Was für ein schöner Sonntag. Joachim Gauck

Wollt ihr die totale Integration?

Die Deutschen schotten sich in ihren Istanbuler Ghettos ab. Den Türken gefällt das nicht. Ein Hassprediger hetzt bereits.

Die Stadt an der türkischen Riviera gleicht einer Raclette-Platte. Seit Wochen keine Wolken in Sicht. Der Imam der Zentralmoschee beschließt, mit seiner Gemeinde ein Regengebet auf dem höchsten Hügel der Stadt abzuhalten, gleich am nächsten Tag um neun Uhr früh.

Zur gleichen Zeit, rein zufällig, ohne Absprache mit dem Imam, bestellt auch der deutsche Pfarrer seine Schäflein ein zum Regengebet auf dem großen Hügel. Man möge bitte morgen früh so zahlreich wie möglich erscheinen, klar doch, je mehr Amen, desto höher die Chancen.

Am nächsten Tag, während die Türken gemächlich zum Treffpunkt trotten, stapfen alle Deutschen, angeführt vom Pfarrer, die Hügel herunter.
„Grüß Gott!“
„Selamünaleyküm! So früh vom Wandern?“
„Nein nein, vom Regengebet! Und ihr? Zum Wandern?“
Freilich entgeht dem Imam der Seitenhieb des Pfarrers nicht. „Geht ihr wandern?“ Pah! Als ob das Wandern des Türkens Lust wäre. Angetrieben vom Imam spurten die Muslime jetzt auf die Anhöhe. Auf halbem Weg bricht plötzlich ein heftiges Gewitter los. Das volle Programm: Donner, Blitz, Wind, Regen, Hagel. Oben angekommen stehen die Türken wie begossene Pudel.

„Keiner geht zurück! Erst Beten.“

„Auch gut. Die Deutschen haben die Arbeit für alle erledigt, also nichts wie zurück!“, denkt sich manch einer und setzt den Rückwärtsgang ein. Der Imam dagegen ist verbittert, als hätte er das Heimspiel verloren. Der Pfarrer wird sicher über ihn spötteln: „1:0 für uns und das auswärts! Gruppensieg garantiert!“ Oder so. Außerdem, was soll er dann den Leuten da unten in der Stadt erzählen? Hm?
„Stopp!“, brummt er seine beschnittenen Lämmer an: „Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel! Keiner geht zurück! Erst beten!“
„Es regnet aber schon! Und wenn auch noch unsere Gebete erhört werden, dann gibt es eine Sintflut!“
„Natürlich beten wir nicht um Regen! Wir müssen aber allen beweisen, dass unser Allah auch unsere Gebete erhört.“
„Ja gut, aber um was beten wir dann?!“
„Darum, dass der Regen aufhören möge!“

Seitdem regnet es nicht mehr in Alanya. Das war das sakrale Golden Goal der Türken. Leider mit dem Beigeschmack eines Eigentors. Nein, es hat nicht zum Abbruch der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Türken und den Arbeitsmigranten aus Deutschland geführt. Ganz im Gegenteil. Die Deutschen haben abermals ihre weltbekannten Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit, Bonität etc. unter Beweis gestellt, von denen das boomende Wirtschaftsland am Bosporus ja seit Jahrzehnten profitiert.

„Als gut ausgebildete Arbeitskräfte starten die Deutschen auch am türkischen Arbeitsmarkt von der Pole Position!“, lobte der türkische Ministerpräsident Erdogan IV. in seiner Multikulti-Festansprache die Qualitäten der mittlerweile drei Millionen zählenden deutschen Gastarbeiter in seinem Land.

Der kürzlich beschlossene Anwerbestopp aus Deutschland und die neuen strengen Visa-Auflagen hätten lediglich mit den ausgeschöpften Kapazitäten auf dem türkischen Arbeitsmarkt zu tun und nicht, wie von der ausländischen Presse behauptet, mit den „unüberwindbaren kulturellen Differenzen“. Es stimme zwar, dass die Deutschen in abgeschiedenen Siedlungen unter sich blieben und kein Türkisch sprächen, das sei jedoch ihre eigene freie Entscheidung.

Niemand werde in seinem Land ausgegrenzt oder gezwungen, gegen seinen Willen Türkisch zu lernen. Das sei ein längst überholtes Thema, angesichts der Tatsache, dass die ganze Welt sich ohnehin seit Jahren mittels Simultanübersetzer im Handy blendend unterhielte. Sprachen lernen gehöre der Vergangenheit an, so Erdogan IV.

Deutsche, lasst euch nicht assimilieren

Andererseits dürfe man den deutschen Mitbürgern nicht übel nehmen, wenn sie diesem digitalen Dolmetscher nicht trauten und lieber in ihren Ghettos lebten. Im Gegensatz zu den Türken hätten die Deutschen eben kein Mitteilungsbedürfnis. Na und? Warum müsse man unterschiedliche Kulturkreise unbedingt zusammenbringen? Wolle man sie zwangsverheiraten? Das käme ja einer Vergewaltigung gleich – das war ’n Scherz, ha ha ha!

Klar gäbe es auch in der Türkei Andersdenkende wie den Bestsellerautor Serdarazzin, der in seinem Buch „Die Türkei geht baden“ den Deutschen einen zähen Widerstand gegen die Sozialisationsprozesse unterstellt und diese Immunität auf den hohen Schweinefleischkonsum und einen genetischen Defekt zurückführt. Man müsse die Ansichten von Herrn Serdarazzin nicht teilen, aber schließlich gäbe es in seinem Land Meinungsfreiheit.

Wie mittlerweile alle zugäben, sei Deutschlands Abstieg in die zweite Liga eben jener fixen Idee „Integration“ zu verdanken. Das Gelabere um die Integration hätte nicht nur die staatlichen Ressourcen gekostet, sondern auch viel Schmerzen verursacht. Die Zeiten der Integrationshetze seien endgültig vorbei. Fragen wie „Wollt Ihr die totale Integration?“ sollten nur noch in den Geschichtsbüchern vorkommen.

„Wenn ein deutscher Mitbürger aber unbedingt wie ein Türke leben möchte, bitte sehr, warum nicht? Wir haben nichts dagegen, auch wenn es nicht unbedingt im Sinne des Staates ist. Er kann sich beschneiden lassen, wenn er es für nötig hält, die Frau kann Kopftuch tragen, beide können beim Opferfest Schafe opfern (aber keine Schweine bitte), im Ramadan fasten, zum Frühstück Çay trinken statt Filterkaffee.“ Das störe niemanden.

Doch bessere Türken würden sie dadurch nicht. Und eine Sonderbehandlung käme auch nicht in Frage. Alles in allem: Erdogan IV. legt den Deutschen ans Herz, sich nicht assimilieren zu lassen, und sagt: „Deutscher, bleib bei deinen Leisten! Wir brauchen keine getürkten Deutschen!“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Şinasi Dikmen, Senay Duzcu, Aydin Işık.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

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