Ich glaube nicht an Alles-oder-Nichts-Vorschläge. Thomas Piketty

Politikversagen. Das schlägt auf Ihre Gesundheit!

In kaum einem Thema ist die Gestaltungshoheit der Politik so groß. Warum, frage ich mich, schleppt sich die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts mit den Versprechen des 19. Jahrhundert (Bismarckscher Sozialstaat) in den institutionellen Formen des 16. Jahrhunderts (“freie Berufe”) über die Bühne?

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10 Prozent unseres Bruttosozialproduktes fließen in den Gesundheitsbereich, mehr als 10 Prozent der Beschäftigten arbeiten für unsere Gesundheit. Zu wenige, wenn wir dem SPD-Gesundheitsprofessor Dr. Karl Lauterbach lauschen, der schon mal vorgerechnet, dass künftig jeder Absolvent des Bildungswesens als Pfleger arbeiten müsse. Er hat die Bedarfe einfach mit dem Lineal über die Jahrzehnte hochgezogen. Die Kosten, so meint er, wären nicht das Problem, die Frage wäre, woher man diese Menschen alle schöpfen könne.

So geht Panikmache

Besitz=Wissen=Macht.

Die Gegenseite: Wer qualifizierte pharmazeutische Leistung erbringen will, muss eine Apotheke besitzen. Oder zwei oder maximal drei, denn die schlagkräftigste Lobby des Gesundheitswesens, die Apotheker, schreien Zeter und Mordio, wenn man ihr an die Pfründe will. Der verfassten Ärzteschaft gelingt es immer wieder, den Begriff Unternehmertum fröhlich auf den Lippen, gewerkschaftssimulierende Einkommenssicherung zu fordern. Gleichwohl ist das staatlich legitimierte Versorgungssystem nicht in der Lage, genügend Ärzte in die Fläche zu schicken, lieber ballt sich Arzt und Ärztin in den besseren Vierteln Berlins, Hamburgs oder Münchens.

Jahrhundertealte Bestandswahrung

Zäher Stillstand zeichnet das Gesundheitswesen aus. Eines der letzten Highlights: Mit 1-4 €uro werden Ärzte über das eHealth-Gesetz (!) vergütet, wenn sie multimorbiden Patienten ihre Arzneimittelverordnung AUSDRUCKEN. Digitalisierung -0,7.

Und im ständisch stehenden Gewässer des Gesundheitswesens blühen die schönsten Sumpfpflanzen: Ihre Namen: Evidenz Based Medicine und Kongresswesen.

Warum Evidence Based Medicine keine Evidenz hat.

Evidence Based Medicine, auf dieses Passwort haben sich die Beteiligten verständigt, wenn es darum geht, die Veränderungen, zu denen der gesunde Menschenverstand sofort ein überzeugtes “ja” bekunden würde, so lange zu blockieren, bis standardisierte Großkohorten statistisch belastbare Aussagen zu Zusammenhängen, die so in der Realität nicht vorkommen, zulassen. Es blüht eine rege, aber oftmals denkfaule Gutachterindustrie, bei der (fast) jedes Gutachten mit dem Verweis endet, Genaueres könne man noch nicht sagen, da wären zusätzliche Untersuchungen notwendig.

Einkommenssicherungsmaschinen. Jeder nimmt, was er kriegt

Nicht machen, sondern übers Machen reden! Das blühende Kongresswesen.

Die Ergebnisse dieser Gutachten werden auf zahllosen Kongressen, alle breitest angelegt, dann wiedergekäut.

Warum die Zuhörer da hin gehen? Es gibt Fortbildungspunkte, die weithin freihändig vergeben werden; – bis die Bildzeitung die Branche wieder mal durch die Gassen treibt. Und offensichtlich, so mein Verdacht, flüchten die Kongressteilnehmer lieber aus den Kliniken als vor Ort Evidence Based Medicine umzusetzen oder weitgehend formalisierten und bürokratisierten Fehlervermeidungs- oder Qualitätssicherungsprozessen Genüge zu leisten.

Arsch in der Hose! Oder nicht?

Das alles findet, mit unserem, dem Geld der Steuerzahler und der Versicherten vor den Augen der dafür verantwortlichen Politiker statt.

Und die verteidigen die “flächendeckend gleichmäßige” Gesundheitsversorgung entgegen der Alltagserfahrung und allem Augenschein, mit Klauen und Zähnen.

Sie bedienen sich dabei einer perfiden Arbeitsteilung: In Koalitionsvereinbarungen werden hochfliegende Begriffe, Konzepte und eine wachsende Anzahl beurteilender Institutionen festgeschrieben. Die Umsetzung wird dann auf eine sich selbst blockierende Selbstverwaltung übertragen. Ihnen wird zwar gelegentlich, wie jetzt der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, deren ehemaliger Vorsitzender sich nicht nur ein 350.000 €-Einkommen und, nach seinem Ausscheiden mit 55 Jahren eine Monatsrente von 21.000 € mit Hilfe seiner für die Finanzen zuständigen Lebensgefährtin zugeschanzt hat, der Stinkefinger gezeigt. Das aber nicht persönlich, sondern es wird dazu ein aufwändiges Gesetzesvorhaben gestartet, das nun alle Institutionen mit denselben hoch formalisierten Regeln knechtet.

