Die Hybris des Journalismus hat ein pathologisches Ausmaß erreicht. Jörg Kachelmann

Teilhaben

Noch immer haben viele Roma mit einem Teufelskreis aus Ausgrenzung und Armut zu kämpfen. Es ist an der Zeit, dass sie selber Einfluss auf ihre Zukunft nehmen können – auch politisch.

Woran denken wir, wenn wir das Wort „Roma“ hören? Das von den Medien gezeichnete Bild beschreibt ein Volk, das aus den östlichen EU-Staaten gen Norden und Westen zieht, und dort in Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und den Behörden gerät, weil es unter anderem manchmal in illegalen Siedlungen wohnt.

Aber liefern uns diese Schlagzeilen ein vollständiges Bild vom Leben der zehn bis zwölf Millionen europäischen Roma? Natürlich nicht. Der weitaus überwiegende Teil lebt nicht als Migranten in anderen Ländern, Nomaden gibt es heute kaum noch. Roma zu sein bedeutet auch nicht automatisch Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich kenne Lehrer, Ärzte und Professoren, die allesamt Roma sind.

Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung

Trotzdem sind die Roma weiterhin diejenige Bevölkerungsgruppe innerhalb der EU, die insgesamt am meisten diskriminiert wird. Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigt, dass sechzig Prozent der Roma bei der Jobsuche diskriminiert werden. Nur eine kleine Minderheit hat jemals eine weiterführende Schule besucht. Der Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung wird dadurch vorangetrieben: Benachteiligung im Bildungssystem führt zu Arbeitslosigkeit, diese wiederum bedingt mehr Armut. Menschen werden in ghettoähnliche Sozialsiedlungen abgedrängt und haben dadurch weitere Nachteile in Bezug auf Bildung, Arbeit und Gesundheit. Dann beginnt der Kreislauf wieder von vorne …

Ausgrenzung hat aber nicht nur einen Preis für die direkt Betroffenen. Sie führt auch dazu, dass wichtige Qualifikationen und Talente nicht entwickelt werden – letztendlich ist das auch ein wirtschaftlicher Nachteil. Die Roma-Bevölkerung wächst: In zehn Jahren werden zwanzig Prozent der Menschen in manchen osteuropäischen Ländern Roma sein. In einem harten globalen Wettbewerb kann Europa es sich nicht leisten, einen signifikanten Teil der Bevölkerung sozial und wirtschaftlich auszugrenzen.

Doch um diesen Teufelskreis zu brechen, bedarf es einer umfassenden Politik, die gleichermaßen auf Wohnraum, Arbeit, Bildung und Gesundheitsvorsorge abzielt. In vielen Mitgliedstaaten der EU werden zahlreiche verschiedene Integrationsstrategien verfolgt. Doch häufig basiert diese Politik eher auf Mythen und Vorurteilen als auf der Realität. Die verlässliche Datenlage in Bezug auf die Situation der Roma ist erstaunlich dünn. Doch wie wollen Politiker effektive Lösungen finden, wenn sie nicht einmal die genaue Lage vor Ort kennen?

Mit den Roma arbeiten

Im April 2011 hat die Europäische Kommission einen Rahmen für nationale Roma-Integrationsstrategien geschaffen. Das Dokument ist ein wichtiger Schritt hin zu gezielterer und nachhaltiger Politik in den einzelnen Mitgliedstaaten. Die EU hilft durch die Bereitstellung von Geldern und das Monitoring von Fortschritten.

All das kann jedoch nur gelingen, wenn Politik nicht nur für Roma gemacht wird, sondern vielmehr mit den Roma. Sie müssen Einfluss auf die eigene Zukunft bekommen – und Verantwortung dafür übernehmen. Auch das Verhältnis zwischen den Roma und der Bevölkerungsmehrheit kann sich nur dann dauerhaft verbessern, wenn gegenseitige Ängste und Vorurteile abgebaut werden und wir existierende Probleme ehrlich zugeben. Weder dürfen wir unsere Augen verschließen vor Gewalt und Diskrimierung der Roma, noch dürfen wir Diebstahl, Betteln und Menschenhandel mancher Roma ignorieren. Misstrauen kann nur durch offenen Dialog abgebaut werden.

Hat Europa ein „Roma-Problem“? Nein. Aber Europa hat sich der Herausforderung zu stellen, alle Menschen gleichermaßen an unseren Gesellschaften teilhaben zu lassen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Agnes Daroczi, Daniel Baker, Valeriu Nicolae.

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