Schwer zu definieren, wofür wir stehen. Benedict Pöttering

Ein neuer, hybrider Terrorismus kommt zu uns!

Eine neue Welle des Terrorismus kommt auf uns zu. Er ist anders als der, den wir bereits kennen. Aber dadurch ist er nicht ungefährlicher geworden…

terrorismus

Die Terroranschläge von Paris und zuletzt in Brüssel können durchaus als eine Zäsur in der Entwicklung des transnationalen Terrorismus betrachtet werden. Vergleiche mit dem 11. September oder einem neuen 30-jährigen Krieg wurden vielerorts bemüht. Im Anschluss an David C. Rapoports häufig zitierten „Vier Wellen“–Ansatz zur Genese des Terrorismus (anarchistischer / ethno–nationaler bzw. anti–kolonialer / sozialrevolutionärer / religiös–fundamentalistischer Terrorismus) wird nun darüber debattiert, ob wir es mit einer neuen Erscheinungsweise des Terrors zu tun haben, eventuell sogar mit einer fünften Welle eines „hybriden Terrorismus“. Die Hybridität kommt vor allem auf der taktischen und operativen Ebene zum Ausdruck, wobei sowohl die scheinbar beliebige und doch systematische Wahl der Anschlagsziele als auch der Mittel im Sinne einer bewussten, simultanen Vermengung unterschiedlicher Terrortypologien (Amokattentate mit Schnellfeuergewehren, Selbstmordanschläge mit Sprengstoff etc.) dem Anschein nach die althergebrachten Denkkategorien in der Bewertung der Vorgehensweise terroristischer Organisationen weitgehend zu amalgamieren scheinen.

Die IS ist imstande große Terroranschläge durchzuführen

Seit dem 13. November 2015 ist nun jedenfalls evident, dass auch der Islamische Staat (IS) gleichermaßen operativ und logistisch imstande ist, größere terroristische Vorhaben in Europa auszuführen. Bislang herrschte unter Terrorismusexperten weitgehend Konsens darüber, dass konzertierte jihadistische Attacken auf Metropolen in den weichen Zentren Europas aufgrund der hohen Planungsintensität dem Terrornetzwerk al–Qaida vorbehalten seien. Zudem widerspreche ein solcher Plot der klassischen Strategie einer Terrormiliz, so der einhellige Tenor. Diese Annahme scheint nunmehr widerlegt zu sein.

Die Angriffe auf Paris und ganz aktuell in Brüssel sind zugleich Angriffe auf die erodierende Deutungshoheit al–Qaidas über den Jihad. Dem Vernehmen nach hat die Terrorgruppierung des IS ihre Orientierung am nahen Feind teilweise aufgeweicht oder zumindest temporär zugunsten einer nunmehrigen Profilierung als Terrororganisation aufgegeben, was angesichts schwerwiegender territorialer Verluste in Syrien und dem Irak nachvollziehbar ist. Denn seine Strategie jedoch eher auf die regionale Verwirklichung der Kalifats-Utopie ausgerichtet, deren Anspruch die Durchsetzung eines totalitären Lebens- und Gesellschaftsentwurfes ist. Die entsprechende Taktik des IS oszilliert zwischen terroristischem Milizkampf vor Ort und transnationalem Terror. Ein Kalifat bedarf eines kontrollierten Territoriums, das ihm zugrunde liegt, weshalb räumliche Expansion und Machtkonsolidierung für die Terrormiliz lange als prioritär angesehen wurden. Aufgrund massiver Gegenoffensiven im Raum sah man sich im Kalifat des Terrors zuletzt gezwungen, Machtbasen wie Palmyra, al-Qaryatain der feindlichen Übermacht preiszugeben.

Von einem nachhaltigen Strategiewechsel des IS zu sprechen ist dennoch als verfrüht zu erachten. Zwar hat die islamistische Gruppierung immer wieder zu Anschlägen im Westen aufgerufen, aber die Ausführung und Planung solcher Operationen wurden, wie etwa der Pariser Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Anfang 2015, sog. Lone–Wolf–Attentätern, d.h. eigeninitiativ agierenden (Selbstmord–) Attentätern überlassen, die ihr Wirken nachträglich dem IS widmeten. Diesmal war es offenbar anders. Unmittelbar nach den Anschlägen, sowohl im November 2015 als auch im März 2016 hat der IS die Urheberschaft der Schreckenstaten für sich reklamiert. Adressat dieser Botschaft war der als „interessiert zu unterstellende Dritte“: der spezifische islamistische Rekrutierungspool und eine allem Anschein nach schwächelnde, im Untergrund lavierende al–Qaida. Hierin wird auch die ideologische Dimension der Terroranschläge von Paris und Brüssel offenbart– der Anspruch des IS, die Interpretationshoheit über den „Heiligen Krieg“ als radikale Speerspitze der muslimischen Welt gegen den Westen zu erlangen.

