Drei Leben für lau

Nikolaus Blome19.01.2011Gesellschaft & Kultur

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die zu retten ein Klacks wäre. Wir müssten dafür an keiner Stelle unser Leben ändern. Wir müssten auf nichts verzichten und nichts zusätzlich leisten. Diese drei Leben pro Tag in Deutschland sind, so gesehen, eigentlich gratis. Drei Leben für lau.

Den drei Menschen, die jeden Tag sterben, fehlen lebenswichtige Organe. Genauer: Es fehlt ihnen der passende Organspender. Und zwar nicht, weil so wenige Menschen mit geeigneten Organen in Deutschland sterben. Sondern weil so wenige Deutsche eine Organspende nach dem Tod ausdrücklich akzeptiert haben. Weil so wenige einen offiziellen Organspendeausweis haben. Wohlgemerkt: Wer nach reiflicher Überlegung sagt, er will seine Organe auch nach dem Tod behalten, den muss man zwar nicht verstehen, wohl aber respektieren. Wer ausdrücklich lieber mit Leber und Nieren verwest als ohne, der soll seinen Willen haben – und wird hoffentlich am Himmelstor gefragt, warum er es so haben wollte, anstatt einem Menschen in Not zu helfen. Liebe reicht über den Tod hinaus, heißt es. Nächstenliebe nicht?

Der eigene Tod ist noch immer Tabuthema

Wer aber gar nicht erst überlegt, einfach gar nichts sagt und deshalb als Spender ausfällt, den kann man nicht respektieren, sondern nur verachten. Es ist nämlich verachtenswert feige, nicht an den, igitt igitt, eigenen Tod denken zu wollen – und allein damit einem anderen womöglich die letzten Hoffnungen zu rauben und ihn zum Tode zu verurteilen. Indirekt und anonym selbstredend, was die Sache ja noch einmal einfacher macht. Feigheit ist also der eine denkbare Grund für die Mehrheitshaltung der Deutschen, Trägheit der andere, nicht minder skandalöse. Eine ganze Schönheits- und Diätindustrie lebt blendend davon, wie viel Aufmerksamkeit die Deutschen inzwischen darauf verwenden, was ihrem Körper schön und gut tut. Aber daran, wem dieser Körper einmal gut tun könnte, will die große Mehrheit keinen Gedanken verschwenden. Interessiert sie einfach nicht. Aber wäre das wirklich zu viel verlangt? Ich meine ganz klar nein.

Wichtige Fragen einer alternden Gesellschaft

Darum ist es eine gute, weil praktische Idee, jeden Bürger einmal im Leben mit dieser Frage zu konfrontieren: Wie hältst du es mit deinen Organen, wenn du tot bist? Es wird ja auch, mit Erfolg übrigens, jeder Bürger angehalten, rechtzeitig das Maß an lebensverlängernder Apparatemedizin schriftlich festzulegen, das er zum Ende seines Lebens erhalten bzw. ertragen möchte. Eine Patientenverfügung anzulegen gilt inzwischen als guter Ton, auch wenn die Auseinandersetzung damit großen Aufwand bedeutet. Ist die Frage nach der Organspende im Vergleich dazu weniger wert – oder etwa schwieriger zu beantworten? Im Ernst ja wohl beides nicht. Und warum soll diese Frage nicht zum Führerschein oder besser noch zum 18. Geburtstag gestellt werden? Jenem Tag, an dem man die volle Verantwortung für sein Leben in die Hand bekommt – und darum auch für sein Sterben. Erst recht einer alternden Gesellschaft steht es gut an, mehr als bislang über eben das Alter und das Sterben nachzudenken. Von den drei geretteten Leben pro Tag ganz zu schweigen.

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