Ohne Gott in die Kiste

von Nigel Warburton12.05.2013Gesellschaft & Kultur

Eines der größten Mankos des Atheismus ist, dass er kein vernünftiges Bestattungsritual kennt. Es bräuchte einen Dichter oder Philosophen, um diese Lücke zu füllen – er könnte sich ruhig bei der Religion bedienen.

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht“, schreibt Wittgenstein und spielt damit auf den griechischen Denker Epikur an: „Solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.“

Recht haben beide. Diejenigen von uns, die nicht plötzlich oder im Schlaf sterben, werden den Tod zwar erleben, aber nicht überleben: Nach dem letztem Atemzug bleibt nichts zurück außer dem Körper. Es gibt keine Seele, die diese Hülle verlässt. Der Tod ist die komplette und endgültige Auslöschung des Bewusstseins. Wir sind Tiere, wenngleich außergewöhnliche, und damit physikalische Wesen. Wenn der Körper schlapp macht, dann gibt er – im wahrsten Sinne des Wortes – den Geist auf. Danach ist nichts. Game over.

Wir müssen uns keine Sorgen machen um den Himmel, die Hölle oder das Zwischenreich. Wir werden nicht zum Spielball kleiner, mit Mistgabeln bewaffneter Teufel, und wir werden auch nicht zur Rechten Gottes sitzen. Unsere Liebsten werden nicht plötzlich aus gleißendem Licht heraus auf uns zutreten, unversehrt wie vor dem Tod. Es warten auch keine 72 Jungfrauen auf uns – männlich oder weiblich, das ist hier egal. Wir sind nicht mehr. Was bleibt, sind die Spuren, die wir für eine Weile in den Erinnerungen anderer hinterlassen. Doch auch die verblassen mit der Zeit.

Für Atheisten ist das offensichtlich. Doch von der Religion wird genau diese fundamentale Wahrheit über die Existenz des Menschen – die Einsicht, dass wir ein Teil der Natur sind und genau wie alles andere vergehen und vergessen werden – unter großer Anstrengung verleugnet.

Der Predigt über das Leben nach dem Tod haftet etwas besonders Abstoßendes an, wenn sie über dem Leichnam eines Atheisten ausgeführt wird – eine Praxis, die über Jahrhunderte hinweg die Norm war. Lange Zeit besaß die Religion das Monopol über Bestattungsriten, doch eine solche Anmaßung ist im 21. Jahrhundert nicht mehr zu entschuldigen. Die religiöse Bestattung ist ein Verrat am Glauben des Nicht-Gläubigen.

Säkulare Zeremonien, wie sie beispielsweise von der Britischen Humanistischen Union in über 10.000 Fällen pro Jahr angeboten werden, bieten Angehörigen und Freunden die Möglichkeit, die Toten ohne belanglose religiöse Praktiken zu bestatten. Oftmals leben diese Zeremonien von der Improvisation: Sie bedienen sich der Lieblingsmusik des Verstorbenen, sie rezipieren Anekdoten oder Gedichte und zelebrieren die Essenz eines gelebten Lebens. Sie bieten den Trauernden Trost: Der nicht-gläubige Verstorbene hätte sich sicherlich eine solche Zeremonie gewünscht.

Christliche Bestattungen drehen sich um Erlösung und Wiederauferstehung. Sie setzen damit den Glauben an das ewige Leben des Toten voraus und werden bestimmt von tröstenden, aber letztendlich irreführenden Gebeten, in denen die Hoffnung auf eine sichere Reise der Seele ins ewige Jenseits zum Ausdruck kommt. Die christlichen Rituale bauen auf jahrhundertealten Traditionen auf, auf Riten und Gedichten, die sich von der Trauer um den Einzelnen emporschwingen zu Gedanken über die Sterblichkeit, über Gott und über unseren Platz im Kosmos.

Säkulare Riten sollten das Leben feiern

Im Gegensatz dazu zelebrieren Atheisten die Vergangenheit und das Leben. Säkulare Riten leben von der Erinnerung an das, was einmal war. Sie sind Denkmäler. Der Verstorbene hat keine Zukunft, er ist im Tod reduziert auf die Summe seiner Handlungen und Beziehungen und auf die Eindrücke, die er bei anderen hinterlassen hat. Der Verstorbene ist nicht „vergangen“ oder „von uns getrennt“, sondern unwiderruflich als fühlendes Wesen nicht-existent geworden. In anderen Worten: tot.

Trotzdem – und es fühlt sich beinahe wie Verrat an, das hier zu schreiben – scheint säkularen Bestattungen bei aller Ehrlichkeit, allem Individualismus und aller Balance zwischen Trauer und Feier etwas Essenzielles zu fehlen. Nicht der Spiritualismus ist hier gemeint oder Hoffnungen für die Zukunft des Verstorbenen: Hier sollte der Realismus über religiöse Irrtümer triumphieren. Was fehlt, ist die Macht des Rituals. Aus irgendeinem Grund haben sich Atheisten dieser Ritualisierung immer verweigert. Die Betonung individualisierter Bestattungen, die ganz auf das Lebenswerk des Verstorbenen zugeschnitten sind, hat ihren Preis.

Für die Gläubigen der anglikanischen Kirche haben die Worte des mittelalterlichen Erzbischofs von Canterbury, Thomas Cranmer, eine lebensumspannende Bedeutung. Je öfter sie rezipiert und gehört werden, desto größer wird ihre Wirkung: „Der Mensch vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe; geht auf wie eine Blume und fällt ab; fleucht wie ein Schatten und bleibt nicht. Mitten im Leben sind wir im Tode. […] Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

Diese Zeilen sind das Herzstück des Rituals. Der Ritus mag sich des Aberglaubens bedienen oder nicht, in jedem Fall aber berührt er die Tiefen unseres Bewusstseins. Das sollte nicht das ­exklusive Vorrecht der Religion sein. Es gibt kein säkulares Äquivalent zum Allgemeinen Gebetbuch, dessen Worte und Sätze mit jedem Lesen eindrucksvoller im Gedächtnis bleiben. Wo ist die atheistische Reflexion über die Bedeutung des Todes und seine Tragweite, die es aufnehmen könnte mit den Worten von Thomas Cranmer?

Jemand sollte sich daran wagen – am liebsten noch, bevor ich selber in den Tod gehe. Es wäre sogar möglich, die eine oder andere Zeile aus Cranmers Werk abzukupfern – das Copyright ist seit Jahrhunderten abgelaufen. Es bedarf eines Dichters und Philosophen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Niemand sollte mit Worten erpresst werden, nicht einmal im Tod. Aber es wäre wundervoll, einen säkularen Bestattungsritus zur Hand zu haben, der es aufnehmen kann mit dem Besten, was die Religion zu bieten hat.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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