‚ÄěPerfektion ist ein seltsames Konzept‚Äú

von Natasha Vita-More22.04.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Als Transhumanistin entwirft Natasha Vita-More seit Jahrzehnten Konzepte zur Weiterentwicklung des Menschen. Im Gespr√§ch mit Lars Mensel redet sie √ľber das Meta-Gehirn, designte K√∂rperteile und kopierbare Erinnerungen.

*The European: Frau Vita-More, 1983 schrieben Sie in Ihrem Transhumanismus-Manifest: ‚ÄěDer Mensch entwickelt sich passend zur Evolution seine Werkzeuge und Ideen.‚Äú Drei√üig Jahre sind vergangen ‚Äď welche Werkzeuge sind am interessantesten?*
Vita-More: Diejenigen, die uns beim L√∂sen menschlicher Probleme und unserer Interaktion helfen. K√∂nnte ich einen Werkzeugkoffer zusammenstellen, w√ľrde ich ‚ÄěNBIK+‚Äú daraufschreiben: Nano-, Bio-, Informationstechnologie und Kognitionswissenschaft plus Robotik und k√ľnstliche Intelligenz. Mit Weiterentwicklungen der Technik beeinflussen wir unser Leben und die menschliche Wahrnehmung.

*The European: Menschengemachte Evolution klingt einerseits verhei√üungsvoll, andererseits bedrohlich. In Deutschland debattieren wir √ľber die Eingriffe in die Natur ‚Äď sei es Pr√§implantationsdiagnostik oder genetische Modifikation.*
Vita-More: Deutschland ist nicht zuletzt aufgrund seiner Geschichte in Sorge. Die Nationalsozialisten verwendeten die Technik gegen den Menschen. Ihr Ziel war es, mit Gewalt und Zwang eine √ľberlegene Rasse zu schaffen ‚Äď das ist niedertr√§chtig und kriminell. Tats√§chliche Verbesserung des Menschen besteht aus zwei Komponenten: Therapie und Auswahl. Erstere heilt kranke Menschen. Letztere bedeutet, manche unserer physiologischen Funktionen mit Hilfe von Technik √ľber die Grenzen der biologischen M√∂glichkeiten zu erweitern. Das hei√üt auch, die Ursachen psychologischer und physiologischer Krankheiten auszur√§umen. Sofern der Mensch das will.

*The European: Freiwillige Evolution also?*
Vita-More: Verbesserung ist eine freie Entscheidung. Ein wichtiges Recht dazu nennt sich morphologische Freiheit. Es erlaubt Menschen, ihre K√∂rper zu erweitern ‚Äď aber sie d√ľrfen niemals dazu gezwungen werden.

*The European: Sollten wir Erweiterungen als pers√∂nlichen ¬≠Entschluss begreifen, etwa wie die Entscheidung f√ľr eine T√§towierung?*
Vita-More: Ja, aber es geht um wesentlich extremere Eingriffe. Ein einfaches Beispiel ist die Technik zur Erweiterung der Sinne: Betrachten Sie gerne die Sterne, oder wollen Sie Molek√ľle erkennen k√∂nnen? Dann k√∂nnten Sie eine teleskopische Linse auf dem Auge tragen. Das w√§re wie ein Tattoo mit einer Funktion.

*The European: Weitere M√∂glichkeiten haben Sie in einer Konzeptstudie namens ‚ÄěPrimo Posthuman‚Äú festgehalten, dem Prototypen f√ľr einen zuk√ľnftigen Menschen. Dessen Haut sch√ľtzt sich selbst vor UV-Strahlen, und er kann das Geschlecht wechseln. Ist das realistisch?*
Vita-More: Ich habe dieses Konzept als Ganzk√∂rper-Prothese entworfen, als Alternative zum menschlichen K√∂rper im Sinne der Robotik, k√ľnstlichen Intelligenz und Neurowissenschaft. Es bietet kranken Menschen die M√∂glichkeit des ‚Äěfreiwilligen Todes‚Äú, bei dem das Gehirn in diesen Ersatzk√∂rper verpflanzt wird. Wir haben bereits begonnen, Menschen fernab der Regieanweisungen unserer DNS zu entwerfen. Die Medizin wei√ü sehr viel √ľber unser gr√∂√ütes Organ, die Haut. UV-Schutz ist bereits mit Sonnencreme m√∂glich ‚Äď eine einfache, aber fortschrittliche Anwendung, die jeder gewohnt ist.

*The European: Und wie k√∂nnen wir unsere Haut so verbessern, dass Sonnencreme √ľberfl√ľssig wird?*
Vita-More: Synthetische Haut kann im Labor gez√ľchtet werden und als Ersatzhaut dienen. Eine an der Stanford University entwickelte Plastikhaut ist ber√ľhrungsempfindlich und kann sich bei Zimmertemperatur selbst reparieren. Wissenschaftler arbeiten daran, Haut mit 3D-Druckern zu erzeugen ‚Äď ein lebendiges Konstrukt, das der menschlichen Haut entspricht.

