Deutsche Zustände

Michelle Starck14.10.2014Gesellschaft & Kultur

Wir haben den „Mut zu lachen“ gefunden. Das ist die moderne Variante, den Schlussstrich zu fordern.

Die Debattenfrage verleitet dazu, mit einer radikalen Gegenüberstellung zu beginnen: „Mein Kampf“ versus “„Er ist wieder da“”:http://www.theeuropean.de/timur-vermes/8908-historischer-vs-medialer-hitler. Hasserfüllte Hetz- und Propagandaschrift aus dem Jahr 1925 /26 gegen den zur Satire gekürten Roman aus dem Jahr 2012. Das eine Buch bietet die ausformulierte ideologische Basis für den Holocaust, das andere lässt die Figur Hitler 2011 in Berlin wiederauferstehen, um dann durch deren Augen die gegenwärtige Gesellschaft zu kritisieren.

Warum ich so einen Vergleich ziehe? Weil die Bücher etwas gemeinsam haben: Beide sind aus der Sicht Hitlers geschrieben. Die Intention des Autors von „Mein Kampf“ ist uns (hoffentlich) allen bekannt, die von „Er ist wieder da“ dagegen etwas abstrus: ­Hitler war auch „nur“ ein Mensch. Stimmt, allerdings einer, der es geschafft hat, sich des in der Gesellschaft verankerten Antisemitismus zu bedienen, diesen zu radikalisieren und die Menschheit in den Zweiten Weltkrieg zu stürzen. Oder ist er mittlerweile doch zum „netten Mann von nebenan“ geworden?

Der Holocaust: Ein menschlicher Fehler?

Denn während wir beim Lesen von „Mein Kampf“ Hitlers ausformulierten Gedanken fassungslos gegen­überstehen, sollen wir in „Er ist wieder da“ mit ­Hitler über die Gesellschaft lachen, ihn sogar an einigen Stellen als Ratgeber für zwischenmenschliche Beziehungen wahrnehmen. Die Leserschaft ist begeistert, wird Hitler doch endlich als das gesehen, was er war: ein Mensch, wie jeder andere auch. Bei all diesen momentanen Tendenzen, Hitler zu vermenschlichen, würde es mich nicht wundern, wenn bald auch der Holocaust nur noch als menschlicher Fehler betrachtet würde.

Natürlich war Hitler kein Einzeltäter, und schon gar nicht ist er als Dämon aus der Hölle gestiegen, aber er war das inszenierte Zentrum seines Reichs, er war der „Führer“. Nicht ohne Grund konnte sich die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren aufkommende These, dass Hitler die Bevölkerung „verführt“ hätte, so gut etablieren, sogar noch eine Fixierung auf Hitler forcieren. Titel wie „Hitlers Helfer“ führen diese Linie (un-)bewusst in der Gegenwart weiter. Und weil das so ist (und wohl auch immer so sein wird), bleibt Hitler eines der stärksten Symbole für das Unfassbare, mit welchem eigentlich nicht so leichtfertig umgegangen werden sollte, wie es gegenwärtig geschieht.

Doch das gerollte „R“ findet sich in jeder zweiten Comedyshow. Es ist ein Garant dafür, die Lacher auf der eigenen Seite zu haben, auch wenn der Sketch gar nichts mit Hitler zu tun hat. Eine „Titanic“ verkauft sich nach Aussagen des Chefredakteurs besser,­ wenn Hitler auf der Titelseite abgebildet ist. Sie alle bedienen sich der Gestik, Mimik und Eigenarten Hitlers, um dann die gegenwärtige Gesellschaft zu kritisieren oder sich einfach nur über sie lustig zu machen. Hitler ist eine Marke und ein Markt. Beides garantiert Umsatz.

Hitler fasziniert auch noch 80 Jahre nach der Machtübergabe durch Hindenburg. Aber warum eigentlich? Wegen der Gewalt und des Terrors? Wegen dem Reiz des Verbotenen, das ihm und seiner Hinterlassenschaft anhaftet? Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen. Aber wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass es nach der ­Fixierung auf Hitler zu einer Entkoppelung seiner von Teilen der ­nationalsozialistischen Diktatur kam?

„Gestörtes“ Verhältnis zur eigenen Nation

Es wird sich regelmäßig der Gestik, Mimik und Sprechweise Hitlers bedient, um in schlechten Sketchen die Schwächsten der Gesellschaft bloßzustellen. Am Ende wird das dann als Hitler-Satire verkauft. Die Leute glauben es, die Leute lachen, denn endlich darf gelacht werden, und lachen wirkt bekanntermaßen befreiend. Es befreit von der Geschichte, der damit einhergehenden Verantwortung, und mittlerweile entkrampft es das „gestörte“ Verhältnis zur eigenen Nation. Aber von den sechs Millionen ermordeten Jüd*innen wollen die Menschen dennoch nichts mehr hören. Es wird gar als „störend“ empfunden, wenn es um die Herausbildung einer „gesunden“ nationalen Identität geht. Und über Auschwitz zu lachen ist dann doch noch nicht so salonfähig wie über Hitler zu lachen.

Aber ehrlich, geht das? Können Teile von Hitler (z. B. Gestik und Mimik) einfach von Auschwitz entkoppelt und zur Unterhaltung verwendet werden? Vielleicht sollten wir nicht vergessen, dass er seinen Hass mit eben diesen Mitteln verbreitet und damit Anklang gefunden hat. Wenn sich mithilfe dessen heute über gesellschaftliche Minderheiten lustig gemacht wird, hinterlässt das bei mir einen bitteren Beigeschmack.

In der Debattenfrage taucht der Begriff Angst auf. Wo sind die letzten Verängstigten denn? Auf Demonstrationen, vereinzelt in Diskussionsrunden? Jene, die in Zeiten von zunehmend öffentlich geäußerten antisemitischen Ressentiments darauf hinweisen, wo die Ursachen und Dynamiken für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit liegen, sehen sich dem Vorwurf der Übertreibung ausgesetzt. Jene, die versuchen, die schreckliche Einzigartigkeit des Holocausts herauszustellen, müssen sich gegen das „Argument“ wehren, dass andere Länder doch auch Völkermorde betrieben hätten. Diskussionen darüber, ob „Mein Kampf“ nun unkommentiert veröffentlicht werden darf oder nicht, scheinen von ­manchen auch nur noch aus einer Art institutionalisierter Angst heraus geführt zu werden; der Angst davor, das Ansehen Deutschlands im Ausland zu beschädigen, weil es offiziell seit 1949 keine Nazis mehr geben darf. Aber der Rest?

Nein. Angst hat eigentlich fast keine*r mehr. Aber der „Mut zum Lachen“, der wurde gefunden. Er ist die Variante 2.0, den Schlussstrich zu fordern.

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