Wenn man will, könnte man sein Leben entgooglefizieren. Jeff Jarvis

Wissen lernen

Eine Steckdose, ein PC, ein Internet-Anschluss: In der Realität ist den Entwicklungsländern damit nicht geholfen. Wer nicht versteht, wie Wissen einzuordnen ist, wie Quellen zu bewerten sind und wie die komplizierte IT-Infrastruktur zu warten ist, der braucht mehr als nur einen Container voller Laptops.

Die heutige Zeit ist geprägt durch Information und Wissen. Nie waren sie leichter zugänglich. Printmedien sind in den Hintergrund gerückt, das Internet gilt als die Wissensquelle. Das Recht auf Bildung und auf Erwerb von Grundlagenwissen ist überall anerkannt. Dazu kommt heute noch das Recht auf die Nutzung des Computers, womit es möglich ist, auf die Wissensquelle Internet zuzugreifen.

Der Zugang zu Wissen allein ist keine Lösung

Reiche Länder haben längst erkannt, dass Informationstechnologie (IT) eine Schlüsseltechnologie darstellt. Sie investieren in deren Erforschung und Entwicklung, da sie ein Multiplikator für die Bildung, Technisierung und Wirtschaft ist. Ist IT nicht auch die Chance für arme Länder und Krisenländer, an Wissen zu kommen und somit die Kluft zu den reichen Ländern zu überwinden?

Bei näherer Betrachtung muss hinterfragt werden, ob das alleinige Bereitstellen des Zugangs zu Wissen ausreicht, um einem Menschen Bildung zu vermitteln. Der Ruf nach intelligenten Suchmaschinen zeigt, dass das Wissen zwar im Internet abgebildet wird, jedoch die Bewertung der Wissensquellen und deren Verarbeitung beim Nutzer einen hohen Wissensstand voraussetzt. Der Zugang zu Wissen allein ist somit keine Lösung, er muss kombiniert werden mit einer guten Bildung und Ausbildung.

Entwicklungshilfe muss vorrangig bildungsorientiert sein

Arme Länder und Krisenländer müssen jedoch erst diesen Bildungsstandard erreichen. Sie zeichnen sich im IT-Sektor noch immer durch einen Mangel an qualifiziertem Personal, einer nicht kontinuierlich gesicherten Stromversorgung, einer schlechten Versorgung mit Breitbandanschlüssen und Telefonanschlüssen aus. Daraus resultiert die ungleich verteilte Chance, Wissen zu produzieren und die Wirtschaft voranzubringen. Die Abhängigkeit dieser Länder ist damit vorprogrammiert. Um diese Entwicklungsdefizite aufzuholen, bedarf es eines entwicklungspolitischen Umdenkens. Entwicklungshilfe muss vorrangig bildungsorientiert sein.

Es muss eine bedarfsorientierte, länderspezifische IT-Strategie entworfen werden. Auf der Entscheidungsebene in armen Ländern und Krisenländern fehlt es leider an erforderlichem Fachwissen, so dass sie auf die Unterstützung und Beratung reicher Länder angewiesen sind. Es kann an dieser Stelle nur der Appell erfolgen, dass die reichen Länder diese Aufgabe verantwortungsbewusst übernehmen und sich von der Vorstellung befreien, sie könnten einfach ihre bestehenden Konzepte auf die armen Länder und Krisenländer übertragen. Es bedarf einer interkulturellen Kompetenz und einer Kommunikation auf Augenhöhe mit dem Ziel, diesen Ländern nachhaltig zu helfen.

Zudem bedarf es länderspezifischer Ausbildungsprogramme, um qualifiziertes Fachpersonal auszubilden. Dazu müssen entwicklungspolitische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die garantieren, dass Fachpersonal bzw. Studierende aus diesen Ländern im Ausland bedarfsorientiert ausgebildet werden. Diese Absolventen können zukünftig Schlüsselpositionen in der Politik, Wirtschaft und Bildung ihrer Länder besetzen und somit als Multiplikatoren dienen.

Die Ausstattung der armen Länder mit technischer Infrastruktur ist dann ein Leichtes, wenn qualifiziertes Personal vorhanden ist, das Wissen didaktisch vorbereitet, diese Infrastruktur kompetent zu bedienen, zu warten und weiter zu entwickeln. Falls diese Voraussetzungen geschaffen sind, kann IT als Entwicklungsmotor auch für arme Länder und Krisenländer dienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Yasin Sebastian Qureshi, Lioudmila Chatalova, Pierre Lucante.

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