Das Märchen Israel

von Natan Sznaider20.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Nicht selten schmückt sich Israel mit der Behauptung, es sei die einzige Demokratie im Nahen Osten. Vor allem im Konflikt mit seinen arabischen Nachbarn wird dieses Ass gerne aus dem Ärmel gezogen. Aber ist Israel überhaupt eine Demokratie, kann es jemals eine sein?

1902 veröffentlichte Theodor Herzl seine Utopie eines modernen und dynamischen Israel. “Altneuland” hieß das Buch – und damit auch der wichtigste Slogan des Zionismus auf den Punkt gebracht: “Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.” Es geht hier um eine Reise nach Palästina, die sich 1923 abspielen sollte.

Wie einst die Habsburger

Ein Märchen in der Tat. Palästina ähnelt mehr dem idealen Modell des Habsburger Reiches, als dem Nahen oder Mittleren Osten, zu dem es dieser Tage geworden ist. Mehrere ethnische Gemeinschaften leben in einem nicht klaren imperialen Modell mehr oder weniger harmonisch miteinander. Kein ethnischer Nationalstaat, sondern eine kreative Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus. Juden, die sich ständig an ihren kosmopolitischen Wurzeln oder ihrer Wurzellosigkeit orientieren, Bildung und Erziehung im Vordergrund, eine tragende Rolle für die kulturelle Elite, Trennung zwischen Staat und Religion, nichts weniger als ein Idealbild von Wien stellte sich Herzl Anfang des 20. Jahrhunderts vor. Ahad Ha’am, einer der wichtigsten zionistischen Denker und Erzrivale von Herzl, mochte das Buch nicht. Es war ihm nicht jüdisch genug. Es war für ihn der Ausdruck des dekadenten Westjudentums, den der Zionismus eigentlich überwinden wollte. Als stolzer Vertreter des osteuropäischen Ostjudentums hatte er keine Geduld für die utopischen Fantasien von Herzl. Der Zionismus war nicht nur ein in den Nahen Osten verschlepptes Stück Habsburg, sondern sollte eine Renaissance der jüdischen Kultur im eigenen Land bedeuten. Es war für ihn undenkbar, dass im neuen alten Land Deutsch gesprochen und imperial gedacht wird. Der Zionismus war die Antwort auf die das Judentum und die Juden gefährdende Assimilation und nicht, wie Herzl glaubte, die Vollendung der jüdischen Assimilation im eigenen Land.

Der Konflikt zwischen “jüdisch” und “demokratisch”

Und hier ist auch der Konflikt zwischen “jüdisch” und “demokratisch” begraben. Geht beides? Aber über all diesem steht die Sicherheit. So heißt es in der israelischen Unabhängigkeitserklärung: “Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen, und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert.” Aber damit stellt sich Israel außerhalb des herrschenden Zeitgeistes der Völker, deren Lehren aus dem Holocaust da heißen, dass nie wieder Gewalt ausgeübt werden soll. In Israel sind Souveränität und Gewalt Teil der historischen Konsequenzen geworden. Die Antithese dieses ethnischen Partikularismus – das Prinzip des Universalismus, oft auch mit Demokratie verwechselt – ist aber für Juden zutiefst zweischneidig. Die jüdische Erfahrung durch die Geschichte hindurch enthält allerdings eine andere Lehre, nämlich die, dass der Universalismus eine unangemessene Antwort auf die Herausforderung des Partikularismus ist, und zwar eine solche, die kaum weniger gefährlich ist. Juden haben in ihrer Geschichte immer unter universalen Prinzipien leiden müssen. In ihrer Souveränität wollen sie es nicht mehr. Sind die Juden Israels deshalb die schlechteren Europäer? So scheint es wohl. Aber genauer gesagt sind sie die wahren Europäer außerhalb Europas. Denn die Juden Israels betonen die Unterschiede, die Distanz zu anderen. Was ist europäischer als das?

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