von seinem grundsätzlichen Leiden an der Wirklichkeit. Diese Kultur bestehe oft auch aus mythischen Inhalten – weniger Argumente, sondern vielmehr emotionale sinnstiftende Versicherung sei für das sinnbedürftige, grundsätzlich sorgenvolle und sich vor dem Unbekannten ängstigende Mängelwesen, was der Mensch sei, wichtiger. Der empfundenen Not und Bedrängnis seiner eigenen Existenz – durch das Gegenüberstehen einer harten Wirklichkeit – begegne der Mensch so mit der Kreativität eines Erzählers. Mit Geschichten kann er Sinn stiften und sich von der Bedrohung der Wirklichkeit entlasten. Und die Geschichten prägen Kultur. Kultur ist ein Ensemble einer Erzählung der Sicherheit und der Geborgenheit, könnte man vielleicht folgern.

Der Zeitgeist als Meta-Narrativ

Das Ensemble dieser Erzählung kann man nun als Zeitgeist identifizieren und beschreiben. Dass diese Erzählungen sich verändern können, versteht sich von selbst. Der Zeitgeist ist eine Konjunktur. Oder um es poststrukturalistisch auszudrücken: Der Zeitgeist unterliegt den Diskursen und ihrer Macht – die im Wandel sind und dies durch die Individuen, die sie prägen.

Die Theorien von Foucault, Heidegger oder Blumenberg können also jede für sich plausibel machen, warum das Individuum sich zunächst und zumeist dem Zeitgeist gegenüber aufgeschlossen zeigt. Denn es sucht nach Sinn, Struktur und Orientierung. Der Zeitgeist gibt ihm das und er gibt ihm das auf einfache Weise. Es bedarf keines soziologisch hochtrabenden Intellekts um sich selbst Sinn, Struktur und Orientierung zu schaffen. Der Zeitgeist bietet das alles für jeden in leicht konsumierbarer Form – denn der Zeitgeist durchdringt die Individuen und ihre Lebenswelt. Darin liegt seine Macht.

Sich von dieser Macht individuell zu befreien und sie auf kritischer Distanz zu halten, – egal ob man dem Zeitgeist zustimmt oder ihn ablehnt – verschafft aber gerade eine eigene Macht – eine Macht der Selbstbestimmung. Man ist dann mehr der eigene Sinngeber, den ein Jean-Paul Sartre im Sinn hatte. Wir sollten es uns eben nicht einfach machen. Das ist die existenzphilosophische Botschaft der Befreiung, die zugleich in der Tradition der Aufklärung steht. Wer er selbst sein will, der darf es sich nicht einfach machen. Und er darf seine Selbst-Verortung nur von sich selbst erwarten. Man wird nicht befreit. Man tut es entweder selbst oder gar nicht. Selbstbestimmung ist anstrengend, mühsam, von Zeiten der Heimatlosigkeit auf der Suche nach neuer Geborgenheit geprägt, und stets der Verantwortung ausgesetzt, sich in der Welt aufs Neue zu entwerfen. Selbstbestimmung impliziert demnach eine Last, die man lernen muss, willig zu tragen. Der Zeitgeist bedeutet hingegen eine Entlastung und eine Fremdbestimmung.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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