Joachim Gauck passt kaum in eine Schublade. Angela Merkel

So wahrscheinlich wie die Sichtung von E.T.

Die in den Medien verbreitete Angst vor einem kommenden oder bereits stattfindenden Cyberkrieg ist Blödsinn. Zunächst einmal wird es keinen elektronischen Krieg geben, denn der ist etwas anderes als die befürchtete Industriespionage. Und auch in der Zukunft ist elektronische Kriegsführung nicht sinnvoll.

Nun ist sie auch in Europa angekommen: die Cyberangst. Die Medien sind voll von Artikeln über den digitalen Erstschlag (Stichwort Stuxnet) und über den Krieg, der eher früher als später kommt bzw. eigentlich bereits irgendwie da ist (Stichwort Stuxnet). Der unlimitierte Cyberkrieg ist die ultimative Form des Kriegs: Er ist viel billiger als der konventionelle Krieg, relativ unblutig und im Hui vorbei. Der Angreifer bleibt vollständig anonym und ist deshalb vor Vergeltung sicher. Ein paar Viren hier, ein paar Würmer da, ein bisschen Hacken ohne Warnung, und schon liegt ein Land danieder, denn alle lebensnotwendigen Infrastrukturen sind manipuliert oder sabotiert.

Es geht hier nicht um Krieg

Ganz schön beängstigend, solche Schreckensszenarien. Nur gut also, dass diese Art des Cyberkriegs nur knapp wahrscheinlicher ist, als dass Außerirdische hier landen werden.

Niemand bestreitet, dass wir als Gesellschaften außerordentlich vernetzt und abhängig und deshalb, theoretisch, "verwundbar“ sind. Aber das Verunstalten von Webseiten ist kein Cyberwar. DDoS-Attacken, auch wenn Banken betroffen sind, sind kein Cyberwar. Das Ausspionieren von Regierungsgeheimnissen oder der Klau von Wirtschaftsgeheimnissen mithilfe von Computern ist kein Cyberwar. Elektronische Kriegsführung ist nicht Cyberwar. Das Verbreiten von halb wahrer oder nicht wahrer Information im Krieg ist kein Cyberwar. Nicht einmal die Sabotage einer Industrieanlage mithilfe von ausgeklügelter Malware ist Cyberwar.

All diese Phänomene sind Realität und werden es bleiben. Aber zu den Wörtern, die nicht leichtsinnig verwendet werden dürfen, gehört "Krieg“. Mag sein, dass der Cyberkrieg eine andere/neue Art des Kriegs mit "neuen“ Regeln wäre. Aber Krieg bedeutet immer noch Gewalt, Zerstörung und Leid auf hoher Stufe. Banale Störungen von Webseiten oder Industriespionage als Krieg zu bezeichnen ist somit fahrlässig und erst noch gefährlich: Denn die Sprache des Kriegs führt unweigerlich zu aggressivem Gebaren, dem Planen von eskalatorischen Gegenmaßnahmen und schlussendlich einer Neuauflage des Sicherheitsdilemmas.

Es braucht mehrere Supermächte

Dabei reichen ein paar einfache Überlegungen, um aufzuzeigen, dass Cyberkrieg als Krieg der Zukunft Blödsinn ist:

Erstens ist ein gezielter, kontrollierter Einsatz von "Cyberwaffen“ mit den gewünschten Ergebnissen kaum möglich. Fehlerfreie Software zu produzieren ist unmöglich – und je komplizierter das Programm, desto höher die Fehlerquote. Auch sind Sekundäreffekte, wie z. B. Befall "freundlicher“ und eigener Systeme, nicht auszuschließen.

Zweitens ist der Cyberkrieg bestimmt nicht billig. Jede Waffe müsste auf das anzugreifende System, das im Detail bekannt sein müsste, maßgeschneidert werden. Cyberwaffen auf Vorrat im Cyberwaffensilo könnte es nicht geben.

Drittens ist Cyberkrieg als Waffe des Schwächeren gänzlich ungeeignet: Das Risiko, dass eine Supermacht konventionell zurückschlägt, ist zu groß. Andersherum macht es für eine Supermacht keinen Sinn, Cyberkriegstechniken zu entwickeln, weil sie konventionell sowieso überlegen ist. Zu Ende gedacht heißt das, dass Cyberkrieg erst sinnvoll ist, wenn sich mehrere feindlich gesinnte Supermächte gegenüberstehen.

Die momentan größte Gefahr lauert also nicht in der verschwindend kleinen Möglichkeit eines unlimitierten Cyberkriegs mit substanziellen Folgen, sondern vielmehr in der Aufmerksamkeit, die der Cyberkrieg gegenwärtig auf sich zieht, und den Ressourcen, die dies in Anspruch nimmt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Boué, Dennis Schmidt-Bordemann, Arne Schönbohm.

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