Die Eule der Minerva

Moshe Zuckermann11.08.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Berliner Mauer war zunächst und vor allem die Manifestation eines fundamentalen Unrechts des Regimes. Den Architekten der israelischen Mauer kommt jedoch nicht in den Sinn, dass ihr Bauwerk niemals das Übel an der Wurzel bekämpfen kann.

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Im Jahre 1961 baute das Regime der DDR die Berliner Mauer. Im Jahre 1989 stürzte dieses Regime und mit ihm die Berliner Mauer. War der Bau dieser Mauer im Nachhinein überflüssig? – Ja. – Kann der Bau der Mauer erklärt werden? – Ja, auch. Was lässt sich also über den Mauerbau – fünfzig Jahre danach – sagen? Was immer es ist, kann es nur unter den Bedingungen gesagt werden, denen man unterworfen ist, wenn man über Geschichtliches redet: Man befragt die Eule der Minerva, die ihren Flug bekanntlich erst in der Dämmerung beginnt. Nimmt man allerdings in Kauf, dass Geschichte stets ihren Siegern als Beute zufällt, darf man sich auch fragen, wann die Dämmerung beginnt. Wird nicht auch die Dämmerung – mithin der Zeitpunkt, an welchem man Geschichtliches „legitimerweise“ zu reflektieren beginnen darf – von den Siegern bestimmt? Dass die Sieger voreilig sein können, konnte man kurze Zeit nach dem Mauerfall gewahren, als mit ihr (und dem Zusammenbruch dessen, was sie symbolisierte) das Ende der Geschichte verkündet wurde – diesmal freilich nicht vom Eulen-Philosophen, sondern von einem geschwinden US-Politologen.

Die vielen Bedeutungen der Berliner Mauer

Was war er also, der Berliner Mauerbau? Zunächst und vor allem die Manifestation eines fundamentalen Unrechts des Regimes, das diesen Mauerbau initiiert hatte, ein Regime freilich, das als Erzeugnis einer geopolitischen Konstellation in die Welt kam und der Logik dieser Konstellation im Kalten Krieg strikt gehorchte – wie etwa auch der US-amerikanische Napalmbomben-Beschuss von Vietnam zur selben Zeit. Der Mauerbau war auch das steinerne Monument der welthistorischen Tragödie, welche den sowjetischen Sozialismus von seinem Anbeginn dem Zwang unterworfen hatte, die riesige Kluft im realen Stand der Produktionsmittel gegenüber dem westlichen Kapitalismus schließen zu sollen, diesem mithin immerzu hinterherzujagen, nur weil die sozialistische Revolution (nach Marx’scher Maßgabe) am denkbar falschesten Ort der entwickelten Welt ausgebrochen war. Der Mauerbau war zudem das objektive – subjektiv freilich nie artikulierte – Eingeständnis, den Kampf um den Sozialismus als historischen Gegenentwurf zum Kapitalismus sehr früh schon verloren gegeben zu haben.

Rückkehr zur Prämoderne

Mitte des vergangenen Jahrzehnts errichtete der israelische Staat eine Trennungsmauer (bzw. einen Trennungszaun) von den unter seiner Okkupation lebenden Palästinensern. Die Initiatoren der Mauer gaben sie als Mittel zur Bekämpfung von Terror aus, als Instrument der Angstbewältigung und Sicherheitsgarantie. Der Frieden kommt den Sachwaltern der israelischen Sicherheit nicht als reale Möglichkeit in den Sinn, die Ursachen von Terror, Bedrohtheit und Angst von Grund auf auszumerzen. Eine archaisch anmutende, im Wesen prämoderne Maßnahme wird eingesetzt, um zu erreichen, was sich nicht erreichen lässt: Erhaltung der Okkupation bei gleichzeitigem Anspruch auf Sicherheit. Und so schottet sich Israel nicht nur von seinem regionalen Umfeld, sondern gleich vom gesamten Rest der Welt ab. Die Dämmerung ist längst angebrochen, die Eule der Minerva hat ihren Flug begonnen, aber die Errichter der Mauer verweigern sich unerbittlich dem auf der Hand liegenden Ausweg aus der welthistorischen Tragödie – Nahostkonflikt genannt –, welche sie mit Verve perpetuieren, weil sie die Stagnation im Ausweglosen zu ihrem politischen Prinzip erhoben haben. Hat man sich etwa vorbewusst schon eingestanden, den Kampf um den Frieden als Gegenentwurf zur Ideologie der Selbsteinmauerung bereits aufgegeben zu haben?

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