Nirgends wird so viel gelogen und betrogen wie im Krieg und vor einem Krieg. Hans-Peter Kaul

Es muss ein Ruck durch Rom gehen

Die Kirche braucht Reform – Einheit in Vielfalt muss das neue Motto lauten. Papst Benedikt XVI. hat jetzt alles in seinen Händen.

Was müsste ein Drittes Vatikanum leisten? Klar ist: Es dürfte keine innerkirchliche Nabelschau werden, keine Konzentration auf die immer gleichen Konfliktthemen, sondern müsste ansetzen bei den existenziellen Fragen der Menschen. Wie können wir die Kultur des Lebens in Fülle verwirklichen und was müssen wir einer Kultur der Angst und des Wettbewerbs entgegensetzen? Was brauchen Menschen, um Sinn in ihrem Leben zu finden? Was kann der Glaube an Jesus Christus dazu beitragen, dass diese Welt auch den kommenden Generationen Ressourcen bereithält? Wie können wir verantwortlich mit den neuen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten umgehen?

Nicht die „Entweltlichung“ der Kirche, wie sie Benedikt XVI. in Freiburg gefordert hat, sollte den Weg in die Zukunft bestimmen, sondern der Dialog mit der säkularen Gesellschaft. In ihr müssen die Katholiken Rechenschaft ablegen über ihre Hoffnung, ihren Glauben, ihre Ideale. Und das geht nicht durch Rückzug in den wohlbehüteten Pferch einer kleinen Herde, sondern durch mutiges Auftreten und aktive Auseinandersetzung. Es geht um größtmögliche Transparenz und Offenheit.

Autorität über die Schlafzimmer verloren

Wer heute über das Zweite Vatikanische Konzil schreibt, muss wissen, welche Leser er hat. Denn die Bewertung dieses zweifellos historischen Ereignisses hängt stark davon ab, aus welcher Perspektive es betrachtet wird. Die Generation 60+ kennt noch aus eigenem Erleben die vorkonziliare Kirche. Gottesdienste, die Priester auf Latein mit dem Rücken zur Gemeinde feiern und Gläubige, die keine Rolle spielen. Es war die Zeit der Hochwürden: Der Klerus hatte hohes Ansehen und eine unbedingte Autorität, die sich nicht nur auf Glaubensfragen, sondern auch auf moralische Fragen des Alltags und insbesondere der Sexualität bezog. Die katholische Kirche war ein geschlossenes System, das Orientierung und Struktur bot. Sie betrachtete sich als alleinige Besitzerin der Wahrheit und pflegte eine Spiritualität, die von Angst vor Höllenstrafen und himmlischen Versprechungen lebte.

Die Nachgeborenen können kaum nachvollziehen, welche Befreiung mit dem Konzil verbunden war. Es war gesellschaftlich die Zeit der 68er-Revolution, und der Aufbruch erfasste auch die katholische Kirche. Das Bild von der Kirche als Volk Gottes setzte dem Klerikalismus eine neue Vision entgegen. Die Laien wollten mitreden und übernahmen eine aktive Rolle, und auch die Bischöfe versprachen sich eine Stärkung der Ortskirchen. Junge Männer wurden Priester in der Hoffnung, dass der Zölibat bald abgeschafft würde. Die „Enzyklika Humanae Vitae“ mit ihrem Verbot einer künstlichen Geburtenregelung wurde – zum Teil mit Billigung der deutschen Bischöfe – von den Gläubigen einfach ignoriert. Die Kirche hatte ihre Autorität über die Schlafzimmer verloren.

Für die jungen Menschen, die sich heute noch zur Kirche bekennen und außer Benedikt XVI. nur Johannes Paul II. bewusst als Papst kennen, ist vieles eine Selbstverständlichkeit, um das die Konzilsgeneration hart gerungen hat. Der geschwisterliche Umgang mit anderen Religionen, synodale Strukturen, eine Liturgie in der Muttersprache und Ministrantinnen am Altar – das gehört für sie ohne Diskussion zum kirchlichen Alltag. Sie haben aber nicht erlebt, welche Dynamik und Kraft diese Kirche hat – im Gegenteil. In ihrer Wahrnehmung ist da wenig Reformwillen, sondern Stillstand. Von Aufbruch keine Spur. Dass der Mannheimer Katholikentag mit seinem Motto „Einen neuen Aufbruch wagen“ stärker von den älteren Teilnehmern und ihren Forderungen geprägt war, ist ein Beleg dieser unterschiedlichen Perspektive.

Einheit in Verschiedenheit

Diese Einsicht ist für die Konzilsgeneration schmerzhaft. Die Begeisterung von damals lässt sich überhaupt nicht mehr vermitteln – weder denen, die ohnehin den Kontakt zur Kirche verloren haben, noch denen, die sich mit ihrer heutigen Gestalt arrangieren. Doch diese Einsicht führt dazu, die Frage nach der „ecclesia semper reformanda“ (die immer reformbedürftige Kirche) neu zu stellen. Was ist es, das sie heute braucht? Was müsste ein neues Konzil, von Benedikt XVI. einberufen, beraten?

Die katholische Kirche spricht gerne von sich als dem ältesten „global player“. Katholisch, das bedeutet im Griechischen „weltumfassend“. Keine Institution hat so viele Mitglieder über den Erdball verteilt – wohin ich auch reise, es gibt Menschen vor Ort, die meinen Glauben teilen. Deren Erfahrungen in den unterschiedlichen Kulturen gilt es einzubringen, nutzbar zu machen für die gesamte Weltkirche. Nicht ein römischer Zentralismus, der alles regeln will und Unterschiede einebnet, ist das Gebot der Stunde, sondern ein neues Miteinander der Ortskirchen, getragen vom gemeinsamen Fundament des Glaubens an Jesus Christus.

Wir können so viel voneinander lernen, Impulse aufgreifen und zu einem tieferen Verständnis kommen, was der Glaube für den Einzelnen in seiner jeweiligen Situation bedeutet. Einheit in Verschiedenheit – ein Modell, das menschenfreundlich ist und auch einer säkularen Gesellschaft Vorbild sein kann.

Die Gefahr, dass ein neues Konzil zu den globalen und existenziellen Fragen keine greifbaren Ergebnisse bringt, ist groß. Zahlreiche internationale Konferenzen zu ähnlichen Fragen haben stets gezeigt, dass es auf die jeweilige Umsetzung vor Ort ankommt. Über diese Themen denkt man nämlich besser im entsprechenden kulturellen Kontext nach, setzt sie um in kleinen Schritten und konkret, gemeinsam mit allen Gruppierungen guten Willens. Aber das Signal, sich dafür einzusetzen, den Glauben auf den Prüfstand der Welt zu bringen, das könnte von einem Dritten Vatikanischen Konzil ausgehen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Heinz-Joachim Fischer, Paul Badde, Maria von Welser.

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