Wenn man will, könnte man sein Leben entgooglefizieren. Jeff Jarvis

Raus aus der Ego-Gesellschaft

Streit in der Ökonomie ist oft ähnlich unversöhnlich wie Streit unter Politikern. Aber es gibt eine Alternative, die versöhnlich wirken könnte: Die Verhaltensökonomie

Ökonomen sind zumeist nicht neutral. Sie haben Überzeugungen und beraten auch Politiker mit bestimmten Zielen. Sie nehmen so auch Partei ein. Sie stehen für eine bestimmte Sicht auf die Funktionsweise der Wirtschaft und schlagen so meist sehr unterschiedliche Rezepte vor, um diese Wirtschaft zu stärken. Die Keynesianer streiten dabei an der Seite der eher linken Politiker und die Neoklassiker und Neoliberalen an der Seite der eher liberal-konservativer Politiker. Warum?

Die neoklassischen und neoliberalen Ökonomen glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes, ein vollkommenes Marktgleichgewicht und sind davon überzeugt, dass jedes Angebot sich seine Nachfrage letztlich selbst schaffe. Für sie muss sich der Staat weitestgehend aus dem Markt raushalten. Wachstum würde man vor allem dann schaffen, wenn viele Betriebe viele Innovationen schaffen würden, sprich neues Angebot.

Die Keynesianer glauben das nicht. Sie glauben an Marktversagen und prangern es an, und meinen, dass es letztlich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist, die das Schicksal einer Volkswirtschaft bestimmt. Irgendwer muss die neuen Produkte auch kaufen können, so die Argumentation. Und wenn neoliberale Ökonomen etwa Lohnsenkungen fordern, um die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes zu erhöhen oder volkswirtschaftliche Schwächephasen zu überwinden, dann argumentieren die Keynesianer dagegen, weil Lohnsenkungen nun mal zu einem Nachfrageausfall führen. Der Konsum sinkt, und damit bleiben auch die innovativsten Produkte Ladenhüter. Und wenn die Reichen auch noch ihr Geld sparen, anstatt es auszugeben, dann schadet dies der Volkswirtschaft. Wenn das Wachstum also bei sehr vielen Haushalten auch wirklich ankommt, können die Haushalte mehr konsumieren. Tun sie das, kurbelt das wiederum das Wachstum an. Das ist der keynesianische Zirkel, den Gewerkschaften und linke Politiker nicht müde werden zu beschwören. Ganz zum Ärger der neoliberalen Ökonomen, die doch am liebsten Mindestlöhne kippen, Löhne senken, und den Sozialstaat verdammen würden.

Ein unversöhnlicher Stellungskampf

Keynesianer und die neoklassischen und neoliberalen Ökonomen stehen sich also meist genauso unversöhnlich gegenüber, wie Sozialdemokraten und die Neoliberalen in Union und FDP. Es scheint also, als müsste man sich einfach einer der beiden Perspektiven unterwerfen. Der Streit wirkt kaum umgehbar. Aber gibt es nichts jenseits dieser Dichotomie zwischen Keynesianismus und den Wirtschaftsliberalen, das uns helfen könnte, den theoretischen und politischen Streit zu entscheiden?

Doch, es gibt eine Alternative. Es gibt die Verhaltensökonomie. Und sie stützt eher die Sozialdemokraten. Krisen abmildern und Wachstum steigern durch Umverteilung, das kann man mit der Verhaltensökonomie erklären. Wie? Dazu zwei Beispiele: Erstens: Die Verhaltensökonomik sagt: Menschen beobachten das Verhalten anderer Menschen und richten sich danach aus. Beobachten sie etwa Gier und sehen sie, dass diese Gier gesellschaftlich akzeptiert und sogar begrüßt wird, werden sie tendenziell selber gierig. Sie sind also oft einem Herdentrieb unterlegen.

So ein Herdentrieb kann in Krisenzeiten zu einem sich selbst beschleunigenden Mechanismus werden. Man redet sich selbst in die Krise hinein. Aber dieser Herdentrieb ist nun weniger schlimm, wenn die Menschen in Krisenzeiten aufgefangen werden: Durch Kurzarbeiterregelungen, Konjunkturprogramme oder den Sozialstaat. Ein starker Sozialstaat und starke Gewerkschaften sorgen für ein festes Fundament, wodurch Krisen immer weniger schlimm ausfallen. Freien Fall gibt es in einer sozialen Marktwirtschaft nicht. Und das beruhigt, wodurch man weniger Panik während Krisen bekommt.

Zweitens: Beobachtet jemand, dass Arbeit sich für ihn kaum lohnt, mehr Leistung kaum honoriert wird und gleichsam die hohen Arbeitseinkommen, vor allem aber die Kapitaleinkommen, immer weiter steigen, dann strengt er sich zumeist auch weniger an. Das ist simple Verhaltensökonomie. Wenn man selbst auf der Stelle tritt, und andere davon eilen, dann beobachtet man eine Entwicklung, die potenziell unfair ist. Und gibt es dann noch kaum Zuversicht, dass sich die Entwicklung positiv beeinflussen lässt, dann kann das auch für inneren Stillstand sorgen. Es braucht so auch äußere Ziele, wie einen besseren Job, mehr Gehalt oder bessere Arbeitszeitbedingungen, um sich zu motivieren: Man muss eine realistische Chance beobachten können, dass es individuell voran gehen kann.