*The European: Haut ist sicherlich nicht das einzige Organ?*
Vita-More: Wir k√∂nnten quasi jedes Gewebe drucken und damit kranke K√∂rperteile ersetzen, zum Beispiel bei Krebs. Oder wir k√∂nnen Zellstrukturen manipulieren und die Organe in ihren Urzustand zur√ľckversetzen. Wenn wir die Krebszellen aus einer Harnblase entfernen und das kranke Gewebe ersetzen, kann diese ihre Funktion ungest√∂rt wiederaufnehmen. Auch was das Geschlecht angeht, sind die Fortschritte beeindruckend: Wir heilen bereits Unfruchtbarkeit, frieren Embryos ein oder f√ľhren Geschlechtsumwandlungen durch.

*The European: Welche Fortschritte wurden bisher in der ­Psychologie gemacht?*
Vita-More: Neuropharmazie hat vielen Menschen mit Krankheiten wie Parkinson dabei geholfen, ihre kognitiven F√§higkeiten und Erinnerungen zur√ľckzuerlangen. Menschen mit psychischen Problemen erlangten eine ausbalancierte Psyche. Depressionen, Phobien, Psychosen und andere seelische Krankheiten wurden von diesen Entwicklungen bereits enorm zur√ľckgedr√§ngt. F√ľr die Zukunft habe ich ein Meta-Gehirn vorgeschlagen. Es h√§tte ein gr√∂√üeres Erinnerungsverm√∂gen und verbesserte kognitive F√§higkeiten. Der von mir entworfene Prototyp k√∂nnte seinen eigenen K√∂rper regenerieren und Krankheiten oder Alterung automatisch korrigieren.

*The European: Wie sähe so ein Mensch aus?*
Vita-More: Ich habe den ‚ÄěPrimo Posthuman‚Äú so gestaltet, dass er mehr einem Menschen als einem Cyborg gleicht. Cyborgs sind zu mechanisch ‚Äď menschen√§hnliche K√∂rper und Sinne sollten vorhanden bleiben.

*The European: Nach Ihren Beschreibungen könnten wir aber auch Körper entwerfen, die unserem kaum ähneln.*
Vita-More: Sicher, aber wir wissen einfach noch nicht, wie wir aussehen werden. Designer und Ingenieure werden sich in den kommenden Jahrzehnten austoben. Bereits jetzt ist Prothesenkunde praktisch ein Gestaltungsfach. Moderne Prothesen k√∂nnen immer besser mit dem Gehirn interagieren ‚Äď um beispielsweise einen Tastsinn zu simulieren ‚Äď und sehen dazu noch atemberaubend aus. Arme und Beine sind Designprodukte, und manche von ihnen wurden in Fachzeitschriften gezeigt, weil sie so wundersch√∂n sind. Trotzdem brauchen wir noch immer eine Art Struktur. Ein Bauger√ľst, nennen wir es K√∂rper. Bewusstsein, Gehirn, die kognitiven F√§higkeiten und das zentrale Nervensystem m√ľssen in irgendeiner Struktur beheimatet sein. Ob nun biologisch, mechanisch oder ganz anders: Sie m√ľssen zusammenh√§ngen.

*The European: Welche anderen Einschränkungen gibt es?*
Vita-More: Wir Menschen sind sehr zerbrechlich. Und Ganzkörperprothesen sind noch nicht möglich, ebenso wenig wie Sicherungskopien unserer Erinnerungen. Sobald wir das Gehirn in den Computer laden können, sind wir einen großen Schritt näher an einer tatsächlich nachhaltigen Erweiterung.

*The European: Aber hat diese Zukunftsvision √ľberhaupt noch etwas mit unserer menschlichen Natur gemein?*
Vita-More: Den Begriff finde ich schwierig. Wenn wir von der menschlichen Natur sprechen, meinen wir oft die Natur um uns herum. Wir haben unser Bestes getan, um Mutter Natur in den Griff zu bekommen. Aber unsere eigene Natur ist anders, sie h√§ngt mit unserer Biologie und unserer DNS zusammen. Ausschlie√ülich menschlich war diese aber noch nie. Alle von uns tragen in ihren Zellen Mitochondrien, welche eine v√∂llig andere DNS haben als wir selbst. Letztlich liegt es in unserer Natur, L√∂sungen zu suchen ‚Äď also m√ľssen wir innovativ sein. Im Laufe der Evolution hat sich der Mensch immer anpassen m√ľssen.

*The European: Krankheit, Alter und Tod sind integrale Bestandteile unserer menschlichen Existenz. D√ľrfen wir sie auf der Suche nach Perfektion einfach abschalten?*
Vita-More: Auch Perfektion ist ein seltsames Konzept. Um sie zu erreichen, m√ľssten wir uns in einem Zustand befinden, in dem nichts mehr zu tun w√§re. Es w√ľrden keine weiteren Hoffnungen, keine weiteren Tr√§ume, keine Probleme existieren. Dort anzukommen, w√ľrde ewigen Stillstand bedeuten. Wie langweilig. Perfektion ist kein Zustand, den ich selbst anstrebe ‚Äď und ihr Erreichen ist auch kein Ziel der Transhumanisten. Der Drang zur Perfektion wurde uns von der Religion auferlegt, insbesondere dem Christentum. Menschliche Verbesserung sollte uns nicht perfekt, sondern zu besseren Menschen machen.

