Alle Mann an Deck

Nancy Birdsall8.01.2014Politik, Wirtschaft

Von New York bis Mosambik: Eine neue Macht entsteht, die die katastrophalen Folgen der Globalisierung eindämmen kann. Sie muss alle ins rettende Boot holen. Schon aus Selbstinteresse.

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Im Juni 2013 stellte der ehemalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg einen ambitionierten Plan vor. Für 20 Milliarden US-Dollar will er die Stadt so umbauen, dass sie auch extremen Wetterereignissen standhält. Er warnte, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 80 Zentimeter steigen könnte. Wie jeder US-Amerikaner hatte er noch die Erinnerung an Hurrikan Sandy im Hinterkopf.

Schnitt. Wir befinden uns 13.000 Kilometer südöstlich, im afrikanischen Mosambik. Ein Land, in dem 60 Prozent der Menschen fürchterlich arm sind. Die Weltbank hat errechnet, dass auch hier der Anstieg des Meeresspiegels droht – zehn Prozent der Bevölkerung müssten sich dann neues Land suchen. Schutzwälle gegen die Fluten? Wohl eher nicht. Die Kosten für Bloombergs Pläne liegen 40 Prozent über der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung Mosambiks.

Opfer der Entscheidungen anderer

Der Klimawandel und seine Folgen sind nur eins der Probleme, das sowohl die Einwohner New Yorks als auch die New Delhis betrifft. Es gibt ­weitere: die Stabilität der internationalen ­Finanzwelt, Schwankungen bei den Preisen für Nahrungsmittel, zunehmende mikrobielle Resistenz gegen Medikamente und schwindende Artenvielfalt. ­Betrachtet man all diese Probleme als Stürme, dann haben wohlhabende Menschen zwar ein größeres Boot, sie müssen damit aber durch dasselbe Unwetter wie die armen Menschen segeln.

Der Umgang mit globalen Gütern – also etwa der intakten Umwelt – ist eine große Herausforderung. Ironischerweise ist das Nichtvorhandensein organisierender Macht auf der internationalen Bühne Teil des Problems.

Es gibt zwischenstaatliche Institutionen, die sogenannte „Global Governance“ leisten sollen und dazu gedacht sind, weltweite Probleme anzupacken. Die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die G20, die Weltgesundheitsorganisation und viele weitere. Aber deren Macht ist beschränkt! Das gesamte System ist schwach, ineffizient und oft auch unfähig. Etwa bei der Besteuerung mobilen Kapitals, dem Unterbinden des Drogenhandels oder dem Angehen des Klimawandels.

Außerdem ist dieses Netz zwischenstaatlicher Organisationen demokratisch schlicht nicht legitimiert. Sie repräsentieren eher eine reiche Elite als den typischen Menschen. Der durchschnittliche Mensch ist weitgehend machtlos und kann sich nicht vor den aufgeführten Gefahren schützen. Ob sie nun in Form einer politischen Krise in seinem eigenen Land auftreten oder als Folge von Problemen in anderen Staaten. Zusammengefasst: Der typische Mensch ist genauso Opfer von Entscheidungen wie Nicht-Entscheidungen, also dem ­Zögern anderer Menschen.

Das System „Global Governance“, das eigentlich dabei helfen soll, alle Boote sicher durch die heraufziehenden Stürme zu lotsen, hat keinen Flottenkapitän. Die Finanzkrise ab 2007 und ihre Folgen bedeuten wohl das Ende der US-amerikanischen Hegemonie. Die USA blockieren sich seit der Finanzkrise politisch selbst. Mit dem Aufstieg Chinas und anderer wirtschaftlich und politisch starker Staaten ist es zudem noch schwieriger ­geworden, die Flotte auf Kurs zu halten.

Doch es entsteht eine neue globale Macht. Eine, die noch formlos ist und die auf dem einzelnen Menschen beruht. Umfragen zeigen, dass sich Bürger reicher wie armer Länder den Risiken des vernetzten Weltmarkts ­bewusst werden.

Gestützt wird diese Entwicklung durch die immer einfachere Kommunikation, durch neue Beteiligungs- und Koordinationsmöglichkeiten. Die Menschen sind sich des Potenzials bewusst, das in globaler Kooperation liegt. Deshalb vernetzen sich Aktivisten zunehmend. Ihre Zusammenarbeit geht tiefer und ist immer öfter grenzüberschreitend. Das gilt nicht nur für reiche Länder.

Wir dürfen optimistisch sein

In den letzten zehn Jahren hat sich in Afrika die Zahl gut organisierter und finanzierter NGOs mit UN-Beraterstatus verachtfacht. Dieser neue Aktivismus kann die Einstellung verändern, was als fair und nachhaltig betrachtet wird, besonders unten den Jungen und Gebildeten. Diese sich wandelnden Vorstellungen tragen zur Anpassung ­globaler Normen bei.

Je drängender und offensichtlicher die Herausforderungen werden, umso stärker wird die Macht derjenigen, die in den großen Booten sitzen und entsprechenden Einfluss genießen. Sie haben nicht nur die moralische Pflicht, eine bessere Form der Globalisierung zu unterstützen, sondern sollten es auch aus Eigeninteresse tun. Denn es werden ebenfalls ihre Kinder sein, die von dem so entstehenden Wohlstand und der Sicherheit profitieren.

Wenn Deutsche, US-Amerikaner, einflussreiche Brasilianer, Chinesen und Inder diese Verantwortung wahrnehmen, sollten sie nicht nur im eigenen Land die Armen unterstützen. Sie müssen­ stattdessen Handel, Migration, Besteuerung, Korrup­tionsbekämpfung und gute Klimapolitik in allen Teilen der Erde fordern. Und das bedeutet auch, sich für ein effizienteres System der „Global Governance“ starkzumachen. Am Ende sind es nämlich deren Institutionen, die auf der rauen See der Globalisierung die Boote koordinieren.

Aus der historischen Vogelperspektive – wie der US-Psychologe Steven Pinker bemerkt – scheint die Menschheit eine gute Entwicklung zu nehmen: Wir organisieren uns immer besser und es sind immer öfter altruistische Normen, die bloßes Selbstinteresse besiegen. Neues Handeln, neue Normen, bessere Institutionen und bessere ­Regeln: Wir dürfen also vorsichtig optimistisch sein, wenn wir an die vielen kleinen, ungeschützten­ Boote da draußen denken.

_Dieser Kommentar entstand in Zusammenarbeit mit Christian Meyer. Übersetzung aus dem Englischen_

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