Das Gefühl, keine Chance zu haben

Wenn sich diese realistische Chance auf Vorankommen und zudem eine Belohnung für gute Leistung aber nicht beobachten lassen, verlieren viele Menschen den Glauben an eine faire Chance im Leben und auf gerechte Behandlung. Dieser Eindruck kann bei ganzen Familien dazu führen, dass egal was sie tun, sie doch sowieso immer arm bleiben, wodurch sie auch ihre Kinder nicht dazu ermuntern, sich in der Schule anzustrengen. Ein Gefühl der sozialen Ausgeschlossenheit und der Entkopplung kann dazu führen, dass man diese Exklusion selbst reproduziert, in dem man sich aufgibt und ein mangelndes Selbstbewusstsein entwickelt. Die intrinsische Motivation versiegt so.

Was also tun? Was kann der verhaltensökonomische Ansatz lehren?

Betrachtet man die zwei Beispiele, dann gilt: Ein Sozialstaat ist gut für eine Volkswirtschaft, gute und vergleichbare Lohnentwicklungen aller Leistungsgruppen ebenso, und vor allem in Krisenzeiten ist auch ein Staat gut, der in die Wirtschaft eingreift. Staats- und Gewerkschaftsgegnerschaft ist also gar nicht so „wirtschaftsfreundlich“, wie neoklassische und neoliberale Autoren oft behaupten. Vor allem aber lässt die Verhaltensökonomie den Schluss zu: Soziale Immobilität ist Gift für eine Volkswirtschaft. Und die soziale Durchlässigkeit ist gering in Deutschland. Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung schreiben, dass 40 Prozent der Ungleichheit im individuellen Arbeitseinkommen durch den Familienhintergrund zu erklären sei. Beim Bildungserfolg liege der Erklärungsbeitrag der Herkunft sogar über 50 Prozent. Das ist demnach Gift für die deutsche Gesellschaft.

Aber was kann dagegen helfen, wenn Menschen große soziale Undurchlässigkeit in einer Gesellschaft beobachten?

Vor allem eines: Mehr Geld für Bildung. Das könnte zumindest die Startchancengleichheit ändern. Etwa indem dadurch kleinere Klassen und Ganztagsschulen finanziert werden, wo es für Lehrer möglich wird, individuelle Förderung zu leisten, und somit Herkunftsdefizite auszugleichen. Nach der Bildungsstudie der OECD „Bildung auf einen Blick 2014“ liegen die Bildungsausgaben in Deutschland aber weiterhin unter OECD Durchschnitt. Daher muss nun mehr in das Bildungssystem investiert werden.

Eine zweite Möglichkeit der Förderung der Verteilungschancengerechtigkeit ist eine Arbeitsmarktpolitik der zweiten und dritten Chance, in dem beispielsweise Kinder mit gebrochenen Schulkarrieren die Förderungsmöglichkeiten bekommen, mit denen sie ihre Chance wahrnehmen können, etwas aus sich zu machen.

Raus aus der Ego-Gesellschaft

Die arbeitsmarktpolitische Leitlinie seit der deutschen Staatsmodernisierung durch die Agenda 2010 „Fordern und Fördern“ ernst zu nehmen, bedeutet also vor allem, den Staat als Instrument des Herkunftsausgleiches zu betrachten. Nur wenn der Staat die Mitverantwortung für die Entwicklung der Einzelnen übernimmt, kann es überhaupt zu vergleichbaren Verwirklichungschancen kommen. Austeritätspolitik und niedrige Steuern für Reiche mögen dem Bild entsprechen, dass jeder Einzelne zuerst einmal für sich selbst verantwortlich ist und nur so auch der Gesellschaft dienen kann, aber gerade diese Subjektivierung der Verantwortlichkeiten für die eigenen Lebenschancen sorgt für eine Abkopplung von Teilen der Gesellschaft. Daher bräuchte es eine neue Lebenschancenkultur. Viele Bürger haben eben nur dann eine echte Chance, wenn sie gut gefördert werden. Und diese Chancenkultur befördern, kann vor allem der Staat, der dafür aber eben auch die finanzielle Ressourcen braucht.

Einen echten fördernden Staat bekommt man also nicht mit einer Austeritätspolitik und auch nicht damit, dass man den Wohlhabenden gestattet, auf ihre Kapitaleinkommen und Vermögen so gut wie keine Abgaben zu zahlen. Reform der Erbschaftssteuer, Reform der Abgeltungssteuer, viel könnte man tun. Aber dafür muss sich die Politik ändern, und auch die Gesellschaft. Die Gesellschaft müsste aus einer Ego-Gesellschaft wieder mehr zu einer Wir-Gesellschaft wachsen, in der die Individuen ihre Verantwortung für die Wohlgeordnetheit des Ganzen akzeptieren und wahrnehmen.

Verhaltensökonomisch bleibt festzuhalten: Stabilität und Wachstum durch Umverteilung, das funktioniert. Warum? Weil Menschen die Gesellschaft und ihre Mitbürger beobachten. Was sie dort beobachten, entscheidet über ihr Verhalten mit. Soziale Gerechtigkeit ist so immer auch das Produkt einer Beobachtung. Soziale Gerechtigkeit wird immer in der Realität entschieden. Sie unterliegt realen Bewertungen. Daher sollte man den Bürgern Grund dafür geben, eine sozial gerechtere Entwicklung zu beobachten. Dafür braucht es nun aber Reformen und eine Steuerdebatte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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