Und es begann vor zehn Jahren

Navid Kermani21.10.2009Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Studenten, die im Juli 1999 gegen das herrschende System demonstrierten, waren die Kinder der Revolutionäre von 1978, die den bürgerlichen Kreisen der Mittel- und Oberschicht angehörten. Die Brisanz der gegenwärtigen Entwicklung liegt darin, dass sie von Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten vorangetrieben wird. Die soziale Struktur der Demonstranten war so bunt wie die der Bevölkerung.

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Die jungen Leute, die im Juli 1999 auf die Straßen Teherans und anderer Städte Irans gingen, wollen nichts Besonderes: Sie wollen nur frei leben. In einem Staat wie der Islamischen Republik ist das leider etwas Besonderes. Sie sind die Gängelungen satt, die Korruption, die Arroganz, die Vorsicht, nicht überall sagen zu können, was sie denken, und vor allem die Anmaßung eines Staates, den eigenen Bürgern und zumal der Jugend vorzuschreiben, wie sie leben, was sie lesen, welche Musik sie hören, an wen sie glauben sollen.

Persönliche Freiheit existiert kaum

Sie sind in einem Maße politisch bewusst, wie man es in Europa kaum mehr kennt, aber nichts wäre den meisten von ihnen lieber, als sich wie ihre Altersgenossen auf der übrigen Welt ins Private zu stürzen, sich um die eigene Karriere, die Liebschaft, die Freunde zu kümmern. Aber diese Sphäre der persönlichen Freiheit existiert kaum, wenn die Aufnahme an der Universität die Teilnahme an einem Gesinnungstest voraussetzt, die Zulassung zum Graduiertenstudium oft schon an der allzu modischen Kleidung, dem glattrasierten Gesicht, den unter dem Kopftuch hervorlugenden Haaren scheitert, wenn das Fernsehen selbst die Bilder einer Fußballübertragung zensiert und man bei einer Party immer riskiert, von Revolutionswächtern aufgegriffen zu werden. Nicht zuletzt, um das Private zurückzuerobern, wurde die iranische Jugend politisch. Dennoch haben nicht nur die Bilder der Proteste an das revolutionäre Teheran erinnert, sondern hat auch das Wort von der Revolution eine Berechtigung, insofern es nämlich einen grundsätzlich Wandel anzeigt. Die Studenten, die im Juli 1999 für einige Tage ins Zentrum der internationalen Berichterstattung gerieten, die aber auch nach dem Ende der Massenproteste ihren Widerstand nicht aufgegeben haben, sind die Kinder der Revolutionäre von 1978.

Wandel nur eine Frage der Zeit

Die bürgerlichen Kreise, die Mittel- und die Oberschicht, lehnten das herrschende System immer schon fast vollständig ab. Die Brisanz der gegenwärtigen Entwicklung liegt darin, dass sie von Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten vorangetrieben wird. Die soziale Struktur der Demonstranten war so bunt wie die der Bevölkerung. Vor allem aber waren die Grenzen innerhalb der demonstrierenden Jugend, wenn nicht überall aufgehoben, so doch häufig verwischt, unklar, fließend. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu den siebziger Jahren, als die bürgerlichen Studenten den linken oder liberal-islamischen Intellektuellen folgten, während die Masse der einfachen Leute sich erst auf Geheiß Chomeinis den Protesten anschloss. Heute hingegen ist es kaum noch möglich, von der sozialen Herkunft auf die gelesenen Bücher, die politischen Leitfiguren, auf eine oppositionelle oder loyale Grundhaltung gegenüber der Islamischen Republik zu schließen. Das bedeutet, dass die Kinder jener Bevölkerungsgruppe, […] die nach der Revolution aufgewachsen ist, ihren Gehorsam aufgekündigt hat. Und diese Generation stellt zwei Drittel der iranischen Gesellschaft. Allein dies wird in Iran – was immer in den nächsten Jahren geschehen wird – langfristig für einen Wandel revolutionären Ausmaßes sorgen. Es ist nicht das kleinste Problem der Altrevolutionäre, dass sie keinen Nachwuchs finden. Unter den getöteten Demonstranten befand sich auch ein Student eines Theologischen Seminars. Das ist alles andere als ein Zufall. Schlimmeres kann einer Theokratie kaum passieren, als dass ihr die Theologen abhanden kommen. Navid Kermani: “Iran. Die Revolution der Kinder”, 2001, Verlag C. H. Beck

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