Die Ruhe vor dem Sturm?

von Nicolas Stockhammer20.10.2015Außenpolitik, Europa

Herrscht nach den Pariser Charlie–Hebdo–Anschlägen zu Anfang dieses Jahres nun eine Art unheilvolle Ruhe vor dem Sturm? Was die Perzeption des transnationalen Terrorismus betrifft, scheint es seltsam ruhig in Europa geworden zu sein.

Unsere volatile Aufmerksamkeitsökonomie hat offenbar zu einer Verlagerung der Wahrnehmung geführt. Alle Augen sind derzeit auf die Ukraine gerichtet, auf temporäre innereuropäische Krisenphänomene (GREXIT und BREXIT). Ebenso gilt ganz aktuell das mediale Interesse beinahe ausschließlich dem apokalyptischen Flüchtlingsansturm auf Europa, der fatalerweise nur peripher in einen Zusammenhang mit den dramatischen sicherheitspolitischen Entwicklungen an den Rändern unseres Kontinents gestellt wird. Man neigt dazu, das Offensichtliche zum Bedrohlichen zu erheben. Bestes Beispiel hierfür ist die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ (IS), die bedingt durch ihre tellurische Orientierung auf dem Wege konventioneller Kriegsführung im letzten Jahr substanzielle Gebietseroberungen im Irak, in Syrien aber auch in Libyen verzeichnen konnte. Die Verankerung des IS in diesem Umfeld von failing bzw. failed states, hat zu einer weitreichenden Ausbreitung des „Kalifats des Schreckens“ geführt. In den besetzten Territorien wurde ein vormodernes Terrorregime installiert, das in seiner nach innen gewandten Ausprägung durchaus mit jenem der Taliban in Afghanistan vergleichbar ist. Die beiden tragenden Säulen des IS als Territorialmacht sind der extensive Gebietsanspruch des Kalifats einerseits und andererseits ein islamistischer Manichäismus. Gewaltexzesse und Hinrichtungen für vermeintlich unislamisches Verhalten oder schlicht die Zugehörigkeit zu einer anderen Glaubensgemeinschaft stehen auf der Tagesordnung. Mit archaischer Brutalität, die in grausamen Videos von Enthauptungen kulminiert, hat man die unserer Abgebrühtheit als Medienkonsumenten geschuldete, oft recht hohe Wahrnehmungsschwelle überschritten, wodurch eine nachhaltige Schockwirkung erzielt werden konnte. Die Bilder eines blutgetränkten Gestades haben sich fest in unser Unterbewusstsein eingeprägt. Immer wieder gelingt es dieses Bildmaterial zu instrumentalisieren und unter Beanspruchung postmoderner Rekrutierungsmethoden in sozialen Netzwerken, neues Kanonenfutter für den Jihad zu mobilisieren.

Jihadismus im Herzen Europas

Die Flüchtlingsmigration aus diesem Konfliktraum hat ein solch überbordendes Ausmaß angenommen, dass man dem Ansturm kaum noch Herr werden kann. Sicherheitspolitisch nicht zu vernachlässigen ist ein hiermit verbundener Trojaner-Effekt: Im Sog des unüberschaubaren Flüchtlingstrosses könnten gewaltbereite Kriegsheimkehrer inkognito nach Europa gelangen. Die vorrangige Taktik der U-Boot–Jihadisten wird am ehesten darin bestehen, alsbald das hölzerne Pferd zu verlassen und zu versuchen, die „Festung Europa“ zu stürmen. Zahlenmäßig sind diese „Schläfer“ tendenziell überschaubar. Als mittelfristig gefährlicher ist aus heutiger Sicht das Phänomen des „Homegrown–Jihadismus“ zu beurteilen, das Heranwachsen einer neuen Jihadisten–Generation in den Banlieues der hiesigen Metropolen und nicht minder der ländlichen Peripherie einiger Staaten Mittel-Westeuropas (vgl. „Jihadisten–Hochburg“ Dinslaken). Dies ist wiederum die unmittelbare Auswirkung einer missglückten Politik an zwei Fronten– zum einen im bislang nur bedingt erfolgreichen militärischen und Kampf gegen den IS im Levante, zum anderen in der misslungenen ideologischen Auseinandersetzung mit dem Islamismus im Herzen Europas. Starke aufkeimende anti-islamische Affekte, die von rechtspopulistischen Parteien in fast ganz Europa geschürt werden, tragen ihr Übriges zur Zuspitzung bei. Aus heutiger Sicht wird der Islamismus als Reflex gegen die soziokulturelle Abschottung der aufnehmenden Nationen und eine weitgehend scheiternde Integration weiterhin an Zulauf gewinnen.

