Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Ingeborg Bachmann

Die alte Leier

Wir sollten den jüngsten Ausbruch von Antisemitismus nicht zu stark dramatisieren, denn Überreaktionen helfen im Kampf gegen die Extremisten nicht.

Nun wird behauptet: Der Antisemitismus in Deutschland ist so schlimm wie seit 1945 nicht mehr. Tatsächlich? Zeigten die Affäre Jürgen Möllemann im Jahr 2002 (Michel Friedman = Ariel Sharon) und die Affäre Martin Hohmann (Sind Juden ein Tätervolk?) im Jahr 2003 nicht, dass der Antisemitismus in Deutschland existiert und neue Höhepunkte erreichen kann? Gibt es nicht immer wieder – etwa 1982, 1987, 2002, 2006 usw. – quasi als Reaktion auf Gewaltausbrüche, die von Israel ausgehen, das Aufflackern der einen oder anderen Art von Israelkritik, die auch antisemitisch angehaucht ist?

Vielleicht ist die Offenheit der antisemitischen Sprüche 2014 und ihre Verbreitung in den sozialen Netzwerken ein Novum, vielleicht ist auch die Tatsache neu, dass diesmal die Antisemiten aus der radikalen Rechte und der radikalen Linke von Menschen mit Migrationshintergrund überschattet sind; aber ohne diesen jüngsten Ausbruch der antisemitisch anmutenden Israelkritik bagatellisieren zu wollen – auch die Überreaktion ist kein Rezept im Kampf gegen den Antisemitismus.

Ein und derselbe Ausdruck hat unterschiedliche Intentionen

Bereits im Jahr 2004 habe ich in meinem Buch „Goliaths Falle“ (Aufbau Verlag) meine „Gebrauchsanweisungen für Israel-Kritiker“ in Form eines Katechismus zu Papier gebracht. Die Antwort auf die Frage: „Gibt es keine Kritik an israelischer Politik, keine Kritik an Israel, die nicht automatisch als Antisemitismus zu bewerten ist?“ lautete damals, und sollte auch heute als Richtschnur gelten:

Jede ehrliche Kritik, die auf Sachkenntnissen beruht, ohne von judenfeindlichen Stereotypen und Pauschalisierungen Gebrauch zu machen oder latente antisemitische Sentimente heraufbeschwören zu wollen, kann nicht antisemitisch sein und ist deshalb legitim. Auch wenn diese Kritik in Deutschland zum Ausdruck kommt.

Genau so aktuell ist die Antwort auf die nächste Frage: „Woran erkennt man den Antisemiten-Wolf im Israel-Kritiker-Schafspelz?“ Erstens, geht es um die Assoziationswelt des Israel-Kritikers. Wird „der“ Jude, Judas oder Shylok im Zusammenhang mit dem Thema Israel erwähnt, wird hinter dem deutschen Juden der Auslandsisraeli vermutet, kommt in der Karikatur die „jüdische Nase“ oder der Blutegel zum Vorschein, wird „Juden in den Gas“ gerufen, dann befindet man sich bereits im Bereich des Antisemitismus.

Zweitens geht es um die Gruppe, die kritisiert wird. Wenn es um „den Juden“ geht, nicht um die Israelis, wenn an vermeintlich jüdischen Charakteristiken gedacht wird, sind wir bereits beim Antisemitismus angelangt. Und drittens kommt es auf die Absicht des Kritikers an. Ein und derselbe Ausdruck kann unterschiedliche Intentionen haben. Ob es sich bei einem Ausdruck (z.B. beim Vergleich zwischen Israel und dem Dritten Reich) um eine antisemitische Absicht eines Israel-Kritikers handelt oder nicht, kann man oft nur indirekt erfahren. Manchmal ist die Intention klar zu erkennen, manchmal ist Fingerspitzengefühl gefragt. Doch am Ende helfen diese Kriterien, die sachliche Israel-Kritik von der antisemitischen Verleumdung zu unterscheiden. Die Ereignisse in Deutschland in den letzten Monaten wie auch die Äußerungen im Internet lassen mit Sicherheit vermuten, dass sich hinter der Israel-Kritik viel Antisemitismus verbirgt.

Der Kreis schließt sich

Wie bereits erwähnt, kam eine Besonderheit in den anti-israelischen Demonstrationen seit Beginn des Gaza-Krieges im Juli zum Vorschein – die starke Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund. Beobachter, die die Geschichte des Antisemitismus nicht kennen, tendieren dazu, auf einen vermeintlichen Widerspruch hinweisen zu müssen: Wie können Araber, die ja selbst Semiten sind, Antisemiten sein?

Nun war die Absicht des Erfinders des Begriffs Antisemitismus im 19. Jahrhundert so nur die Juden angreifen zu wollen. Der Begriff Antisemitismus sollte den unschönen Begriff Judenfeindschaft ersetzen, nicht die Zielscheibe ändern. Denn semitische Völker gibt es sowieso nicht. Araber können Judenfeinde, also Antisemiten sein, und tatsächlich entwickelte sich ein Paradox seit Beginn der Auseinandersetzung zwischen jüdischen Zionisten und Araber in Palästina: Die arabischen Gegner des Zionismus haben antisemitische Argumente übernommen, um sie als Kampfmittel gegen den Zionismus zu verwenden. Der Export dieser arabischen bzw. muslimischen Taktik nach Europa erklärt, wie Menschen mit Migrationshintergrund in ihrer Israelkritik zu antisemitischen Parolen greifen. Und weil in dieser Gruppe die Empfindlichkeit für den Unterschied zwischen Israeli und Jude kleiner ist, ist die Hemmschwelle niedriger. So schliesst sich der Kreis.

Für die, die den Unterschied nicht erkennen, gibt es immerhin auch mildernde Umstände. Israel präsentiert sich nicht nur als Judenstaat, sondern auch als Alleinvertreterin des Judentums, der Juden und der jüdischen Geschichte, und sorgt so für Verwirrung. Akzeptiert man kritiklos diese Selbstdarstellung Israels, so ist es leicht, die Differenz zwischen Israeli und Jude zu übersehen. Aber wenn man schon Israel-Kritiker werden will, sollte man nicht mit Kritik an diese Anmaßung Israels anfangen und somit den Verdacht des Antisemitismus von sich zurückweisen?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), Jörg Gebauer, Alice Weidel.

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