Fehler im System

von Natalie Sontopski7.01.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Geekettes, Rails- und Code Girls: 2015 muss es endlich gelingen, mehr Frauen für die IT zu begeistern.

Wir leben in einer digitalen Welt, gebaut aus Trilliarden Nullen und Einsen. Diese digitale Welt ist ein Abziehbild unserer analogen Gesellschaft. Und wie im realen Leben sind Frauen darin vor allem als Konsumentinnen sichtbar. Frauen nutzen das Netz, aber sie gestalten es nicht in dem Maße wie Männer. Die Architekten der digitalen Welt sind Programmierer, Start-Up-Gründer und Business Angel – und das sind mehrheitlich Männer. Es ist kein Geheimnis, dass Frauen in der IT eine Minderheit darstellen. Aber weshalb? Und wird sich das in naher Zukunft ändern?

Für mich stand in der achten Klasse für ein halbes Schuljahr „Programmiersprachen“ auf dem Lehrplan. Ich habe mich darauf gefreut! Programmieren, das klang aufregend nach Hacken und Anarchie und nach grünen Ziffern auf einem schwarzen Bildschirm. Ziel war dann allerdings, einen Roboter in einer von uns definierten Schleife fahren zu lassen. Die wilde Welt des Programmierens klang unangenehm nach Mathematik. Ich war 14, ich war stur und ich war ziemlich schlecht in Mathe. Mein Lehrer versuchte nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Nach dem halben Jahr war mein Interesse an Informatik am Nullpunkt. Und ich war außerdem davon überzeugt, dass ich Code nicht konnte und niemals können würde.

Die ersten Informatiker waren weiblich

Ich glaube, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin. So wie ich haben viele junge Menschen keinen guten Start in die Welt der Informatik gehabt. Aus vielen Jungs sind trotzdem Entwickler oder Hardware-Experten geworden. Aus den Mädchen nicht. Warum? Die Wahrheit ist so simpel wie traurig: Mädchen und Frauen kommen schlichtweg nicht auf die Idee, dass eine Karriere in der IT eine Option für sie ist. Schuld daran sind fehlende Berührungspunkte mit Informatik und ein eklatanter Mangel an Vorbildern.

Das Klischee des nerdigen Programmierers Mitte 20, mit Hoodie, dicker Brille und einer besorgniserregenden Leidenschaft für Computerspiele, regiert unsere Vorstellungen davon, wie es ist, mit Code zu arbeiten. So sehr, dass der amerikanische Pay-TV-Sender HBO eine Serie namens „Silicon Valley“ darüber gedreht hat. Frauen spielen darin keine nennenswerte Rolle. Warum auch? Die Serie wird ja eben dafür gelobt, dass sie die Verhältnisse in Silicon Valley dermaßen realistisch porträtiert. Im Film wie in der Realität ist die Aussage klar: Frauen arbeiten nun einmal nicht als Programmiererinen oder gründen ein Start-Up in einer Garage.

Das Komische an der Sache ist: Die ersten Informatiker waren weiblich. Zum Beispiel Ada Lovelace, die Tochter von Lord Byron, die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Programm für eine leider nie fertiggestellte „Analytical Engine“ schrieb. Oder Grace Hopper, die graue Eminenz der Informatik: Nicht nur erfand sie den Compiler (das ist eine Software, die Programmiersprachen wie Java oder C++ in Maschinensprachencode umwandelte), sie prägte auch den Begriff „debuggen“, nachdem sie eine tote Motte im ersten vollelektronischen Rechner der Welt fand. Und gleich sechs Informatikerinnen programmierten den ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Computer), den ersten vollelektronischen Universalrechner. Doch schon bei der offiziellen Vorstellung 1946 wurden diese Frauen nicht gewürdigt – und gerieten in Vergessenheit.

Frauen haben Computer also von Anfang an auf ihrem digitalen Siegeszug begleitet – nur leider wurden ihre Leistungen nicht im gleichen Maße gewürdigt wie die ihrer männlichen Kollegen.

Frauen haben nicht bessere, sondern andere Ideen

Wir als Gesellschaft müssen es schaffen, mehr Frauen für Code zu begeistern, denn er bildet immerhin das Fundament, welches das Internet zusammenhält. Und Wissen erlaubt Frauen den Zugang zu virtuellen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. Wissen ist aber auch Macht und vielleicht bleibt deshalb das digitale männliche Establishment bisher unter sich. Dabei ist die Inklusion von Frauen keine Bedrohung, sondern eine Chance: Frauen haben nicht bessere Ideen, sie haben andere Ideen. Frauen mit Familie können beispielsweise dabei helfen, eine bessere Work-Life-Balance in der Branche durchzusetzen. Außerdem wissen Frauen besonders bei delikaten Themen besser, was Frauen sich wünschen – und können als Entwicklerin ihre Vorstellungen gleich von Anfang an einbringen.

Unternehmen, Entwickler und die Jungs in ihren Start-Up Netzwerken sollten also bessern handeln. Zum Beispiel, indem sie hart daran arbeiten, den Anteil der Frauen zu erhöhen, durch studienbegleitende Praktika, Mentorenprogramme und Sponsoring von Veranstaltung für Frauen. Gleichzeitig sollten vor allem Unternehmen daran arbeiten, ihren Mitarbeitern eine klare Anti-Haltung gegenüber dem leider weit verbreiteten Sexismus zu vermitteln.

Für 2015 wünsche ich mir, dass sich mehr Frauen zusammenschließen, um dem Stereotyp des männlichen Programmierers neue, positiv besetzte Bilder von Frauen in der IT entgegensetzen. Globale Initiativen wie die Rails Girls oder lokale Netzwerke wie die Berliner Geekettes oder Leipziger Code Girls arbeiten daran, interessierte Frauen zu vernetzen und bieten Workshops und Hackathons an.

Auch die Giganten der Branche wie etwa Google haben die Zeichen erkannt und fördern entsprechende Programme mit Millionen von Dollar. Das bedeutet nicht, dass nächstes Jahr der Anteil der Frauen in der IT rasant zunehmen wird, aber womöglich dass sich mehr Mädchen in der achten Klasse vorstellen können, als Entwicklern zu arbeiten. Ein Silberstreif am Horizont.

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