Wir wollen Kanzler. Andrea Nahles

Nur Sex? Nein, Danke!

„Ich will nur etwas Körperliches. Das ganze Beziehungsdrama brauche ich nicht. Etwas Lockeres wäre toll. Mit den Frauen schlafen und das war‘s.“

Nachdem mir nach dieser Aussage fast der Bissen im Hals stecken geblieben ist und ich den Impuls unterdrücken musste, mein Colaglas nach vorne zu schütten, fing ich damit an, mich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ist es wahr, dass Männer Frauen nur noch auf das Äußere reduzieren und wenn ja, warum ist das so? Ist der schnelle Sex interessanter als eine feste Beziehung?

Liebevoll auch als Generation „Beziehungsunfähig“ oder „Maybe“ abgestempelt, ist, den richtigen Partner zu finden, damit gleichzusetzen, die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Kann man daraus folgend aber die Gleichung aufstellen, dass Männer tatsächlich eher an der Farbe der Unterwäsche der Frau interessiert sind, als daran, wohin sie gerne einmal reisen würde?

Eines ist zunächst klar: Weder Männer noch Frauen lassen sich in eine Schublade stecken und jedes Individuum muss als Einzelnes betrachtet werden. Zudem hat natürlich jeder das Recht, seine Sexualität auszuleben, wie er möchte, solange er niemanden damit schadet. Dennoch müssen einmal ein paar Gedankengänge aus der Sicht einer Frau aufgeschrieben werden. Wohl wissend, dass sie nicht auf alle zutreffen und man sie in abgewandelter Form auch auf so manche Frau anwenden kann.

„Bloß nicht binden! Erst will ich mich noch ausleben“

Nicht zu leugnen ist die Tatsache, dass viele Männer heutzutage tatsächlich das Lockere der festen Beziehung vorziehen. Sobald sie das Wort „Bindung“ hören, nehmen sie die Beine in die Hand und rennen so schnell weg, als wäre man ihnen mit Schlagstock und Pistole auf den Fersen. „Ich will mich erst ausleben“, ist die beliebte Standartantwort auf die Frage, warum der gute Kerl, der doch so perfekt und zuverlässig gewirkt hat, plötzlich doch eigentlich wieder nur das Eine will.

Bei dieser Aussage kann ich mich im Namen aller Frauen wirklich nur bei der Online-Dating-Industrie bedanken. Danke dafür, dass es heutzutage noch viel einfacher ist, jemanden kennenzulernen, der einzig und alleine die Funktion hat, sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Danke, dass viele dadurch noch viel mehr das Gefühl haben, viele Optionen offen zu haben und bloß nichts verpassen zu wollen. Danke, dass einige nun noch mehr als früher denken, dass in der Zukunft noch jemand Besseres kommen könnte. Ironie aus.

Genitalfotos statt Blumen

Gab es früher eine Blume zum Kennenlernen, kann man sich heute über Fotos von Körperstellen „freuen“, die man definitiv nicht sehen möchte. Gerade Plattformen wie Lovoo oder Tinder sind dafür bekannt, vor allem dafür, zu dienen, schnell und einfach jemanden zum zwanglosen Sex zu finden. Nach fünf Tagen Selbstversuch mit einem Account dort, lässt sich feststellen, dass der Ruf solcher Plattformen definitiv nicht von irgendwo her kommt. Nachrichten in einer Fülle, dass man sie kaum alle lesen kann und unglaublich viele offensive Angebote. Es wäre es ein Leichtes gewesen, die nächsten Wochen mit belanglosen Sextreffen zu füllen.

Interessant hierbei ist der Aspekt, dass das Profil mit keinerlei Informationen über die Person gefüllt war. Profilname, Alter und drei Bilder aus alltäglichen Situationen waren die einzigen vorzufindenden Informationen. Offenbar genug, um sie ohne langes Gerede und mit offensichtlichen Absichten in Wohnungen und Hotels zu bestellen. Noch offensichtlicher jemanden nur auf das Äußere zu reduzieren, kann man wirklich nicht.

Doch nicht nur der Selbsttest, sondern auch offizielle Studien belegen diese Erkenntnis. Eine Online Dating Studie der Ludwig Maximilian Universität fand heraus, dass Männer im Netz vordergründlich nach Sex-Abenteuern und Frauen im Gegensatz dazu nach der große Liebe suchen. 41 Prozent der Männer aus Online-Dating-Portalen nutzen diese für die Verabredungen zu spontanen Sex-Dates. Im Vergleich dazu sind es nur 15 Prozent der Frauen.

Wenn beide Parteien damit zufrieden sind, nur dafür da zu sein, um sich gegenseitig sexuell zu befriedigen, nicht aber einmal regelmäßige Nachrichten Wert zu sein, können wir von keinem Problem sprechen.