Der Islamische Staat als symmetrischer Feind

Weshalb wiegt sich Europa also mehr oder minder in Sicherheit angesichts eines permanent hohen Risikos nicht Opfer eines Terroranschlages zu werden? Nicht nur die bereits erwähnte Ursache der Verlagerung der Aufmerksamkeit, auch ein mitunter übertriebenes Vertrauen in die sicherheitsbehördlichen Präventionserfolge können zum Irrglauben führen, dass nicht unmittelbar mit größeren terroristischen Vorkommnissen zu rechnen sei. Die Tatsache, dass die Öffentlichkeit den Eindruck hat, es passiere nichts, bedeutet in Wahrheit nur, dass man die Wahrscheinlichkeit eines terroristisch motivierten Anschlages als gering erachtet. Von wem geht derzeit eine konkrete Gefahr aus? Von den heimkehrenden Schergen des IS? Freilich könnten Extremisten jederzeit eine Zugehörigkeit zum IS für sich reklamieren, oder diesem eine allfällige Schreckenstat zuerkennen. Aber der IS ist derzeit typologisch nicht als Terrororganisation im herkömmlichen Sinne zu bewerten, zumal ihm bislang die erforderlichen Netzwerkstrukturen fehlen. Terroristen vermeiden üblicherweise eine unmittelbare militärische Konfrontation, da man zuerst auf sekundäre Gewaltfolgen wie Verunsicherung und Panikmache abzielt und durch eine Terrorattacke eine Gewaltbotschaft an den zu interessierenden Dritten adressieren möchte. Auch fokussiert sich der IS momentan auf seine unmittelbare Einsatzregion und ist bislang als Organisation anderswo nicht direkt in Erscheinung getreten. Betrachtet man die operative Vorgehensweise der IS–Truppen unter diesen Prämissen ist diese immanent symmetrisch auf eine unmittelbare militärische Auseinandersetzung mit dem nahen Feind ausgerichtet.

Simple Plots als präferierte Methode der Terroristen

Der „klassische“ Terrorist hingegen versteht sich in seinem kämpferischen Gestus als camouflierter Partisan im Untergrund. Er schlägt kurzfristig und direkt, vor allem öffentlichkeitswirksam und in erster Linie gegen Non-Kombattanten zu. Meist wird dies durch eine Subeinheit im Netzwerk, eine autark operierende Terrorzelle, deren integraler Teil der einzelne Attentäter ist, angeordnet und ebenso penibel durchgeplant. Der Terrorist ist in solchen Konstellationen quasi die verlängerte Hand des Jihad. Ein Sonderfall dieser Kategorie sind sog. Lone–Wolf–Attentäter, die eigenmächtig und losgelöst von Kommandostrukturen, oft ohne unmittelbare Zugehörigkeit zu einem islamistischen Netzwerk agieren. Bekenntnisse zu einer Terrororganisation erfolgen häufig eigeninitiativ und dann meistens im Anschluss an einen bereits verübten Anschlag. Überhaupt ist, anders als noch vor einem Jahrzehnt, ein Rekurs auf „einfache“ Plots zu erkennen. Dabei bedarf es bloß eines zur Selbstopferung bereiten Fanatikers, der mit einer AK–47 ausgestattet, in einem urbanen Ballungszentrum, wahllos oder nicht, unschuldige Menschen ermordet. Keine Flugzeuge, Drohnen oder Bomben. Derartige phänomenologische Ausprägungen terroristischer Gewalt werden zusehends wahrscheinlicher und lassen eine effiziente sicherheitsbehördliche Antizipation zugleich unendlich schwieriger erscheinen.

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