Mit kleinen Jungen und Journalisten soll man vorsichtig sein. Die schmeißen immer noch einen Stein hinterher. Konrad Adenauer

Publizität ist der Sauerstoff des Terrorismus

Terrorismus in seiner gegenwärtigen transnationalen Ausprägung ist am ehesten mit einem heimtückischen Virus zu vergleichen. Er manifestiert sich in einem von außen herangetragenen Angriff auf den Staat, der im inneren Organismus, dort wo der Körper zugleich am verletzlichsten ist, zum Tragen kommt.

Mit den Anschlägen von Paris und Brüssel ist Europa endgültig in das Fadenkreuz größerer Terroranschläge des so genannten „Islamischen Staates“ (IS) gelangt. Dabei ist von Seiten der Terrormiliz zugleich eine operative Hinwendung zu weichen Zielen zu beobachten. Die ursprüngliche Priorität der „Konsolidierung bestehender Einflusssphären" könnte nachhaltig zugunsten einer Ausbreitung des Jihad in das europäische Kernland aufgegeben worden sein. Zahlreiche Indizien belegen eine fundamentale Wende zum „fernen Feind“ und damit das Entstehen einer terroristischen Eskalationsspirale, die verhältnismäßig ein höheres Gefährdungspotential für Europa mit sich bringen wird.

Indem der „Islamische Staat“ einen beträchtlichen Anteil seiner terroristischen Ressourcen aufwendet, um den (fernen) Okzident zu treffen, verlagert dieser seine Prioritäten. Konfrontiert mit dramatischen Territorialeinbußen und militärischer Niederlagen der radikalsunnitischen Krieger unter der schwarzen Terrorflagge hat der IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani erst kürzlich propagiert, willfährige Jihadisten sollten nicht mehr ins Kampfgebiet strömen, sondern im Fastenmonat Ramadan den „Heiligen Krieg“ über die Länder der Kreuzfahrer, vor allem über Europa, ausbreiten. Selbst wenn die Terrormiliz die Kontrolle über ihre Hochburgen Raqqa in Syrien, Mossul im Irak, oder Sirte in Libyen verlieren sollte, wäre dies nicht als Niederlage zu betrachten. Eine Niederlage sei es nur, wenn die Jihadisten die Überzeugung und den Willen zum Kampf verlieren würden. Hiermit gibt die Terrororganisation zugleich den Anspruch auf, mit allen verfügbaren Kräften für die Aufrechterhaltung des selbst proklamierten Kalifats zu kämpfen.

Die Gesellschaftsutopie eines sunnitischen Gottesstaates mit einem Kalifen an der Spitze, die sich in Wahrheit als eine repressive Schreckensherrschaft des Terrors entpuppt hat, dürfte zusehends verblassen. Die Sogwirkung des Kalifats lässt nach, der Zustrom an Foreign Fighters versiegt ohnehin bereits stetig und damit verliert die Terrormiliz auch schrittweise an Attraktivität bzw. an Glaubwürdigkeit. Desillusionierte Kämpfer desertieren, vorwiegend aufgrund eines sich abnutzenden Charismas des Jihad und fehlender materieller Anreize angesichts schrumpfender Kriegskassen. Um auch ideologisch weiter bestehen zu können, bedarf der „Islamische Staat“ der Unterfütterung durch militärische Erfolge, die kontinuierlich ausbleiben.

Im Einklang mit der Erosion seiner territorialen Fundierung verlegt sich der IS daher auf eine simple Ablenkungsstrategie des Terrorismus, die vordergründig auf eine Zermürbung des Gegners abzielt. Die Terrororganisation ist lernfähig und hat ihre Lektionen aus der einstigen operativen Vorgehensweise von al-Qaida und dem fehlgeleiteten amerikanischen „War on Terror“ als unzureichende Antwort darauf gelernt. Die Terrorstrategen kalkulieren die Erschöpfung der abwehrenden Sicherheitsbehörden, die unter einem permanenten Erwartungsdruck stehen, potentielle Anschläge verhindern zu müssen, bewusst mit ein. Die abwehrenden Instanzen haben gegen ein Phantom zu bestehen, einen Feind, der in der Klandestinität agiert und geschickt mit einem Zeitvorteil operiert.

Die Ermattungsstrategie der Terroristen

Zur Erreichung ihrer Ziele favorisieren die Terroristen deshalb eine Ermattungsstrategie, die konsequent mit dem operativen Ziel einhergeht, den Feind zu zermürben. Eine solche Disposition zielt immanent auf die moralische Durchhaltefähigkeit des vermeintlich „dekadenten“ Westens ab, stets unter der Prämisse ein falsches Gegenhandeln zu provozieren.

