Das Parlament erstickt in Floskeln, Ritualen und höfischen Zeremonien. Roger Willemsen

Der Texaner

Er ist jung, er ist nicht weiß, er hat in Harvard Jura studiert: In Latino Julián Castro sehen viele Demokraten den Wiedergänger von Barack Obama. Seine Abstammung ist sein größter Trumpf auf dem Weg ins Weiße Haus.

Nichts in der Politik“, antwortete Hillary Clinton, als sie im Frühjahr diesen Jahres auf einer Auslandsreise nach ihren Plänen für die Zeit nach der Präsidentschaftswahl 2012 gefragt wurde. Die US-Außenministerin sollte eigentlich über Außenpolitik sprechen. Doch mit Blick auf die nahenden Wahlen konnten selbst bei der Pressekonferenz in Kopenhagen nur wenige widerstehen, den Blick schon auf 2016 zu werfen. Denn egal ob Barack Obama die kommende Wahl gewinnt oder nicht: In vier Jahren wird die Führung der Demokratischen Partei neu besetzt.

Schon jetzt wirkt Castros Geschichte wie ein Déjà-vu

Es bestehen kaum Zweifel, dass Clinton 2016 von ihrer Partei nominiert wird, wenn sie es möchte – zu groß ist ihre Strahlkraft. Ihre Ankündigung, nach Obamas erster Amtszeit als Außenministerin zurückzutreten, hat die Spekulationen nur weiter angeheizt. Doch angenommen, Clinton meint es ernst, wenn sie erklärt, genug von der Politik zu haben – was ihr engster Kreis tatsächlich zu glauben scheint –, würde sich für die Demokraten ein weites Feld auftun. Unter den häufig genannten Favoriten sind der Vize-Präsident Joe Biden, der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo, der Senator aus Virginia Mark Warner, der Gouverneur von Maryland Martin O’Malley und die Senatskandidatin Elizabeth Warren aus Massachusetts.

Je näher allerdings der Höhepunkt des diesjährigen Wahlkampfs rückt, desto mehr hört man von einem anderen jungen Politiker, der noch bis vor Kurzem fast völlig unbekannt war: Julián Castro. Der demokratische Senkrechtstarter schlägt momentan in Washingtoner Kreisen große Wellen. Castro, der 37-jährige Bürgermeister des texanischen San Antonio, wurde zum Keynote-Speaker auf dem demokratischen Parteitag in Charlotte im September berufen – als erster Latino überhaupt. Er ist außerdem der jüngste Bürgermeister, der je eine der 50 größten Städte Amerikas regierte.

Schon jetzt wirken Castros persönliche Geschichte und sein kometenhafter politischer Aufstieg wie ein Déjà-vu. Seine Biografie ist ebenso unwahrscheinlich und inspirierend wie der Lebenslauf von Präsident Obama. Beide entstammen ethnischen Minderheiten und wurden von alleinerziehenden Müttern großgezogen. Beide machten ihren Jura-Abschluss in Harvard (Obama 1991, Castro 2000), bevor sie in die Politik gingen. Beide wurden aus dem politischen Nichts heraus für die Keynote-Rede auf der wichtigsten Veranstaltung der Demokraten im Wahljahr ausgewählt. Obama sprach 2004 auf der gleichen Bühne, was ihn mehr als alles andere ins Licht der landesweiten Aufmerksamkeit rückte und ihm den Weg zur Präsidentschaft 2008 ebnete – und nun Castro 2012. Die Demokraten hoffen, dass von Castros Rede ein ähnlich elektrisierender Effekt auf die Latinos ausgeht wie einst von Barack Obama auf die Afro-Amerikaner. Die Rede von Castro, so die Hoffnung der Parteistrategen, soll verlässlich und langfristig Stimmen für die Demokraten gewinnen – speziell in Staaten, in denen keine klaren Mehrheitsverhältnisse herrschen, in den sogenannten Swing States.

Respekt bei den Latinos und im politischen Mainstream

Castros republikanischer Gegenpart ist Marco Rubio, 
der 41-jährige Senator aus
 Florida. Fast zeitgleich mit der Bekanntgabe Castros als Keynote-Speaker der Demokraten wurde bekannt, dass Rubio auf dem Parteitag der Republikaner Ende August die Einführungsrede für Mitt Romney halten würde. Er ist zwar der profiliertere Politiker, doch unter den Latinos bleibt Rubio eine umstrittene Figur. Er gilt als Liebling der Tea Party und befürwortete das kontroverse Gesetz „Arizona SB 1070“ gegen illegale Einwanderung. Kritiker monieren, dass es der Diskriminierung der Latinos durch die Polizei Vorschub leiste. Außerdem hat Rubio im US-Kongress gegen die Ernennung der ersten hispanischen Richterin am Supreme Court, Sonia Sotomayor, gestimmt. Castro, der als gemäßigter Pragmatiker gilt, hat es dagegen geschafft, sicheren Fußes auf einem schmalen Grat zu navigieren. Er genießt den Respekt sowohl der wachsenden amerikanischen Latino-Gemeinde als auch des politischen Mainstreams.

Doch der Mann, von dem Demokraten hoffen, er könne der erste amerikanische Präsident mit hispanischen Wurzeln werden, hat bislang noch keine Abkürzung ins Weiße Haus gefunden. 
Castro ist noch sehr jung, die Erfahrung und Schlagkraft der Altvorderen seiner Partei fehlt ihm. Ein weiterer gewichtiger Nachteil ist, dass er aus Texas kommt, wo seit 1994 kein Demokrat mehr für ein Amt auf Bundesstaatsebene gewählt wurde. Wenn Castro wirklich den Durchmarsch nach Washington wagen will, muss er sich wohl zuerst als Gouverneur von Texas oder als Senator das notwendige politische Gewicht verschaffen. Einfach ist das nicht. Castro müsste sich jeweils einer heterogeneren Wählerschaft stellen, als er es aus einer liberalen Stadt wie San Antonio mit ihrer mexikanisch-amerikanischen Mehrheit gewohnt ist. Gewinnt er jedoch eine dieser Wahlen, würde der junge Castro ins Zentrum der amerikanischen Politik katapultiert.

Castro hat alles, was man vom ersten Latino-Präsidenten der USA erwartet. Wenn der Bürgermeister von San Antonio seine Karten clever spielt, dürfte er in den kommenden Jahren zu einem der dynamischsten Köpfe der Demokraten heranreifen. Auch eine Politikerin wie Hillary Clinton ist darauf angewiesen, dass sich genügend Menschen an der Wahlurne für die Politik der Demokraten begeistern. Castros größter Trumpf ist genau diese Fähigkeit zur Begeisterung – und 50 Millionen potenzielle Wählerstimmen aus dem Latino-Lager.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Paul Sailer-Wlasits, Florian Josef Hoffmann, Julian Tumasewitsch Baranyan .

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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