Im eigenen Selbstverständnis hebt sich der IS gegenüber dem als „müde“ und „schwach“ wahrgenommenen Konkurrenten, der großteils noch vom verbleichenden „9/11–Mythos“ zu leben scheint, durch seine entschlossene Tatkraft und kriminelle Energie ab. Dem kürzlich durch den renommierten Terrorismusforscher Bruce Hoffman in einem Artikel in Foreign Affairs vorgebrachten Hinweis, es gebe Anzeichen einer bevorstehenden Fusion beider Terrornetzwerke, ist vorerst noch mit Skepsis zu begegnen. Zu sehr klafft das jeweilige jihadistische Mindset beider Terrororganisationen auseinander, vor allem was strategische Ambitionen und das islamistische Feindbild betrifft. Währenddessen al–Qaida stets auf strukturkonservative Ansätze für die Interpretation des Jihad gepocht hat, demzufolge der heilige Krieg auf Ungläubige bzw. Nicht-Muslime (sog. „kuffār“) zu beschränken sei, scheint der IS hier weniger auf eine solche „reine Lehre“ Wert zu legen und eher pragmatisch orientiert zu sein. Abtrünnige Sunniten werden dieser Gesinnung entsprechend genauso als Feinde betrachtet und bekämpft, wie die „kuffār“. Aus dieser nach wie vor anzunehmenden Systemkonkurrenz, dem unerbittlichen Kampf um die islamistische Meinungsführerschaft kann eine weitere terroristische Eskalation entstehen, deren vordergründiger Austragungsort vor allem in Europa anzusiedeln sein dürfte. Denn nirgendwo ist die mediale Aufmerksamkeit derart hoch. Außerdem kann die überwiegende Mehrzahl der Metropolen des alten Kontinents als sogenanntes „weiches Ziel“ angesehen werden, wo es angesichts eines tendenziell weniger rigiden Terrorismusabwehr– Regimes vergleichsweise einfacher erscheint, Terroranschläge nach dem sich momentan bedauerlicherweise bewährenden Schema des „suicidal gun and bomb assault” zur Ausführung zu bringen.

Ob dies im Anschluss an die jüngsten Selbstmordattacken in Brüssel und trotz vollmundig angekündigter Verbesserungen, etwa auf dem Feld der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit, so bleibt bzw. von den Terroristen weiterhin so perzipiert wird, ist aus heutiger Sicht nicht seriös zu beantworten. Obwohl islamistische Terrorzellen normalerweise autark operieren, kann man im konkreten Anlassfall von der Vernetzung beider Terrorgruppen ausgehen, die sich bereits anhand der vermittelnden Rolle von Salah Abdeslam, dem Drahtzieher der Pariser Novemberanschläge ableiten lässt. Ob seine Verhaftung unmittelbar vor den Brüsseler Anschlägen in einem direkten Zusammenhang mit dem Zeitpunkt der Selbstmordattentate auf dem Flughafen bzw. in der U–Bahn stehen bleibt Gegenstand von Spekulationen. Wahrscheinlich eher äußerer Anlass, denn tiefere Ursache. Dass man konspirative Wohnungen in Molenbeek, einem ohnehin bereits länger im Visier der belgischen Sicherheitsbehörden stehenden Brüsseler Problemviertel mit hoher salafistischer Durchdringung, dazu benutzt hat, um die logistischen Planungen für die beiden konzertierten Terroranschläge, zuerst in Paris, dann in Brüssel, voranzutreiben, erhärtet den Verdacht, dass Brüssel zugleich die operative Basis und eine Art safe haven für die Terrorzelle(n) dargestellt haben muss. Die Logistik des transnationalen Terrorismus nimmt Anleihen am Prinzip des Guerillakampfes aus dem Untergrund.

Terroranschläge schwer berechenbar

Der terroristische Trend geht derzeit eindeutig in Richtung einfache Planung, schnelle Ausführung und eine, diesen Zwecken genügende, entsprechende Bewaffnung der Attentäter (Schnellfeuergewehre und Sprengstoffwesten). Geeignete Anschlagsziele werden zukünftig wahrscheinlich vermehrt Großereignisse sein, ebenso wie spontane Amok– oder Sprengstoffattentate in den Ballungszentren bzw. Touristen-Hot-Spots europäischer Großstädte in den Fokus terroristischer Anschlagsvorhaben rücken werden. Zudem wird das Beispiel des gleichzeitigen, koordinierten Vorgehens Schule machen, um eine maximale Destabilisierung zu erreichen und ein Höchstmaß an Angst und Schrecken zu verbreiten. Eine perfide Variante eines vernetzten Angriffs gewissermaßen. Zudem lässt sich, um den Militärtheoretiker Clausewitz zu bemühen, eine Art „heilige Dreifaltigkeit“ des Terrorismus beobachten, die sich allmählich herausgebildet hat: Intention– Gelegenheit––Mittel. Alle drei Elemente sind im Falle der IS–Jihadisten–Netzwerke vorhanden, was eine Fortsetzung des Terrorschemas erwarten lässt. Die Terrorattacken vom 23. März in Brüssel fügen sich in ihrer Dramaturgie nahtlos in eine Reihe nun zu erwartender Anschlagsszenarien.

