In Lohn und Brot und Netz

von Nicole Mayer-Ahuja5.10.2011Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Das Internet mag neue Arbeitsformen ermöglichen – doch bestehende Hierarchien lĂ€hmen das Potential, die Arbeitswelt zu revolutionieren. Innovation wird zunehmend durch Illusion ersetzt.

„The world is flat“ – so fasste “Thomas L. Friedman”:http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_L._Friedman seine These zusammen, dass durch Informations- und Kommunikationstechnologien Machtungleichgewichte beseitigt wĂŒrden: zwischen Weltregionen, die leichter als Investitionsstandorte konkurrieren könnten, aber auch zwischen Arbeit und Kapital.

Ein Raum mit vielen Möglichkeiten

Gerade das Internet gilt gemeinhin als Kettensprenger – sei es im “„arabischen FrĂŒhling“”:http://www.theeuropean.de/firas-al-atraqchi/5657-revolutionskatalysator-twitter, im Berliner Parteiensystem oder in Bezug auf „Arbeit am Netz“. Wer das Internet hat, braucht keine Organisation mehr, so die frohe grundliberale Botschaft. Aus arbeitssoziologischer Sicht sind jedoch Zweifel angebracht. Zwar trifft es zu, dass Technik soziale (Macht)VerhĂ€ltnisse am Arbeitsplatz prĂ€gt – nicht umsonst entstanden Arbeiter und Gewerkschaftsbewegung im Zeitalter der „großen Maschinen“, weil die massenhafte Zunahme standardisierter Arbeitsbedingungen die Organisierung von BeschĂ€ftigten erleichterte. Doch der Umkehrschluss (individualisierte Web-Arbeit = machtvolle individuelle Interessenvertretung) greift offenkundig zu kurz. Die technologische Innovation „Internet“ eröffnet lediglich einen Möglichkeitsraum: So kann man (technologisch betrachtet) in webbasierten TĂ€tigkeiten leichter Telearbeit leisten oder Arbeitszeiten freier gestalten als in vielen anderen Industrie- oder Servicejobs. Doch welche Konditionen tatsĂ€chlich gelten, entscheidet sich nicht im (angeblich herrschaftsfreien) Netz, sondern in der betrieblichen “Herrschaftskonstellation vor Ort”:http://www.theeuropean.de/debatte/2087-die-prekarisierung-der-arbeitswelt. Internet-Startups waren cool und egalitĂ€r, solange die Branche boomte und die Nerds bei Coke und Pizza NĂ€chte durcharbeiteten. Sobald die Dotcom-Blase jedoch platzte und zahlreiche ArbeitsplĂ€tze vernichtet waren, wurden in jenen Firmen, die ĂŒbrig blieben, neue Hierarchieebenen eingezogen, Arbeitszeiten an KundenwĂŒnsche angepasst und mancherorts kurz vor Konkurs BetriebsrĂ€te gegrĂŒndet. Auch in transnationalen IT-Konzernen schafft das Internet technische Möglichkeiten fĂŒr hierarchiefreie Kooperation: Immerhin arbeiten Kolleg/innen etwa in Deutschland und Indien webbasiert direkt in virtuellen Teams zusammen. Dies Ă€ndert jedoch wenig an der FĂŒhrungsrolle deutscher Teamteile, und die engmaschige Kontrolle indischer Arbeitskraft fĂŒhrt teilweise dazu, dass nur Deutsche, nicht aber Inder Arbeit mit nach Hause nehmen dĂŒrfen. Ausschlaggebend fĂŒr konkrete Arbeitsbedingungen ist also auch hier nicht die technische Vernetzung, sondern die Macht von Individuum und „Standort“ im Unternehmen.

Internet kann Organisation weder schaffen noch ersetzen

Weil das Internet jedoch inzwischen (fast) allgegenwĂ€rtig ist, taugt es immer weniger als Instrument, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern. Vielmehr kommen „alte“ Machtungleichgewichte selbst in „neuen Branchen“ verstĂ€rkt zur Geltung: Hochqualifizierte (meist mĂ€nnliche) Programmierer in Europa haben gĂ€nzlich andere Verhandlungsmacht als (oft weibliche) Callcenter-Agenten in Indien. Die Hoffnung auf das Internet als Kettensprenger wirkt sogar lĂ€hmend, wenn sie die Illusion nĂ€hrt, sich individuell in einem hierarchiefreien Raum zu bewegen. Das Internet kann Organisierung weder schaffen noch ersetzen, doch es mag wiederum MöglichkeitsrĂ€ume eröffnen: fĂŒr den direkten Austausch zwischen Arbeitenden in verschiedenen Weltregionen, fĂŒr eine kritische VerstĂ€ndigung darĂŒber, was “gute Arbeit” ausmacht und was ihr im Wege steht, und nicht zuletzt: fĂŒr internationale SolidaritĂ€t.

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