Die einfache Auftragstaktik der Terroristen

Terrororganisationen wie der IS haben sich nach und nach auf das Prinzip einer Auftragstaktik, einer Führungsdoktrin mit höchstmöglicher Flexibilität in der Auftragserfüllung, verlegt. Die zukünftigen beziehungsweise potentiellen Attentäter erhalten demnach konkrete Aufträge, die sich bloß in einer Zielvorgabe beschränken. In der unmittelbaren Ausführung des Terrorplots sind die Terroristen wiederum frei – solange ihr Vorhaben in den Augen der Auftraggeber von Erfolg gekrönt sein wird. Der Vorteil für die Terrornetzwerke besteht in einer für die Sicherheitsbehörden zu keinem Zeitpunkt bestehenden Nachvollziehbarkeit. Das Muster der auftragstaktischen Vorgehensweise erscheint grundlegend simpel: Drahtzieher wie Salah Abdeslam oder Abdelhamid Abaaoud bringen ihre Terror-Rekruten an ausgewählten Plätzen in Europa in Position und benennen eine Zielvorgabe. Das Netzwerk setzt diese zu einem zumeist frei wählbaren Zeitpunkt um.

Die Terrorattacken von Brüssel im März 2016 sind offenkundig nach einem solchen Schema abgelaufen. Das simultane Losschlagen von autarken Kleingruppen an verschieden Orten unter gleichzeitiger Verwendung unterschiedlicher Waffen und Methoden entspricht einer Präferenz des Islamisten für synchrone Anschlagsszenarien, die etwa symptomatisch für die Terroranschläge in Paris und in Brüssel waren. Ein gleichzeitiges, koordiniertes Vorgehen mit Schnellfeuergewehren oder Sprengstoffgürteln kann ein Maximum an Gewaltwirkung erzielen. Gegenwärtig scheint sich ein Trend in Richtung radikalisierte Einzeltäter, sog. „Lone Wolfs“ abzuzeichnen. Von der bewährten Vorgehensweise in organisierten Zellen wird der IS mittelfristig dennoch nicht abrücken.

Jihadistische Gewaltstrategie

Markant ist die hohe Gewaltneigung der Islamisten, die in unseren Breitengraden eine enorme Abschreckung nach sich zieht. Für die Schergen des IS ist offenbar kaum ein Anschlagsszenario undenkbar oder zu brutal. Rohe Gewalt ist zu einem Selbstzweck mutiert. Dem transnationalen Terrorismus ist das Ethos des ökonomischen Gewalteinsatzes abhanden gekommen: es wird nicht mehr bewusst kalkuliert, welches Ausmaß an Gewalt zur Zielerreichung von Nöten ist– vorherrschend ist eine Wahllosigkeit und Beliebigkeit, was Opferauswahl, zu erwartende Opferzahlen und etwaige Kollateralschäden betrifft. Im Vordergrund eines Terroranschlages steht ganz evident die Publizität und damit die Schockwirkung.

Publizität ist der Sauerstoff des Terrorismus, wie Margaret Thatcher einst treffend bemerkte.
Der moderne Terrorismus geht eine symbiotische Beziehung mit den Medien ein. Diese sind gewissermaßen zu einem Resonanzkörper terroristischer Gewalt und damit nolens volens zu einem willfährigen Erfüllungsgehilfen des Terrorismus degradiert. Durch eine stets mehr oder weniger sensationslüsterne Berichterstattung wird ein Forum für die Terroristen und deren Anliegen geschaffen. Dem Gewaltakt an sich kommt also eine untergeordnete Geltung zu. Durch den terroristischen Akt wird das öffentliche Interesse für die Attentäter und deren Ideologie geweckt. Eine Gewaltbotschaft wird offen an die jeweiligen Adressaten übermittelt: Zum einen an potentielle zukünftige Opfer beziehungsweise die angegriffene Gesellschaft, indem ein terroristischer Gewaltschlag bereits implizit die Androhung weiterer Anschläge enthält.

