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Syrische Flüchtlinge auf dem Weg in ihre Heimat

Für eine BBC Our World Dokumentation, die dieses Wochenende auf BBC World News ausgestrahlt wird, begleitete Nawal Al-Maghafi syrische Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl bekommen hatten, auf ihrer Reise zurück nach Syrien.

Es ist mitten in der Nacht, hunderte Menschen – junge Männer, aber auch ganze Familien – laufen schweigend in der Dunkelheit. Ihre Habe tragen sie auf dem Rücken. Es sind syrische Flüchtlinge auf einer langen Reise in eine neue Heimat. Man sieht ihnen an, dass sie Angst haben, aufgegriffen zu werden. Das Szenario scheint bekannt, aber es ist es nicht. Diese Familien machen sich nicht von Syrien nach Europa auf, sie hetzen in die entgegengesetzte Richtung.

Eine wachsende Anzahl von Flüchtlingen gibt ein Leben in Sicherheit in Europa auf, und kehrt entweder in die Armut in die Türkei zurück oder in den Krieg zuhause in Syrien. Wir begleiten sie, um ihre Beweggründe herauszufinden.

Der Treck startet in Heilbronn in Baden-Württemberg. Das Bundesland beheimatet einen großen Teil der Flüchtlinge in Deutschland, 150.000 Menschen suchten dort in den letzten Jahren Asyl.

In dem geschäftigen Zentrum der Stadt sehen wir syrische Familien auf die Straßenbahn warten und syrische Jungen in einen neu eröffneten Kebab Shop gehen. Dort treffe ich den 27-jährigen Zackariya.

Er trägt ein sorgfältig gebügeltes Hemd, einen kurzgeschnittenen Bart, man sieht ihm an, dass ihm sein Äußeres wichtig ist. Er kam mit großen Erwartungen nach Deutschland. Er erzählt uns von der anstrengenden Reise, die er und hundert- tausende Syrer auf sich genommen hatten, um nach Europa zu gelangen. „Auf dem Weg nach Deutschland hörten wir viele Geschichten, dass sich unsere Träume dort erfüllen würden. Man hatte uns erzählt, dass wir dort Wohnungen bekommen würden, wo wir glücklich leben könnten. Wir würden herzlich aufgenommen und unser Glück finden.“

Er zeigt mir sein aktuelles Heim, ein Gebäude, das wie eine Jugendherberge wirkt, und in dem über 70 Flüchtlinge leben. Sein kleines Zimmer ist mit drei Stockbetten ziemlich voll. Er teilt es mit fünf weiteren Flüchtlingen. Auf dem Tisch steht immer noch das schmutzige Geschirr vom Vorabend. „Ist das nicht schrecklich? Diese Männer sind nett, aber ich kann so nicht leben.”

Zackariya erzählt mir von seinen Plänen: Er möchte einer Gruppe von Freunden folgen, die bereits nach Syrien zurückgekehrt sind. „Wenn ich sie anrufe, wirken sie so viel glücklicher. Ich dachte, dass Deutschland besser als unsere Heimat sei. Das Gegenteil ist der Fall: Unser Land ist schöner und angenehmer.“

Ich weise ihn darauf hin, dass sich in den sieben Jahren, seitdem er Syrien verlassen hat, dort einiges verändert hat. „Haben Sie nicht ein Syrien vor Augen, das es nicht mehr gibt?“ Seine aktuellen Bedingungen mögen vielleicht nicht seinen Ansprüchen entsprechen, aber sie böten ihm immerhin Sicherheit.

Er macht eine Pause und denkt über meine Worte nach. „ Aber nicht wir, das Assad-Regime hat das Land ruiniert“. „Das spielt keine Rolle“, sage ich, „sie geben die Sicherheit auf, um in ein Kriegsgebiet zurückzukehren.“ Er bleibt stumm, als würde er diesen Aspekt zum ersten Mal in Betracht ziehen. „Ja, wir sind sicher hier, aber unser psychisches Wohlbefinden ist auch wichtig. Hier in Deutschland sind wir psychisch, physisch und mental krank. Wir sind deprimiert“, sagt er. Mit dieser Überzeugung ist er nicht alleine.

Über einen Zeitraum von acht Monaten trafen wir uns mit Flüchtlingen, die Europa wieder hinter sich lassen wollten, und fragten nach ihren Motiven. Wir recherchierten auch die eigenartigen Umstände, die es diesem umgekehrten Exodus ermöglichten, die Türen auch für die zu öffnen, die noch nach Europa kommen wollten.

Wir schließen uns Zackariya auf seiner Reise gen Osten an. Vom Flughafen Stuttgart fliegen wir nach Thessaloniki, denn so weit bringen ihn seine deutschen Identifikationspapiere. Mit wenig Geld in den Taschen kann er sich nicht lange aufhalten. Er fährt zur vereinbarten Busstation am Flughafen, wie er über WhatsApp von dem Schleuser, der ihn nach Hause bringen soll, instruiert worden war.

