Die meisten Journalisten haben kein Gewissen mehr. Jörg Kachelmann

Stresstest für den Islam

Muslime brauchen nicht noch eine Reform, sondern Streitkultur.

Der Islam braucht eine Reformation! Der Islam braucht eine Aufklärung! So oder so ähnlich klingen die entweder gut gemeinten oder fordernden Ratschläge von Nichtmuslimen an die muslimische Religionsgemeinschaft. Häufig entlarven sie aber eine Unkenntnis über die Geschichte Europas und die Geschichte der islamisch geprägten Welt.

Die Reformation mündete in einen verheerenden dreißigjährigen Religionskrieg zwischen Protestanten und Katholiken. Ob also ein Martin Luther für den Islam wirklich wünschenswert ist? Erst mit der Aufklärung konnte das Gewaltpotenzial der christlichen Religion gebändigt werden. Braucht der Islam also eine Aufklärung? Dies wirft die Frage auf, was mit Aufklärung eigentlich gemeint ist. Gibt es nur einen eurozentrischen Ausdruck der Aufklärung oder kann es kulturell unterschiedliche Formen der Aufklärung geben?

Reform muss nicht Verbesserung bedeuten

Eine islamische Aufklärung wäre im Grunde nichts anderes als ein Anknüpfen an die ausgesprochen rationalistische Tradition im Islam, die einst eine vorbildliche, glänzende Weltkultur und Zivilisation hervorgebracht hat. Muslime müssen nicht verlegen auf den Philosophen Immanuel Kant schielen, sondern können sich selbstbewusst auf den Universalgelehrten al-Ghazali (gestorben 1111) berufen, der zu seiner Zeit den aufklärerischen Gedanken niederschrieb: „Als ich sah, dass die Kinder der Christen auf nichts anderes als auf das Christentum, die Kinder der Juden auf das Judentum und die Kinder der Muslime zum Islam hin erzogen wurden (…), drängte es mich in meinem Inneren, die Wahrheit dieser ursprünglichen Natur und die der zufälligen Glaubensgrundsätze, die durch die Nachahmung von Eltern und Lehrern entstanden sind, zu erfahren und zwischen diesen blinden Nachahmungen zu unterscheiden.“ Der Ausgang der Muslime aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit würde dann keinen Bruch mit der eigenen Vergangenheit bedeuten, sondern Erneuerung. Das Vorher und das Nachher würden organisch miteinander verbunden und die Muslime blieben sich und ihrer Religion treu.

Übersehen wird ebenfalls, dass die islamisch geprägte Welt sich seit circa 250 Jahren in einem Reformprozess befindet. Seit dem politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Niedergang der muslimischen Welt und ihrer teilweisen Kolonisierung durch europäische Imperialmächte, debattieren Muslime über den Zustand ihrer Religionsgemeinschaft. Die zahlreichen Reformer und Reformbewegungen – beides Begriffe, die gänzlich neutral verstanden werden sollen – die in der muslimischen Welt seit dieser Zeit auftraten, sind hierfür ein Beleg. Zu ihnen zählt die puritanische Bewegung der Wahabiten, genauso wie die reformistisch-progressive Bewegung um den Philosophen Dschamal ad-Din al-Afghani und den Gelehrten Muhammad Abduh. Gleichermaßen die ideologische Bewegung der Muslimbrüder und zig andere.

Wie gesagt, Reform muss nicht unbedingt Verbesserung bedeuten. Alle diese Bewegungen eint, dass sie eine Reaktion auf den Niedergang der islamischen Zivilisation sind und eine Gesamtlösung für alle Probleme der muslimischen Gesellschaften anstreben. Gemeinsam haben sie den berühmte Slogan: „Zurück zum Koran“. Hierdurch wird mit der eigenen Geschichte gebrochen, die als eine Fehlentwicklung betrachtet wird. Tabula rasa! Zurück zu den Anfängen!

Doch eine positive Veränderung haben sie allesamt nicht bewirkt. Ihr Kardinalfehler war, dass sie oftmals eine einzige verbindliche Auslegung des Islam einforderten. Dies war ein Novum, zeichnete sich der Islam seit seinen frühsten Tagen doch durch seine innerislamische Toleranz und Vielfalt aus. Der Anspruch auf besondere Rechtgläubigkeit wurde bei manchen Gruppen dann zu einem Fanal für Gewalt gegenüber abweichenden islamischen Lebensmodellen.

Al-Qaida hat keine Botschaft für die Zukunft

Das Scheitern all dieser Reformbewegungen, eine Verbesserung für die muslimische Welt zu bewirken, hat die muslimische Religionsgemeinschaft nicht nur reformmüde gemacht, sondern auch das Entstehen nihilistischer Islamgruppierungen wie der al-Qaida begünstigt. Die al-Qaida hat keine Botschaft für die Zukunft. Es geht ihr weder um Reform noch um Erneuerung. Sie veröffentlicht auch keine Manifeste. Alles, was wir über ihre Weltanschauung aussagen können, ist, dass sie sich in einem permanenten Krieg gegen die Welt befindet. Im Krieg gegen alle Nichtmuslime und alle Muslime, die sich ihnen in den Weg stellen. Dieser Krieg wird in keinem Sinne militärisch durchdacht ausgefochten, sondern die gesamte Welt wird als Front betrachtet mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu töten.

Statt nach der x-ten Reformbewegung zu rufen, sollten Muslime innehalten und aus dem Scheitern früherer Bewegungen lernen. Was nützt eine Reformbewegung, wenn ihre Adressaten verlernt haben, zuzuhören? Eine erfolgreiche Erneuerungsbotschaft benötigt eine Öffentlichkeit als Diskurspartner. Aus der Geschichte der europäischen Aufklärung können Muslime lernen, dass die Voraussetzung jeder Reform die Schaffung einer Diskussionskultur ist. Mit dem Verschwinden der innerislamischen Toleranz ging auch eine Kultur des Streitens und Schlichtens verloren. Ohne eine Verhaltensethik für den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten wird jede Erneuerungsbewegung scheitern.

Foren müssen also her! Von Muslimen organisiert! In denen geschätzte Gelehrte und emanzipierte Laien offen und frei ohne Sprechverbote und Grenzen über die drängenden Fragen ihrer Zeit miteinander diskutieren! Der Eindeutigkeit – dem zentralen Kennzeichen der europäischen Moderne und Aufklärung – sollten Muslime eine Absage erteilen. Es kann keine einzige verbindliche Islamauslegung geben. Stattdessen sollten die Gläubigen die freie Wahl zwischen unterschiedlichen Interpretationen und Lebensmodellen haben. Sie sollten selbstbestimmt entscheiden können, welchen sie folgen möchten. Dies würde ein intellektuelles Klima schaffen, das den Dialog zwischen den verschiedenen Strömungen des Islam in einer humanen wissenschaftlichen und geschwisterlichen Atmosphäre wieder ermöglichen würde.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Yasir Qadhi .

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Reformer haben dem Islamischen Staat und Boko Haram den Kampf angesagt. Die bislang schweigende Mehrheit der Muslime kämpft bereits für eine Erneuerung ihrer Religion. Was kann die islamische Gemeinschaft der Gläubigen den Radikalen unter ihnen entgegen?

Zudem: Der Westen vs. Putin. Linkspartei vs. Alle. Politik vs. Heuschrecken. Dazu Gespräche mit Anne Applebaum, John Major, Dietmar Bartsch.

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