Das führt zu wachsender Erstarrung, im Terminus Technicus Institutionelle Sklerose genannt, eine Blockade grundlegendster Bewegungs- und Veränderungsprozesse.

Warum mich das ärgert?

Ich gebe zu, nie hätte ich, in politik affinen grünen Umfeldern groß geworden, ein derartiges Maß an Realitätsverweigerung vermutet. Es ist eine “Debattenkultur” entstanden, in der Schlüsselbegriffe, die Augen immer auf die neuesten Meinungstrends der ressourcen zuführenden Nomenklatura geheftet, aufgenommen, sinnfrei im Munde geführt und anschließend wiedergekäut werden.

Aus dem Tagebuch einer Schnecke: Die Geschichte der Digitalisierung

Kein Wunder, wenn das Gesundheitswesen die Digitalisierung scheut wie der Teufel das Weihwasser. Veränderungen werden nur in homöopathischen Dosen vorgenommen. 12 Jahre wurstelt das Gesundheitswesen an einer Elektronische Gesundheitskarte, die – noch immer gar nichts kann. 1,2 Mrd. € hat das gekostet, man bastelt weiter (bloß kein Gesichtsverlust), obwohl die Gematik die Gesundheitswelt von Morgen in den Technologiekonzepten von vorgestern (12 Jahre!!!) entwickelt.

Byzanz lässt grüßen!

Es geht auch anders. Drei Männer ohne Arztkittel

Der Witz in der Geschichte des Gesundheitswesens: Drei Männer waren es, die, wenngleich mit Peitsche oder Dreschflegel, der Branche das Laufen lernten: Rhönkliniken-Gründer Eugen Münch, Asklepios Eigner Bernard große Broermann und Helios-Gründer Lutz Helmig, drei alte Männer. Sie haben das Gesundheitswesen zum Jagen getragen, erst zusammen, dann standen sie, drei große Egos, den größten Klinikkonzernen vor (jedenfalls bis vor kurzem). Sie haben, um mit Münch zu sprechen, das Gesundheitswesen vom Manufakturzeitalter in die industrielle Gegenwart katapultiert. Und viel Geld damit gemacht. Nicht immer schön, aber dringend notwendig, wenngleich die Verdammten dieses Gesundheitswesens, das nichtakademische Pflegepersonal, keine Loblieder singen kann.

Drei Männer ohne Arztkittel. Ohne Kongress. Aber mit Schlauheit und Mut. Soviel zur Kultur des Redens.

Warum Sie?

Weil, und deswegen zeigt sich im Gesundheitswesen paradigmatisch, Konsens und Konfliktvermeidung über alles geht. Aber die Zauberformel "Partizipation, Mitbestimmung, öffentliche Gestaltungshoheit” offensichtlich vor allem verhexte Unverantwortlichkeit hinterlässt.

Derwegen braucht es Menschen und Kräfte, die ihre Ressourcen und Lösungen von außerhalb schöpfen.

Der größte Irrtum: Politik will Probleme zu lösen. Falsch! Sie will Begriffe besetzen.

Politik will keine Probleme lösen, sondern lediglich die Themensetzungskompetenz für sich reklamieren. Aus dieser Perspektive ist die hohe Anerkennung Angela Merkels im Volk verständlich: Die Antipolitikerin hat sich dem Versprechenswettlauf durch trotzige Weigerung weitgehend widersetzt. Was auf den Schreibtisch kommt, wird erledigt.

Respekt!

Was tun? Nicht auf die Politik warten!

Die mit den 68ern, der Linken und den Grünen groß gewordene Politisierung der Gesellschaft stößt an ihre Grenzen. Allüberall, aber eben nirgends so schmerzhaft wie im Gesundheitswesen. In einer Zeit disruptiver Erneuerung scheint Gesundheit ein stabiler Bereich. Aber der Niedergang großer, scheinstabiler Systeme geht schnell, schmerzhaft und gründlich. Die Geschichte der DDR mahnt uns. Die der Energiewirtschaft auch.

Das Gesundheitswesen hat die schlechtesten Eigenschaften zentralistisch planender Systeme mit den schlechtesten Eigenschaften mangelnden Durchgriffs gepaart: Erst werden keine Entscheidungen getroffen und dann werden sie auch nicht durchgesetzt.

Nicht ohne Grund sind die sogenannten Neuen Bundesländer längst Vorreiter geworden: Von der Not gezwungen gebären Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen neue Lösungen. Noch dazu ein eigenwilliger AOK Vorsitzender in Baden-Württemberg, Dr. Christopher Herrmann, der Deutschlands einziges langfristig agierendes Integriertes Versorgungsgebiet, das Gesunde Kinzigtal, geschaffen hat.

Sturheit statt Partizipation

Wir sehen uns um. Apple, Amazon, Google, Microsoft ante Portas. Ein Drittel der deutschen Ärzteschaft geht von 2021 in Ruhestand, statt gockelhafter Männer vor prächtig aussehenden Praxishelferinnen drängen worklife balancierende Frauen nach.

Niedergelassene, adieu! Apotheker tschau! Gesundheit braucht Verantwortung, Struktur und Management. Die Zukunft gehört anderen.

Wenn die Not am größten, naht das Rettende auch!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dokumentation - Texte im Original, Harald Weinberg, Dietmar Bartsch.

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