Deutschland 2.0

von Nils Heisterhagen1.05.2015Innenpolitik, Wirtschaft, Wissenschaft

Deutschland könnte von der nächsten industriellen Revolution profitieren wie kaum ein anderes Land. Wenn die Politik denn richtig handelt: ein Acht-Punkte-Plan.

„Industrie 4.0“ ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Sie soll eine vierte industrielle Revolution auslösen, indem sie die Fertigung nun endgültig mit der IT fusioniert und dadurch nicht nur weitere Automatisierungspotenziale verspricht, sondern auch neue Flexibilitätspotenziale für die Produktion, für die Produkte und ebenso für die Mitarbeiter.

Die Industrie 4.0 kann auch dafür sorgen, dass Produktion nach Jahren des „Offshorings“ in Billiglohnländer wieder nach Deutschland zurückgeholt werden kann, weil die Größe der Fabriken ebenso wie die Anzahl der Arbeiter nicht mehr der entscheidende Faktor sein wird. Viel wichtiger werden digital gut ausgebildete Arbeiter, als auch die Netzwerke aus Wissenschaft und Wirtschaft, die die Innovationen bei der Produktionstechnik hoch halten. Das alles spricht für Deutschland. Das sind erst einmal gute Nachrichten: Allerdings muss Deutschland den Vorsprung, den es bei Industrie 4.0 hat, auch ausbauen.

Andere Länder haben genauso verstanden, welche Dynamik in dem Thema der digitalen Produktion steckt und gehen dort intensiv hinein und nehmen Anpassungen vor. Sie verfolgen unsere elaborierte Diskussion hierzulande intensiv und wissen, dass Industrie 4.0 mehr als nur eine Modeerscheinung ist.
Dass in einem globalen kapitalistischen Wirtschaftssystem auch ein Wettbewerb um die digitale Vorherrschaft entstehen wird, steht außer Frage. Die Digitalisierung wird zwar mehr Wohlstand und Lebensqualität für alle Menschen bedeuten, da sie den Menschen zunehmend von der Sorge um sein Überleben entlasten wird, aber der Übergang zu einer voll digitalen Welt, in der die größten Probleme der Armut beseitigt sein könnten, könnte sich durch sehr stark unterschiedliche Wohlstandsentwicklungen auszeichnen.

Kein Kampf der Nationen, sondern supranationale Koordination

Wir müssen daher einen neuen Kampf der Nationen in der neuen digitalen Zukunft des Kapitalismus unbedingt verhindern und neue Mechanismen für eine bessere internationale Koordination und für einen sozialen Ausgleich zwischen den Nationen ausloten, an dessen Ende auch supranationale Staatsstrukturen zu deren Umsetzung stehen sollten. Daher wird es eine Weltsozialpolitik geben müssen, die für die weltweite Akzeptanz der Digitalisierung notwendig und außerdem relevant für die Gerechtigkeit ist.
Aber auch wenn der Wettbewerb in einem besseren Rahmen des Ausgleichs stattfinden kann und sollte, wird es diesen Wettbewerb geben.

Dieser internationale Wettbewerb erfordert eine digitale Agenda in Deutschland, um in ihm zu bestehen. Acht Punkte sind dabei zu berücksichtigen:

Die Industriewende 4.0 muss erstens von einer digitalen Fachkräfteinitiative begleitet werden. Sie ist also eine Qualifizierungswende. Nur, wenn Deutschland sein Bildungs- und Ausbildungssystem schnell an die digitale Zukunft weiter anpasst, bleibt es auch bei Industrie 4.0 vorne.

Diese Qualifizierungswende betrifft nicht nur das duale Ausbildungssystem mit seinen Berufsschulen, in denen die Facharbeiter von morgen auf die neue Art der digitalen Produktion bereits vorbereitet werden müssen. Ebenso wird es neue Studiengänge wie „Data Scientist“, „Data Strategist“ oder „Industrierobotik“ geben müssen. Über eine Ausweitung des dualen Studiums ist hier insbesondere nachzudenken. Auch in den Schulen muss schon frühzeitig Informatik und Technik gelehrt werden.

Zweitens sollte die Grundlagenforschung zu Industrie 4.0 an den Universitäten und Fachhochschulen finanziell stärker unterstützt werden. Eine intensive digitale Forschungslandschaft wird essenziell für die Innovationsfähigkeit in Fragen der Industrie 4.0 sein. Da steht Deutschland ordentlich da, aber das kann noch wesentlich verbessert werden.

Drittens müssen auch Konzepte für Weiterbildung und lebenslanges Lernen wie staatliche Weiterbildungsprogramme oder Zuschüsse und steuerliche Begünstigungen für weiterbildende Unternehmen etabliert werden. Diese digitale Weiterbildungsoffensive wird allerdings nicht nur Geld kosten, sie bedarf auch einer Kulturveränderung. Weiterbildung und lebenslanges Lernen wird in Deutschland weniger praktiziert als in anderen Ländern. In Deutschland orientiert man sich nicht so gerne um, man mag Beständigkeit, klare Strukturen und Formen. Die deutschen konservativen kulturellen Gewohnheiten könnten hinderlich dabei sein, das Potenzial von Industrie 4.0 schnell zu schöpfen.

