Wir, die Angstgesellschaft

von Nils Heisterhagen18.11.2015Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Terroranschläge von Paris machen erneut bewusst, dass aus den westlichen Gesellschaften Angstgesellschaften werden. Es kommt gerade jetzt darauf an, sich nicht der Angst zu ergeben und vielmehr Hoffnung gegen Angst zu setzen.

Der Terror ist sinnlos. Zurück bleibt allein die Frage des „Warum nur?“. Der Terror erzeugt Ohnmacht, Hilflosigkeit und ein tiefes Kopfschütteln, was bloß aus der Welt geworden ist.
Was macht der Terror mit unseren freien Gesellschaften? Die Sinnlosigkeit des Terrors und seine Nicht-Begreifbarkeit erzeugen Angst. Die erneuten grausamen Terror-Anschläge von Paris machen wieder einmal bewusst, dass unsere Zeit von hohen Unsicherheiten geprägt ist. Angst – genau genommen Furcht – ist zu einem der Wesensmerkmale der postmodernen westlichen Welt geworden.

Und es ist nicht nur der Terrorismus, der seit dem 11.September 2001 wie eine grundlegende Unsicherheit in die westlichen Gesellschaften hineingesickert ist. Eine ganze Liste von Unsicherheiten machen die westlichen Gesellschaften zunehmend zu Angstgesellschaften. Da ist die Angst vor einer Tyrannei der Möglichkeiten, die die postmoderne Gesellschaft bietet. Da ist die Angst vor dem Scheitern in einer Welt, in der alles als möglich und machbar gilt. Da ist die Angst der eigenen Selbstverantwortlichkeit nicht gerecht werden zu können, der man gemäß des immer noch neoliberalen Zeitgeistes aber gerecht werden müsse. Und da ist die Angst vor der Beschleunigung im Digitalkapitalismus und die Angst dieser Beschleunigung und dem steigendem globalen Wettbewerb nicht mehr Stand halten zu können.

Die konservative Wende

Der Zeitgeist erzeugt Angst. Die Angstgesellschaft, sie ängstigt. Und diese Unsicherheit solle mit Stabilität eingedämmt werden. Das war und ist der Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung. Darin drückt sich die konservative Wende aus, die gegen den neoliberalen Zeitgeist Halt versprechen soll.

Diese Stimmung trug etwa Angela Merkel mehrfach ins Kanzleramt, diese Stimmung beschleunigte den Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland und Europa. Denn Merkel verspricht makroökonomische Stabilität und „Keine Experimente“ – das soll der Ankerpunkt in einer sich radikal verändernden und unsicheren Welt sein. Und der Rechtspopulismus verspricht denen, die sich von der Digitalisierung, den Flüchtlingen und dem Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt bedroht fühlen ihre bescheidenen Privilegien einzubüßen, Ankerpunkte. Er verspricht auch denen diese Ankerpunkte, die sich als Entkoppelte vom gesellschaftlichen Wohlstand empfinden – ohne echte Chancen zurückgelassen in einem Leben in Armut und Hartz IV. Und der Rechtspopulismus verspricht diesen beiden Gruppen diese Ankerpunkte, indem er die Ursache all ihren Leidens in und an der „Alles-ist-möglich-Gesellschaft“ auf die Flüchtlinge, die Muslime, die Europäische Union oder sonst einen Sündenbock schiebt – ihr Frust soll sich an etwas abarbeiten können.

Diese Suche nach Ankerpunkten funktioniert aber so nicht. Es sind nur Beruhigungspillen – Opium fürs Volk. Die Politik Merkels ist gescheitert – nichts ist wirklich stabil geworden. Und der Rechtspopulismus ist nicht die Alternative, die nun die Leerstelle an neuer Politik und Sinnbedürftigkeit füllen sollte. Nein, der Rechtspopulismus ist kein Ausweg aus der Angstgesellschaft – er würde uns vielmehr nur weiter in sie hineintreiben.