Unkompliziert. Locker. Ohne Verpflichtungen.

Ein Problem aber ist es, wenn dies einem der beiden zu wenig ist. Einige Dates, alles hat perfekt gewirkt und dann kommt die allseits beliebte Nachricht per WhatsApp: „Ich würde dich gerne wiedersehen, aber eigentlich möchte ich gerade nur etwas Unkompliziertes, Lockeres. Weiß nicht, wie du das siehst“ Natürlich weiß der Andere ganz genau, wie man das sieht.

Immerhin wurde von Vornherein klargestellt, dass etwas Lockeres nicht in Frage kommt. Zudem ist es natürlich immer wieder schön, dass das Medium Smartphone mit all seinen Funktionen anscheinend vielen Personen den Mut abgeschnitten hat, die eigene Meinung offen zu sagen. Stattdessen wird feige WhatsApp benutzt. Unzählige Geschichten dieser Art aus dem Netz und dem Bekanntenkreis zeigen, dass diese kleine Story in der Realität tatsächlich sehr oft auftritt. Gleichzeitig wird damit auch wieder klar, dass in diesem Fall einzig und alleine Sex als Ziel des Kennenlernens definiert werden kann. Keinesfalls aber das eventuelle Aufbauen einer gemeinsamen Zukunft.

Frau: Ein Stück Fleisch im Supermarkt

Als Folge dessen fühlt man sich als Frau in der heutigen Gesellschaft tatsächlich oft genug wie ein Stück Fleisch im Supermarkt. Mit der Aussage, dass der betreffende Mann eigentlich nur Sex möchte, könnte er einem eigentlich genauso gut ins Gesicht sagen, dass die Frau gut genug dafür sei, die Hose zu öffnen, mehr aber auch nicht. Besonders unverschämt sind solche Aussagen mitten aus dem Nichts. Eine offensive Anmache im Club, bei der man sich fragt, ob man vielleicht aus Versehen in einem Bordell gelandet ist oder ein unmoralisches Angebot über Facebook oder andere Plattformen.
Nur, weil man als Frau weiß, wie man das Wort Make-Up buchstabiert und auch einmal ein Oberteil mit Ausschnitt oder einen kurzen Rock trägt, heißt das noch lange nicht, dass man als Mann das Recht hat, diese Tatsachen mit „Nimm mich. Am besten noch hier und jetzt“ gleichzustellen.

Frauen mit Sex in Verbindung zu bringen, ist völlig normal. Wahrscheinlich sollte man sich langfristig gesehen eher Sorgen machen, sollte dies nie der Fall sein. Nicht normal ist es allerdings, wenn all die anderen Fassetten einer Person vergessen werden. Intelligenz, Höflichkeit, Werte, Einfühlvermögen – es gibt so viele Kriterien, die einen Menschen ausmachen. Nur seine Hülle ist es ganz sicher nicht. Bevor man(n) also das nächste Mal einer Frau etwas Einschlägiges sagt, sollte man bedenken, dass da gerade viel mehr vor einem steht, als der Körper mit dem man gerne schlafen würde.

Bevor man(n) also das nächste Mal einer völlig Unbekannten schreibt, dass er gerne mit ihr schlafen würde, aber kein bisschen mehr, sollte er sich vielleicht überlegen, dass auch ihre Interessen oder ihre Zukunftsplanung interessant sein könnten. Sollte es dann passen, kann man immer noch irgendwann über andere Szenarien sprechen. Eine Frau ist mehr als ihre Hülle und so sollte man sie auch behandeln, sofern sie das möchte.

Der schnelle Sex kann vielleicht für einen kurzen Moment befriedigen. Suppe kochen, wenn der eine krank ist, besorgt anrufen, wie die Prüfung gelaufen ist oder in jeder Lebenslage da sein, kann er aber nicht. Ob ersteres langfristig glücklich macht, ist allerdings fraglich. Vielleicht entgeht einem eher die Frau fürs Leben, nur weil man(n) in diesem Moment nichts Festes wollte. Ob man dieses Risiko eingehen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Quelle: f1rstfife

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, André Jesinghaus, Henryk Broder.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Sexualitaet, Sex, Sexualverhalten

Debatte

Pornografie – wirklich freie Liebe?

Medium_40428e5ec4

Herzlich willkommen in der Pornogesellschaft

So frei war Liebe noch nie. Endlich ist es möglich, Sexualität zumindest in Gedanken auszuüben. Und das nach eigenem Belieben und ohne Konsequenzen für das echte Leben. Ist diese „Liebe“ wirklich „... weiterlesen

Medium_34af17c34f
von Tobias Kolb
01.12.2016
meistgelesen / meistkommentiert