Nie mehr Maggie Merkel

Nikolaus Blome15.01.2010Politik

Angela Merkel drückt sich nicht vor der Auseinandersetzung mit Kritikern, sie wartet lediglich auf den richtigen Zeitpunkt. Ihre Gegner stellt sie damit bloß und als Nächsten wird es Guido Westerwelle und seine FDP erwischen.

Angela Merkel und ihre notorische “Führungsschwäche”. Ach weh, möchte man seufzen, ist es schon wieder so weit? So alt der Vorwurf nämlich ist, so absurd ist er unter dem Strich. Denn er geht an Stärken und Schwächen der Kanzlerin gleichermaßen vorbei. Meilenweit. Steuerpolitik, Gesundheitsreform, CDU-Profil: Nach Amtsantritt und Stolperstart der schwarz-gelben Koalition gibt es guten Grund zu fragen, ob die Kanzlerin das Land und ihre Partei in die richtige Richtung führt. Bringt sie uns zu viel oder zu wenig Staat, zu hohe oder zu niedrige Steuern, zu wenig oder zu viel Freiheit? Aber dass Merkel überhaupt nicht führt, nirgendwohin, das behaupten vor allem jene, die in solchen Richtungsstreitigkeiten Angela Merkel unterlegen sind. Sie rufen “Führungsschwäche”, aber in Wahrheit ärgert sie bloß, dass Merkel in eine andere Richtung führt, als sie es wollen. Es ist die Rache der Überrollten, nicht wahr, Herr Merz, Herr Stoiber, Herr Schröder, Herr Steinmeier? Als Nächstes ist übrigens Guido Westerwelle dran, wenn es um das Abspecken der Steuerreform 2011 gehen wird.

Führung heißt, alle Schlachten, die man nicht gewinnen kann, erst gar nicht zu schlagen

Vor den Augen der Öffentlichkeit ist die Kanzlerin keine Zauberin, sondern eine Zauderin. Sie legt sich intern früh fest und öffentlich spät. Ihr Führen findet in der Phase dazwischen statt, aus dem Hintergrund, nicht von der Spitze der Bewegung. Für Angela Merkel heißt Führung, alle Schlachten, die man nicht gewinnen kann, erst gar nicht zu schlagen, sondern auf den Moment und die Konstellation hinzuarbeiten, in der man sie gewinnt. Darum hat sie in der Großen Koalition keine große Steuerreform versucht: Mit der SPD hätte sie schlichtweg keine bekommen, die den Namen wert gewesen wäre. Alle, die sich im Boom 2007 irgendeine Steuerreform wünschten, waren verärgert. Wer dagegen eine Steuerreform wollte, die vor allem jene entlastet, die in Deutschland den Karren ziehen, hat sie verstanden. Solcherart Stil und Strategie haben Angela Merkel bald zehn Jahre an der Spitze der CDU eingetragen sowie zwei Siege bei Bundestagswahlen. Und sie haben großen Anteil daran, dass in zehn der 16 Bundesländer CDU-Politiker Regierungschef sind. “Führungsschwäche” sieht anders aus. Vor allem aber hat Angela Merkel die CDU verändert. Schon vor den Regierungsjahren mit der SPD hat sich die Partei zu jener Mitte hin geöffnet, die zuvor Gerhard Schröder wählte. Merkel hat der CDU eine moderne Familienpolitik anerzogen, ebenso eine zeitgemäße Haltung zu Integration und Einwanderung. Und sie hat die CDU verjüngt. Was in Wahrheit fast Revolution war, hat Merkel aussehen lassen wie ein unspektakuläres Fortschreiben der eigenen Tradition – ihre Art zu führen.

Nüchtern abgewogen

Noch einmal: Man mag es für unwürdig halten, dass die Chefin einer C-Partei den Papst maßregelt. Man mag es für aberwitzig halten, die Tür für Mindestlöhne zu öffnen oder einen Islam-Gipfel zu veranstalten. Aber man kann auf keinen Fall sagen, dass Angela Merkel bei all dem nicht Risiken gegen Chancen nüchtern abwägt und stets ein Ziel für die CDU vor Augen hat: Die Partei in Deutschland zu bleiben, ohne die es keine Mehrheit im Bundestag gibt; die letzte Volkspartei eben. Darum wird Angela Merkel nie wieder “Leipzig” sein; nie mehr die rasselnde Radikal-Reformerin “Maggie Merkel”. Sie wird versuchen, das Land still und geschmeidig zu führen und zu modernisieren. Nicht weil sie führungsschwach ist, sondern weil es für sie mit der lauten und sperrigen Methode nachweislich nicht funktioniert. So einfach ist das. *Von Nikolaus Blome ist zuletzt das Buch “Faul, korrupt und machtbesessen? Warum Politiker besser sind als ihr Ruf” wjs Verlag erschienen.*

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