Wir brauchen eine Politik der Hoffnung

Was wir brauchen, ist eine Politik der Hoffnung. Wir schaffen nicht Sicherheit, in dem wir versuchen alles auszusitzen und allenfalls an kleinen Stellschrauben drehen (Merkel) oder indem wir auf andere schimpfen (AfD und co.). Pragmatismus und Populismus können wir gerade beides nicht gebrauchen. Wir schaffen Sicherheit nur durch echten Wandel und dieser Wandel bedeutet ein politisch-gesellschaftliches Großprojekt, in dem wir als Individuen nicht resignieren, nur weil alles so unkontrollierbar, so unübersichtlich, so übermächtig erscheint. Wir als Bürger müssen uns zutrauen gemeinsam die Zukunft gestalten zu können. Wir als Bürger müssen uns zutrauen, der Richter der Zukunft zu sein. Und wenn wir uns zutrauen, dieser Richter zu sein, dann müssen wir eine Richtung setzen, und die setzen wir mit Hoffnung. Und Hoffnung ist ansteckend. Je mehr Menschen sie haben, desto größer wird eine Bewegung, die sich nicht mehr gefallen lässt, dass so vieles nicht mehr bewegbar erscheint. Das Ende der Geschichte ist eben noch nicht erreicht. Das sollte dem Westen langsam klar werden. Der Liberalismus hat nicht gesiegt – er ist in der Krise. Er muss erneuert werden. Er muss sozialer werden. Er muss sich mit der Idee jenes Republikanismus versöhnen und verbrüdern, dem es um das Wohl des Ganzen bestellt ist – er muss in ihm aufgehen. Dieses Gemeinwohl, was gefordert ist in den Blick zu nehmen, braucht jenes politisch-gesellschaftliche Großprojekt. Und dieses Projekt macht nicht mehr an Grenzen halt. Es ist ein Projekt verantwortungsvoller Weltbürger.

Dieses Großprojekt muss also von den Bürgern gewollt und getragen sein. Sie müssen es aktiv und selbstbewusst fordern. Aber es müssen auch Volksvertreter bereit stehen, die sich mit dieser Bewegung assoziieren und sie mit vorantreiben. Dieses Projekt stärkt den Staat und seine supranationalen Erweiterungen und macht sie handlungsfähiger. Die Politik muss mehr Geld in die Hand nehmen, um es in unsere gemeinsame Zukunft zu investieren und Lebenschancen fairer zu verteilen – und für die Verfügbarkeit dieses Geldes muss sie endlich damit aufhören, die Besteuerung von Kapital großräumig und großzügig zu umgehen. Die Politik muss den Eindruck vermitteln, dass niemand abgeschrieben wird und „Wohlstand für alle“ kein geflügeltes Wort, sondern ernstgemeinter Anspruch ist. Sozialen Fortschritt gibt es entweder für so gut wie alle oder es ist kein Fortschritt. Somit ist ein freiheitlich-sozialdemokratisches Projekt gefordert, welches Hoffnung versprüht und die Angstgesellschaft aus ihrer Starre, aus ihrer Mutlosigkeit und ihrer selbstbezogenen Sorge befreit. Hoffnung befreit: Das ist die Botschaft, die wir brauchen.

Die drohende Abwärtsspirale der Angst

Hoffnung, das ist auch das, was der Ideologie des Islamischen Staates seine Basis nimmt. Denn das Fundament des Terrors ist die Angst. Die Hoffnung muss nun vor allem auf ein gutes Leben für alle zielen. Denn mit mehr sozialer Sicherheit und Lebenschancen für so gut wie alle, werden sich auch weniger Menschen aus Perspektivlosigkeit jener anti-humanistischen Ideologie des IS verschreiben. Wer das begründete Gefühl hat, Teil eines größeren Ganzen zu sein, was wohlgeordnet ist, der wird dieses Ganze nicht bekämpfen, sondern individuell fördern. Das Ganze – unsere gemeinsame Welt – braucht daher eine verbesserte Ordnung, weil es nicht wohlgeordnet ist. Scheitert das humanistische und soziale politisch-gesellschaftliche Großprojekt aber, oder kommt es erst gar nicht zu Stande, weil die Angst die Hoffnung zurückhält, dann droht die Welt in ein dauerhaftes Chaos der Unsicherheit zu verfallen – diese drohende Abwärtsspirale der Angst könnte die Welt in immer dunklere Abgründe zurückwerfen, in der man sich irgendwann nichts mehr sicher sein kann. Wenn wir diese Abwärtsspirale der Angst nicht wollen – und die können wir nicht ernsthaft wollen – dann müssen wir aufhören lediglich nach oberflächlicher Stabilität und eigener Selbstbehauptung in einem höchst instabilen System zu suchen. Wir müssen den erbaulichen Mut fassen mit der Hoffnung Licht in das Dunkel zu bringen. Angst zerstreut man gemeinsam.

Wer sich aber von der Angst lähmen lässt, der hat schon verloren. Und die Welt verliert mit. Hoffnung kann man aber auch nicht empfangen, man muss sie vielmehr geben. Und deshalb müssen wir die Hoffnung aktiv äußern!

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