Im Osten geht die Sonne auf

von Nicholas Siegel26.08.2011Außenpolitik

Der türkische Staatschef Erdogan reist nach Somalia – und demonstriert einmal mehr die Entschlossenheit seiner Außenpolitik. Zu Hause ist er unangefochten, im Ausland wird er immer einflussreicher. Türkei und die EU, das war einmal.

Kaum ein europäischer Staatschef würde wohl auf die Idee kommen, im Spätsommer noch einmal schnell in der somalischen Hauptstadt Mogadischu vorbeizuschauen. In den letzten zwanzig Jahren haben sich ausnahmslos afrikanische Staatsoberhäupter in Mogadischu blicken lassen. Die Stadt gilt zu Recht als extrem gefährlich; seit dem Sturz Siad Barres im Jahr 1991 gibt es keine stabile Regierung in Somalia. Doch in der vergangenen Woche waren Flughafen, Hafen und zahllose kriegsgeschädigte Gebäude mit Postern eines Staatsgastes tapeziert. Vor dem Hintergrund der roten Landesflagge posierte ein stolzer Recep Tayyip Erdogan. Doch warum reist er nach Mogadischu, gemeinsam mit seiner Familie und fünf Ministern? Die Gründe hatte Erdogan einige Tage zuvor während einer Parteisitzung in Ankara dargelegt: „Jeden Tag sterben Hunderte unserer afrikanischen Brüder. Was macht der Rest der Welt, was macht der Westen? Reichen sie ihre Hand?“

Nichts geht mehr ohne Ankara

Während einer Pressekonferenz in Mogadischu mit dem somalischen Präsidenten Sharif Scheich Ahmed versprach Erdogan, eine Botschaft zu eröffnen (es wäre die sechste Vertretung eines anderen Landes in Somalia) und den Bau von Schulen, Brunnen, Häusern und Kliniken zu unterstützen. Er kündigte auch an, die Hilfszahlungen der Türkei über die bereits vereinbarten 110 Millionen Dollar hinaus zu erweitern und die schlimmste Dürreperiode seit 60 Jahren zu bekämpfen. Und doch ist es vor allem der Besuch in Mogadischu selber, der am meisten Eindruck hinterlassen hat. Er geht Hand in Hand mit der Politik eines Präsidenten, der in den letzten acht Jahren seine nationale Stellung zementiert und gleichzeitig für die internationale Prominenz der Türkei gesorgt hat. Eine offensive Außenpolitik hat dazu geführt, dass das Land sich zum eindrucksvollen regionalen Akteur gewandelt hat. Nichts geht auf dem Balkan, im Nahen Osten, in Nordafrika und in Teilen Zentralasiens ohne die Mitwirkung der Türkei. Der Arabische Frühling hat die Dinge verkompliziert – man denke nur an den Grenzkonflikt der Türkei mit Syrien – aber die Außenpolitik des Landes nicht nachhaltig verändert. Zu Hause ist er unangreifbar. Nach dem dritten Wahlsieg in Folge hat Erdogan nun auch das Militär in seinen Einflussbereich gebracht. Zehn Prozent der türkischen Generäle sitzen mit Putschverdacht im Gefängnis, die anderen geben sich entweder unterwürfig oder sind zurückgetreten. Erdogan ist der stärkste türkische Führer seit Atatürk. Doch seine zukünftige Türkei wird weniger säkular und westlich geprägt, als es den Gründungsvätern vorschwebte.

Die Macht am Bosporus

Der Besuch in Mogadischu war daher eine große Chance für Erdogan. Vor allem während des Fastenmonats Ramadan gab es kaum eine bessere Gelegenheit, Solidarität und Großzügigkeit in der muslimischen Welt zu demonstrieren. Die Welt sah, wie ein unerschrockener muslimischer Staatschef in eine Krisenregion flog, um Hilfe und Stabilität zu bringen. Die Menge jubelte, türkische Flaggen wurden gehisst – und die Stellung der Türkei in der Region wurde nachhaltig gestärkt. „Istanbul“, so sagt Erdogan, „ist inzwischen der populärste Mädchenname in Somalia.“ Es steht außer Frage, wer als Verlierer aus diesem Besuch hervorgeht. Erdogan hat seine Worte bewusst deutlich gewählt und in Ankara all jene angeklagt, die „seit Jahrhunderten geplündert haben und die Region an diktatorische Regimes überlassen haben, wenn es den eigenen Interessen entsprach“. Der Traum vom EU-Beitritt ist verblasst, die Türkei wird ohne den Westen zu neuem Glanz kommen. Und das ist – da ist Erdogan überzeugt – ein Verlust für Europa.

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