Viertens sollten schnell verschiedene Varianten von steuerlichen Anreizsystemen für Unternehmen diskutiert werden, die in Forschung und Entwicklung investieren.

Das Sozialsystem ist veraltet

Fünftens wird es mehr als warme Worte für den Breitbandausbau geben müssen. Wir müssen so schnell wie möglich eine digitale Infrastruktur ausbauen, die auch ländliche Regionen mit schnellem Internet versorgt. Denn dort sitzen oft die Hidden Champions, die wir für das Gelingen der Industrie 4.0 daher auch infrastrukturell schnell unterstützen müssen.

Sechstens wird es – vor allem auf EU-Ebene – Strategien für die IT-Sicherheit geben müssen. Datenschutz zu garantieren, ist aber nicht nur eine ordnungspolitische Aufgabe, sondern auch eine technologische Herausforderung. Um IT-Sicherheit zu gewährleisten, wird es daher vertrauenswürdige Netzwerke aus IT-Dienstleistern und Industrieunternehmen geben müssen. Aber auch neue Anreize für junge Menschen, Informatiker zu werden, sind entscheidend. Denn ohne viele IT-Fachkräfte wird es auch keine IT-Sicherheit geben können.

Siebtens wird die Industrie 4.0 auch eine Arbeitsmarktpolitik 4.0 benötigen. Formen des _liquid work,_ also Projektarbeit, werden in Zukunft zunehmen. Diese Befristungskultur wird dabei sehr wahrscheinlich nicht die klassische deutsche Industrie treffen, die vielmehr gestärkt und mit verbesserten Arbeitsbedingungen – vor allem mehr unbefristeten Arbeitsverträgen – von einem digitalen Strukturwandel profitieren wird, sondern vor allem wird dieses _liquid work_ die Softwarespezialisten und digitalen Kreativarbeiter sowie die Dienstleistungsberufe im Allgemeinen treffen.

Fest steht allemal, dass unser Sozialsystem auf diese temporäre Beschäftigung einfach nicht gut eingestellt ist. Es ist vielmehr immer noch eine Versicherung im Falle der Arbeitslosigkeit für Arbeitnehmer mit einem zuvor unbefristeten Vollzeitarbeitsverhältnis. Das deutsche Sozialsystem muss neue sozialpolitische Konzepte für die steigende Anzahl temporärer Beschäftigung finden. Das ist die arbeitsmarktpolitische Herausforderung der nahen Zukunft.

Achtens werden wir einen “New Deal für Technologieförderung”:http://www.handelsblatt.com/technik/das-technologie-update/energie/gastbeitrag-wir-brauchen-einen-new-deal-fuer-technologiefoerderung/10932186.html brauchen. Der Staat muss Leuchtturmprojekte für Industrie 4.0 fördern und damit der Industrie 4.0 eine Anschubfinanzierung ermöglichen. Die Industrie 4.0 steckt immer noch in der Erprobungsphase, sodass privates Kapital noch nicht dort hin fließt.

Privates Kapital aber wird fließen, wenn man mit der neuen Automatisierungstechnik, digitalen Maschinen und den entstehenden _smart services_ rund um digitale Industrieprodukte viel Geld verdienen kann. Stützen wir die Industrie 4.0 also jetzt mit staatlichen Projektfinanzierungen, könnte die Industrie 4.0 alsbald auch mehr Privatinvestitionen nach Deutschland locken.

Und dies, weil die deutschen Unternehmen sich dann besser als Leitanbieter in Industrie 4.0 etablieren können. Und weil durch die neue Technik und die durchaus gute Ausgangssituation von qualifizierten Arbeitskräften auch wieder mehr Industrieproduktion nach Deutschland geholt werden kann. Diese Reindustrialisierung wird selbstverständlich sodann auch einen Anstieg der Privatinvestitionen bedeuten. Die Industrie 4.0 zu fördern, könnte demnach auch eine Antwort auf die momentan viel diskutierte deutsche Investitionsschwäche sein.

Den Digitalisierungsrausch vermeiden

Außerdem braucht es die Anschubfinanzierung auch deswegen, weil viele mittelständische Unternehmen ressourcentechnisch wie inhaltlich mit der neuen IT-Wende in der Produktion überfordert sein könnten. Denn viele mittelständische Maschinenbauer sind eben Maschinenbauer und keine Informatiker. Diese Mittelständler von Industrie 4.0 komplett zu überzeugen, wird an sich schon keine leichte Aufgabe. Anschubfinanzierung wird dabei essenziell sein, um das Eis für die Industriewende 4.0 zu brechen. Diese Wirtschaftsförderung wird den zentralen Teil einer Agenda für die Industriewende 4.0 bilden müssen.

Wir dürfen in Deutschland zwar nicht in einen Digitalisierungsrausch verfallen, aber dennoch sollten wir versuchen, die Chancen von Industrie 4.0 zu sehen. Wir dürfen die Risiken nicht umgehen und verschweigen. Wir müssen einen wachen Blick für die möglichen Arbeitsplatzverluste haben, die die Digitalisierung erzeugen könnte.

Vor allem aber brauchen wir unbedingt einen Gestaltungsdiskurs für die Industriewende 4.0.

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