*The European: Welche Rolle spielt die Technik dabei?*
Vita-More: Das kommt auf die Sto√ürichtung der technischen Entwicklung an. Will sie uns ersetzen? Vermutlich nicht. Wahrscheinlicher ist, dass wir selbst zu super-intelligenter Technik werden, weil wir auf sie zur√ľckgreifen werden, um schlauer, effizienter, kommunikativer zu werden. Wenn diese Entwicklung stattfindet, werden wir neben der normalen Welt auch in einer k√ľnstlichen Simulation leben und kommunizieren. Seit Jahrhunderten nutzen Menschen Technologien, um ihre M√∂glichkeiten zu verbessern. Ob das gut ist, kommt immer auf deren Verwendung an.

‚ÄěTechnikoptimismus ist ein Oxymoron‚Äú

*The European: Alan Turing wurde einmal damit konfrontiert, dass Eingriffe in die menschliche Biologie so w√§ren, wie Gott zu spielen. Er antwortete: ‚ÄěWir sind trotzdem Instrumente seines Willens und bieten Raum f√ľr die Seelen, die er schuf‚Äú. Sind Sie seiner Meinung?*
Vita-More: F√ľr Christen ist der Himmel das absolute Finale. F√ľr Buddhisten geht das Leben stets weiter. Wir anderen schaffen unseren Seelenfrieden durch Taten. Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Spezies zu besch√ľtzen. Aber ebenso haben wir die Evolution in der Hand.

*The European: Unser Zusammenleben fußt darauf, dass wir auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind. Die Diskussion um menschliche Verbesserung scheint vom Versprechen getragen, den Menschen komplett unabhängig zu machen.*
Vita-More: Ich glaube, dass unser Gef√ľhl der Zusammengeh√∂rigkeit mit der Verbesserung st√§rker geworden ist. F√ľr lange Zeit waren Menschen beispielsweise nur mit ihrer direkten Umgebung im Kontakt. Heute bringen uns die Telekommunikation und das Internet n√§her zusammen. Wenn wir die Kommunikationstechnik weiterentwickeln, wird sie stets pr√§senter und inniger. Virtuelle Realit√§ten demonstrieren, wie uns Verbesserungen dabei helfen k√∂nnen, besser miteinander umzugehen. Wie w√§re es, wenn wir Erfahrungen teilen k√∂nnten? Stellen Sie sich vor, ich k√∂nnte die neuronalen Verkn√ľpfungen einer meiner gro√üartigsten Erinnerungen in Algorithmen umwandeln und in Ihr Gehirn laden. Je mehr wir unsere technischen M√∂glichkeiten vorantreiben, desto n√§her werden wir zusammenr√ľcken.

*The European: Dennoch k√∂nnte eine Verbesserung zu gesellschaftlichen Problemen f√ľhren. Beispiel: verl√§ngertes Leben. Wir k√§mpfen bereits heute mit der √úberbev√∂lkerung und der Last des demografischen Wandels.*
Vita-More: Sicher, wenn wir mit l√§ngerem Leben √úberbev√∂lkerung hervorrufen, ist das schlecht f√ľr unsere Welt und uns alle. Momentan w√§chst die Weltbev√∂lkerung noch. Aber im Westen ist bereits ersichtlich, dass Bev√∂lkerungen auch wieder schrumpfen k√∂nnen. L√§ngeres Leben kann genau da ansetzen. Momentan liegt das Maximum bei 122 bis 123 Jahren. Aber wenn wir l√§nger leben w√ľrden, 150 Jahre oder mehr, w√§re das ein Paradigmenwechsel f√ľr unsere Spezies.

*The European: Wie hat man sich so eine Welt vorzustellen?*
Vita-More: Ich glaube, dass wir unsere Zivilisation ins Sonnensystem ausweiten werden ‚Äď beispielsweise mit Gesellschaften im Erdorbit.

*The European: Ist es also Zeit f√ľr Technik-Optimismus oder eher f√ľr behutsames Vortasten?*
Vita-More: Weder Technik-Optimismus noch dystopischer Pessimismus werden die vielen Probleme l√∂sen, mit denen wir konfrontiert sind. Wir leben in einer Zeit, wo der Fortschritt von zahllosen Problemen der Welt aufgehalten wird. Technik-Optimismus ist also ein Oxymoron: Wie kann man angesichts der Wirtschaftskrise, der Umweltprobleme, der Armut und den st√§ndigen Kriegen im Nahen Osten optimistisch sein? Ich schlage also eine dritte Option vor: Das proaktive Prinzip basiert auf kritischem Denken, um die Probleme unserer Welt sensibler anzugehen. Es ist optimistisch ‚Äď aber auf eine pragmatische Art.

_√úbersetzung aus dem Englischen_

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