Wie könnten, jenseits von Schönwetter-Rhetorik und Panikmache, effiziente Terrorismus–bekämpfungsmaßnahmen aussehen, die den neuen, hybriden Erscheinungsformen terroristischer Gewalt Rechnung tragen? Die Antwort hierauf ist vielschichtig. Es bedarf eines vernetzten Ansatzes (comprehensive approach) in der Sicherheitspolitik. Aus heutiger Sicht wäre es naheliegend, dem IS seine Machtbasis, sprich dessen territoriale Fundierung zu entziehen. Neben einer unmittelbaren militärischen Niederwerfung des IS müssten aber auch die Katalysatoren für seinen Aufstieg zum regionalen Stakeholder und nichtstaatlichen Akteur mit quasi-staatlichen Strukturen – die Unterdrückung der Sunniten im Irak, das anhaltende Machtvakuum in der Levante–beseitigt werden.

In Sinne einer gelingenden Prävention sind sicherheitspolizeiliche und nachrichtendienstliche Investigationsbemühungen sicherlich zu intensivieren. Dem bewährten Anti–Terror–Ansatz Israels zu folgen, wo man angesichts permanenter Bedrohung ein engmaschiges Sicherheitsnetz aufgespannt hat mit flächendeckenden Metalldetektor- und Taschenkontrollen und zudem die Nachrichtendienste mit NSA-ähnlichen umfassenden Kompetenzen in der Terrorismusabwehr ausgestattet hat, ist inkompatibel mit einem traditionellen europäischen Freiheitsverständnis. Nichtsdestotrotz könnte man eine Verstärkung der Überwachungsaktivitäten etwa durch CCTV, wie dies in London praktiziert wird, andenken. Allerdings dient dies eher der Aufklärung, denn der Prävention. Die Abschreckungseffekte auf potentielle islamistische Selbstmordattentäter sind eher als begrenzt einzustufen.

Vielmehr ist ein weiterer Ausbau der EU–sicherheitsbehördlichen Kooperation erforderlich, dem Netzwerk des Terrorismus ist ein vernetzter Sicherheitsapparat entgegenzustellen. Rein sicherheitspolizeilich fundierte Maßnahmen werden den Ausprägungen eines mutierenden transnationalen Terrorismus längst nicht mehr gerecht, es bedarf einer effektiven Einbeziehung der Fähigkeiten der jeweiligen nationalen Verteidigungsressorts, wie dies aktuell auch in etlichen europäischen Staaten bereits gefordert wird. Transnationaler Terrorismus ist ein Angriff auf den Staat von innen und außen! Dieser Tatsache muss eine effiziente Terrorismusbekämpfung gerecht werden. Darüber hinaus gilt es, die ideologische Bekämpfung im Cyberspace und insbesondere der propagandistischen Social–Media–Aktivitäten des IS oder al–Qaidas weiter voranzutreiben. Nicht zuletzt ist bei der Austrocknung der Geldzuflüsse an die Terrornetzwerke anzusetzen, die indes ein langfristiges Projekt der hohen Diplomatie ist. Hier spielen geopolitische, ökonomische (Energie-) Interessen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Terrorismusbekämpfung erfordert seit jeher angesichts einer permanent im Raum stehenden Bedrohung gleichermaßen langen strategischen Atem und schnelle Entschlossenheit. Es wird ein zäher, harter Kampf in dem es keine Sieger gibt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Ramin Peymani, Lilover Laylany Rodriguez .

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Terrorismus

Debatte

14.000 Straftaten durch 104 Familienclans

Medium_fb9c7d38f3

Deutschland ist das sicherste Land für arabische Clans

Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt, und zwar für kriminelle arabische Clans: Wohl kaum irgendwo auf der Welt können sie so sicher sein vor Strafverfolgung wie hier. weiterlesen

Medium_4bbb788597
von Jörg Hubert Meuthen
14.05.2019

Debatte

Deutsche Medien verschweigen islamische Attentate

Medium_3c9eb59faf

Islamischer Blutterror gegen Christen

Wahrscheinlich werden Historiker Ostern 2019 einmal als ein deutliches Warnsignal des kommenden Weltbürgerkriegs einstufen, das von den Machthabern des Westens genauso konsequent übersehen wurde, w... weiterlesen

Medium_fa65ceb9bf
von Vera Lengsfeld
02.05.2019

Debatte

Nach dem Terrorakt in Christchurch

Medium_86334d719f

Islamfeindlichkeit in Deutschland ernst nehmen und ihr entgegentreten

„Wer Islamfeindlichkeit verharmlost, hat nichts aus dem Massaker von Christchurch gelernt“, erklärt Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, angesichts der Äußerun... weiterlesen

Medium_8c3ff7e932
von Christine Buchholz
20.03.2019
meistgelesen / meistkommentiert