Den ungerechtesten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg. Marcus Tullius Cicero

Klopp trifft Salat

Slowfood und gesunde Ernährung sind uncool. Zeit für einen Imagewandel.

Dicke Menschen lösen bei schlanken Menschen Ekel aus, so sagen es diverse Studien, so kennen wir es aus dem Alltag. Dicke Kinder haben es besonders schwer, sie haben ein schlechtes Sozialimage, werden von Mitschülern gehänselt und von den Lehrern, vor allem von Sportlehrern, kritisch betrachtet. Dicksein in der Kindheit ist kein Spaziergang durch das Paradies. Dicksein in der Kindheit ist vor allem eine Folge von Fastfood. Das wird – anders als Äpfel – sehr intensiv beworben.

Warum ist das Ministerium für Gesundheit und der Bauernverband eigentlich noch nicht auf die Idee gekommen, Superstars aus dem Fußball, aus Sport allgemein, und aus der Musikszene für die Werbung von Obst und Gemüse zu gewinnen? Warum macht man keine Werbung für hochwertiges Essen mit Menschen, die „ein Gesicht“ haben? Essen soll „cool“ sein. Genuss hat etwas mit Image zu tun. Die Süßigkeitenbranche und die Lebensmittel-Industrie wissen um die Register, die zu ziehen sind.

Warum werden diese Register nicht gezogen, um junge Eltern an die Kochtöpfe zu bringen, um Kochen zum Kult zu machen? Gemeinsam macht das auch noch ein großes Vergnügen. Junge Eltern rocken in der Küche. Slowfood wird zum Ritual. Großaufnahme Dirk Nowitzki: Er schließt die Augen und isst langsam, eine raffiniert gefüllte Zuccini nach einem genialen Rezept des Spitzenkochs Eckart Witzigmann.

Salat für Ballvirtuosen

Eine Diskussion zwischen Joachim Löw, Miroslav Klose und Jürgen Klopp (und deren schicken Frauen) um den unglaublichen Genuss eines Salates mit gerösteten Sonnenblumenkernen und einer ausgefallenen Salatsauce könnte kleine Wunder in deutschen Küchen bewirken und die Ernährungsgewohnheiten massiv beeinflussen. Salat für Ballvirtuosen! Gewinner sind erotisch. Wenn Gewinner über ihre kulinarischen Gewohnheiten in den diversen Talkshows plaudern, wenn jeder Nationalspieler einmal Gast bei einer Kochsendungen ist, und Tore und Melonen einen gemeinsamen Bedeutungshof bekommen, dann, dann sind das bedeutungsschwangere TV-Szenen. Sie werden sich in den Köpfen der Nation einnisten.

Essen ist eine Körpererfahrung und Körpererfahrungen sind sozial geprägt. Warum ist die Theorie von Pierre Bourdieu noch nicht in den Köpfen von Politikern, Krankenversicherungen und Schulen angekommen? Es geht wohlgemerkt nicht um einen Körperfaschismus im Sinne dessen, dass alle den gleichen BMI haben, sondern es geht darum, vor allem Kindern eine Kindheit zu ermöglichen, die geprägt ist von einem Körperbild, das heil ist, von Bewegungslust, die nicht durch Fettmassen gehemmt wird.

Wenn Schweini in den Apfel beißt, dann wird das Wirkung haben. Wenn eine ganze Nationalmannschaft apfelessend bei Interviews erscheint, dann wird das auf Dauer nicht ohne Wirkung sein. Nahrungsmittel unterliegen Moden. Der supersüße Fruchtzwerg wird knallig beworben, die Milchschnitte, das coole Magnum-Eis. Warum passiert das nicht mit anderen Lebensmitteln?

Eine Augenweide, lecker!

Menschen, die sich mit dicken Kindern befassen, kennen deren Probleme. Die Empathie für den physischen Alltag der Kinder kann man leicht fördern: Sportstudenten tragen Gewichtswesten von 10–20 Kilo und machen zwei „völlig normale Sportstunden“ mit. Danach haben in der Regel alle sehr schlechte Laune, schwitzen, hatten ganz wenig Spaß am Sport. Innerhalb von 90 Minuten lässt sich spielend Empathie für die Lebenswirklichkeit von Dicken herstellen.

Bewegung soll Spaß machen, vor allem Kindern. Sie sollen eintauchen dürfen in Bewegungswirklichkeiten, die ihnen Spaß und Lust am Tun bringen. Wenn man dick ist, schwitzt man, ist außer Atem und hat selten Erfolgserlebnisse. Warum könnte eine Ministerin für Gesundheit nicht völlig neue Wege gehen? Geld in die Hand nehmen, um es später wieder an Erwachsenen und gesunden Menschen zu sparen. Dicken Kindern Coaches zur Seite stellen. Projekte starten, in denen diese Kinder mit Hunden spielen – denn dann merken sie die Anstrengung nicht und Hunde kommentieren auch keine Kilos, die wollen nur laufen und spielen.

Ein adipöses Kind kostet im Schnitt 10.000 Euro im Jahr. Das Thema Adipositas kostet Deutschland 85,71 Millionen Euro. Rechnet man Komorbiditäten dazu, schafft das für Erwachsene und Kinder einen Kostenfaktion von 11,3 Milliarden Euro. Wenn man nur einen Bruchteil dieser Kosten in die Werbung stecken würde (nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern fetzig, jung, schwungvoll), wäre das Prävention im besten Sinne des Wortes. Wenn man als Politiker auch noch Verträge mit dem DFB macht, dann wird daraus die Idee, Körpererfahrung und die Folgen von Fastfood in neue Bahnen zu lenken.

So könnte Gesundheitspolitik gehen. Aber man ahnt, der Apparat ist behäbig. Die Idee, Jürgen Klopp und Salate zusammenzubringen macht Spaß. Es gibt eine Szene in dem Film „Tango lesson“ mit dem Tango-Tänzer Pablo Verón; Ich sehe da Jürgen Klopp und seine Mannen von Borussia Dortmund in einer Großküche. Fußballspielend, kochend, spielend mit Möglichkeitsformen des Genusses. Eine Augenweide, lecker!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Klotter, Jennifer Copeland, Daniel Küblböck.

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Mehr zum Thema: Ernaehrung, Uebergewicht, Popkultur

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