Auf diese Weise soll nachhaltig Furcht und Schrecken verbreitet werden und eine hysterische Öffentlichkeit erzeugt werden, welche die Politik zu einem Richtungswechsel im Sinne der Terroristen bewegt. Weitere Adressaten der Gewaltbotschaft sind zudem interne Gegner, wie konkurrierende Terrororganisationen, aber auch Verbündete und Sympatisanten – also vor allem der zu interessierende Dritte (Herfried Münkler). Natürlich gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, etwa mittels einer medialen „Indifferenz“-kampagne terroristische Gewaltbotschaften in ihrer Wirkung zu hemmen. Voraussetzung hierfür wäre, dass nicht nur Qualitätsmedien ihre Berichterstattung über Terroranschläge dahingehend sensibilisieren würden, dass man nur das Notwendigste an Informationen überliefert und Bilder nicht effektheischend ausschlachtet. In Hinblick auf steigenden Konkurrenzdruck und strenge Auflagenerfordernisse dürfte dies wohl eher ein frommer Wunsch, denn eine konkrete Handlungsoption sein.

Kriminalitäts- versus Kriegsparadigma

Terrorismus in seiner gegenwärtigen transnationalen Ausprägung ist am ehesten mit einem heimtückischen Virus zu vergleichen. Er manifestiert sich in einem von außen herangetragenen Angriff auf den Staat, der im inneren Organismus, dort wo der Körper zugleich am verletzlichsten ist, zum Tragen kommt.

Die tiefsitzende Hybridität des transnationalen Terrorismus besteht darin, dass er lebensweltlich wie ein Verbrechen erscheinen mag, systemisch betrachtet jedoch zuerst als ein militärisch relevanter Angriff auf den Staat und seine Institutionen zu beurteilen ist. Weder ein Rekurs auf das Kriminalitätsparadigma noch ein Krieg gegen den Terror vermögen aus dem jeweiligen Zugang hierbei etwas Probates entgegenzusetzen. Das Perfide an der operativen Vorgehensweise der Jihadisten ist daran zu festzumachen, dass sie eine grundsätzliche Verwundbarkeit unserer Sicherheitsstrukturen erkannt haben dürften: die offen liegende Schnittstelle zwischen innerer und äußerer Sicherheit, eine schwache Angriffsflanke in die sie ganz bewusst hineinoperieren. Zeitgemäße Terrorismusbekämpfung trägt diesem Umstand Rechnung und ist daher gleichermaßen eine Verteidigung des Staates gegen äußere Angriffe als auch Verbrechensbekämpfung. Dies erfordert eine kompetenzmäßige Bündelung der sicherheitsbehördlichen Ressourcen, die vernetzt und komplementär zur Anwendung kommen sollen.

Es bedarf schlussendlich eines eigenen Anti-Terror-Paradigmas, das ein Substrat vernetzter, d.h. innerer und äußerer Sicherheit sein muss und Bekämpfungs- bzw. Abwehrzugänge aus beiden Welten gleichzeitig und gleichberechtigt zur Anwendung bringt. Bis diese Notwendigkeit in die Köpfe so manch politischer Entscheidungsträger gelangt, wird bedauerlicherweise wahrscheinlich noch viel Blut fließen. Terrorismusabwehr ist seit jeher ein Geduldspiel. Keinesfalls darf man hier und anderswo in einen hektischen Aktionismus verfallen und unüberlegt aus der Hüfte schießen. Denn dabei trifft man für gewöhnlich die falschen Ziele.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: ROLAND Rechtsreport , Vera Lengsfeld, Florian Meidenbauer.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Terrorismus, Terrorism, Islamischer-staat

Debatte

14.000 Straftaten durch 104 Familienclans

Medium_fb9c7d38f3

Deutschland ist das sicherste Land für arabische Clans

Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt, und zwar für kriminelle arabische Clans: Wohl kaum irgendwo auf der Welt können sie so sicher sein vor Strafverfolgung wie hier. weiterlesen

Medium_4bbb788597
von Jörg Hubert Meuthen
14.05.2019

Debatte

Deutsche Medien verschweigen islamische Attentate

Medium_3c9eb59faf

Islamischer Blutterror gegen Christen

Wahrscheinlich werden Historiker Ostern 2019 einmal als ein deutliches Warnsignal des kommenden Weltbürgerkriegs einstufen, das von den Machthabern des Westens genauso konsequent übersehen wurde, w... weiterlesen

Medium_fa65ceb9bf
von Vera Lengsfeld
02.05.2019

Debatte

Nach dem Terrorakt in Christchurch

Medium_86334d719f

Islamfeindlichkeit in Deutschland ernst nehmen und ihr entgegentreten

„Wer Islamfeindlichkeit verharmlost, hat nichts aus dem Massaker von Christchurch gelernt“, erklärt Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, angesichts der Äußerun... weiterlesen

Medium_8c3ff7e932
von Christine Buchholz
20.03.2019
meistgelesen / meistkommentiert