Von Bonn nach Bonn

Niels Annen18.10.2011Politik

Trotz vieler Rückschläge haben sich in Afghanistan Ansätze einer Zivilgesellschaft herausgebildet, doch die Ermordung vieler Taliban scheint sich mittlerweile als Fehler herauszustellen.

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Manchmal verläuft Politik auf wundersamen Wegen. Wenn es um Afghanistan geht, scheint der Pfad von Bonn nach Bonn zu führen. Im Dezember 2001 trat auf dem Petersberg eine Afghanistan-Konferenz zusammen, die den bis dato weitgehend unbekannten Hamid Karzai, kurz zuvor von amerikanischen Spezialkräften vor den Taliban in Sicherheit gebracht, zum Übergangspräsidenten ernannte. Die rot-grünen Gastgeber sonnten sich im Glanz der internationalen Aufmerksamkeit.

Fazit: Ernüchterung

Wenn aber Experten heute über Afghanistan diskutieren, gehört es fast schon zum guten Ton, mit der Aufzählung der Versäumnisse des Westens in Bonn zu beginnen. Der gewichtigste Kritikpunkt lautet, dass die Taliban zu der Konferenz bewusst nicht eingeladen worden seien und so die Chance auf eine politische Lösung vertan wurde. Zehn Jahre nach Beginn des Einsatzes dient das Jubiläum als Anlass für eine Generalabrechnung mit dem Krieg in Afghanistan. Und das kann man durchaus wörtlich nehmen, denn nicht nur U.S.-General McChrystal, ehemaliger ISAF-Befehlshaber, sondern auch der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Kujat, zogen in den vergangenen Tagen eine verheerende Bilanz. Der Westen, so McChrystal, wisse zu wenig über Afghanistan, um den Krieg zu gewinnen, und Kujat soufflierte, die Taliban würden kurz nach Abzug der NATO-Truppen die Macht in Kabul wieder übernehmen. Die meisten deutschen Medien, aber auch viele Politiker, schreiben den Einsatz am Hindukusch inzwischen als gescheitert ab. Interesse an Afghanistans Zukunft ist in der Hauptstadt eine Seltenheit geworden. Dabei würde ein genauerer Blick auf die Lage ein weit differenzierteres Bild zutage fördern. Allen Rückschlägen zum Trotz haben sich Ansätze einer Zivilgesellschaft herausgebildet, ermutigende Fortschritte gibt es auch im Bildungssektor. Die Absolutheit, mit der heute über Afghanistan geurteilt wird, verstellt den Blick auf die eigenen Erfolge und auf die politischen Perspektiven nach dem Abzug der internationalen Truppen.

Man hat die Einheit zerstört

Und so nähern wir uns unweigerlich wieder der „kleinen Stadt am Rhein“, wie John LeCarré die ehemalige Bundeshauptstadt in einem Roman nannte. Anfang Dezember wird bei einer großen Außenministerkonferenz erneut in Bonn über Afghanistan verhandelt. Ob die Taliban diesmal mit am Tisch sitzen werden, ist ungewiss, aber im Gegensatz zur ersten Konferenz schließen dies nicht einmal mehr die USA aus. Zu befürchten bleibt allerdings, dass sich die Fixierung auf Verhandlungen mit den Taliban als Schimäre erweisen könnte. Denn von einer einheitlichen Führung der Aufständischen kann schon lange keine Rede mehr sein. Heute rächt sich, dass insbesondere die Amerikaner mit einer Politik des gezielten Tötens potenzielle Verhandlungsführer ausgeschaltet haben. Er wisse nicht, so Präsident Karzai, an welche Tür er klopfen solle, um zu verhandeln. Ob das Bündnis noch die Kraft aufbringen will, um in der verbleibenden Zeit bis zum Abzug die Grundlagen für eine friedliche Entwicklung in Afghanistan zu legen, muss inzwischen ernsthaft bezweifelt werden. In wenigen Jahren werden dann vermutlich die gleichen Journalisten, die heute Afghanistan abschreiben, den wiederholten Verrat des Westens an Afghanistans Demokraten beklagen. Dann vermutlich zu Recht.

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