An der Bushaltestelle wird klar, dass Zackariya diese Reise nicht allein antritt. Dutzende weitere Syrer machen sich in die Grenzstadt Levara auf. Zwei Busse fahren um 19.00 Uhr abends ab.

Die Reisenden sind allesamt Syrer. Ich kann nun herausfinden, welche unterschiedlichen Gründe sie haben, sich in ein Kriegsgebiet schleusen zu lassen. Manche sind sehr traurig, Deutschland zu verlassen und dankbar für die geleistete Unterstützung. Sie müssen jedoch zurück, da sie nach Jahren ihre Familien nicht nachkommen lassen können, da dies von den deutschen Behörden abgelehnt wurde.

Andere Konservative hatten Angst, ihre Kinder in einem so liberalen Land aufwachsen zu sehen. Wieder andere wurden in Deutschland schlichtweg nicht heimisch. „Im Sportunterricht musste sich meine neunjährige Tochter zusammen mit den Jungs ihrer Klasse umziehen, erzählt mir ein Vater. Was sind wir, wenn wir unsere Würde und unsere Kultur nicht hoch halten, Tiere?”

Sorgt er sich, dass seine Kinder ihn einst dafür verantwortlich machen, sie aus dem Land der Möglichkeit für eine bessere Zukunft weggebracht zu haben? „Sie werden es mir danken, sagt er ohne Zögern. Gott, nicht Europa, führt sie in eine bessere Zukunft.”

Als ich frage, wie sie den Rest der Reise finanzieren wollen, weist einer der Flüchtlinge auf ein wertvollen Dokument in seinem Besitz hin: die offiziellen Papiere, die ihm in Europa ausgestellt worden waren. „Ich werde sie in der Türkei verkaufen!“ In der Dunkelheit verabschiede ich mich von den Flüchtlingen, die den Fluss, die natürliche Grenze zwischen Griechenland und der Türkei, überqueren.
Wir fliegen in die Türkei, um diesen Handel mit Papieren näher in Augenschein zu nehmen und stellen fest, dass es weit simpler vor sich geht, als wir dachten. Es gibt einige eigene Facebook-Gruppen, jeweils mit mehreren tausend aktiven Mitgliedern. Dort posten wir eine dringende Anfrage nach einem europäischen Pass für einen dreißigjährigen Mann. Innerhalb von Stunden erhalten wir dutzende Angebote, allesamt mit Fotos, unter denen wir auswählen können.

Ich kontaktierte einen Mittelsmann, der angeblich dutzende Pässe verfügbar hat, unter denen ich eine geeignete Auswahl treffen könne. Wir treffen uns in Istanbul. Er weiß nicht, dass wir Journalisten sind. Sofort präsentiert er uns einem Pass. „Ich habe weitere auf meinem Smartphone, da ich nicht mit allen Pässen von der Polizei erwischt werden möchte“, fügt er hinzu.

Er zeigt zahllose IDs, EU-Reisedokumente und Pässe, unter denen wir auswählen können, allesamt in einer Preisspanne von 1.000 bis 3.000 EUR. Ich frage nach einem britischen Pass. Er antwortete, diese seien sehr teuer um die 15.000 EUR und er habe momentan keinen.

Ich kaufe eines der deutschen Reisedokumente und wir fliegen zurück nach Berlin. Dort legen wir das Dokument den Behörden vor. Zunächst hält ein Regierungssprecher das Dokument für eine Fälschung. Ich teile ihm mit, dass dies ein offizieller Pass sei. Wir sprechen auch darüber, dass uns Flüchtlinge davon erzählt hätten, wie sie mit den illegal gekauften Pässen nach Europa gelangt waren. Er ist alarmiert. „Dies ist ein großes Problem für unsere Sicherheitsbehörden und die Grenzkontrollen. Wir müssen Terroristen davon abhalten mit gestohlenen oder verlorenen Dokumenten einzureisen. Es ist nicht nur ein Thema für die Einwanderung, sondern für die innere Sicherheit.“
Einige Monate später kontaktiere ich alle, die ich auf ihrer Reise aus Europa begleitet hatte. Manche waren nach Syrien gelangt, wollten sich aber nicht darüber äußern.

Andere blieben in der Türkei, Zackariya ist einer von ihnen. Er lebt nun in Gaziantep. Er sagt: „Ich habe einen Job gefunden und habe mich eingelebt“. Ich erinnere ihn daran, dass er noch vor einigen Wochen so schnell wie möglich nach Syrien zurückkehren wollte. Er erwidert: „Eines Tages, nach dem Ende des Krieges – und er wird enden – kehre ich zurück.“

Our World: Escaping Europe auf BBC World News am Samstag den 26. Mai um 6.30 Uhr und 13.30 Uhr und am Sonntag, den 27. Mai um 19.30 Uhr

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Wendt, Boris Palmer, Alexander Wendt .

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