Warum Linke Israel hassen

Michael Wolffsohn19.04.2018Politik

Warum ist der Judenhass eigentlich nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei den Linken verbreitet? Antisemitismus von Karl Marx bis heute.

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Gemach, gemach. Bitte auch bezüglich „der“ Linken keine Verallgemeinerungen. „Die“ Linken gibt es so wenig wie „die“ Deutschen, „die“ Amerikaner, „die“ Muslime, „die“ Juden und so weiter.

Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass es in der Partei Die Linke und älteren linken Gruppierungen eine sehr starke, wohl von der (wie großen?) Mehrheit getragene Anti-Israel-, ja, sogar eine antisemitische Tradition gibt.

Ganz offenkundig antiisraelisch, geradezu hasserfüllt antiisraelisch war die gottlob untergegangene DDR zumindest bis 1985. BR-Fernseh-Redakteur Stefan Meining („Kommunistische Judenpolitik“) und ich („Die Deutschland-Akte“) haben das ausführlich und ohne Beschönigung in unseren Büchern bis ins Detail belegt.

Partei Die Linke ist stark antiisraelisch

Diese Tradition setzte die PDS auch als Partei Die Linke fort, obwohl ihr Steuermann Gregor Gysi mit wenigen anderen gerade bei diesem Kurs gegensteuerte. Selbst er blieb dabei erfolglos. Im Bundestag musste Gysi im November 2014 vor seinen links-antizionistischen Verfolgern sogar auf die Toilette flüchten. Kräftiger als diese Bilder kann keine Wortanalyse sein.

SED/PDS/Die Linke gehören zur Alten Linken. Wie die Alte so war auch die Neue Linke, ein Kind der 68er-Möchtegern-„Revolution“. Sie war von Anfang an mehrheitlich antiisraelisch. Israel gilt diesem auch zutiefst antiamerikanischen Milieu als Handlanger der USA, des „Imperialismus und Kolonialismus“. Palästinenser und Araber, Muslime wären Opfer, Israel und die USA Täter.

Die ins Alter gekommene Neue Linke blieb nicht nur antiisraelisch, sondern auch antizionistisch. Das bedeutet: Sie war und ist gegen die USA und gegen Israel als Jüdischen Staat. Sie nennen den jüdischen Charakter dieses Staates „rassistisch“. Weil Israel jedoch unbestreitbar eine Demokratie ist (die einzige in Nahost), sprechen sie – um bei ihrer Antihaltung bleiben zu können, von einer „Ethnodemokratie“. Soll sagen: Die Spielregeln der Demokratie gälten nur für Juden. Das ist zwar falsch, denn, wie jeder Jude, hat jeder Araber in Israel eine Stimme bei Wahlen. Aber es ist werbewirksam und wird nicht nur von linken Israelhassern behauptet.
Viel älter als die Alte und Neue Linke ist der Juden-, Zionismus- und Israelhass der Uraltlinken. Wer waren warum seine Träger?

Selbst Karl Marx als „Herkunftsjude“ war antisemitisch

Am Anfang war Karl Marx. Beide Eltern entstammten berühmten Rabbinerfamilien. Aus Karrieregründen ließen sie sich und ihre Kinder taufen. Was immer seine Gründe waren – Karl Marx’ Text „Zur Judenfrage“ (1843) hätte nur deshalb nicht im NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ abgedruckt werden können, weil er zu intelligent antijüdisch war. Fortan konnte aber jeder kommunistisch-sozialistische Antisemit mit koscheren Kanonen auf Juden schießen. Tenor: „Wenn schon der Herkunftsjude Marx sagt, dass …“

Insgesamt wurden nur wenige Juden Kommunisten, aber viele prominente Frühkommunisten waren Juden. Zum Beispiel Rosa Luxemburg, auch Leo Trotzki. Ihnen war Jüdisches gleichgültig. Die Kreise antisemitischer Genossen störten sie nicht.
Die meisten Juden waren (und sind) bürgerlich-liberal und grunddemokratisch eingestellt, das heißt in der Sprache des sozialistisch-kommunistischen (und auch faschistischen) Klassenkampfes „Kapitalisten“ und folglich zu bekämpfen.

Internationale Kommunismus beging Massenmord an Juden
Der ursprünglich internationalistische Kommunismus/Sozialismus wurde und blieb seit 1924 unter Stalin und später in fast allen linken Staaten zunehmend national gefärbt; also quasi nationalsozialistisch. Nicht nur im „Großen Vaterländischen Krieg“, den die von Hitler und Konsorten überfallene Sowjetunion führen musste.

„Kosmopolitismus“, Weltoffenheit, machte „die“ Juden in den Augen dieser Linksnationalisten verdächtig. 
Ein guter Grund, sie zu verfolgen.
Lenin war ein Massenmörder, aber kein Antisemit. Wohl aber der noch größere Massen- und Judenmörder: Stalin. Weshalb? Er wollte die kommunistischen Veteranen ausschalten, um an die Macht zu gelangen und um sie zu festigen. Viele waren eben jüdisch. Folglich wurden sie ermordet.

1947/48, in der Gründungsphase Israels, schien es Stalin nützlich, den Judenstaat durch Waffenlieferungen zu unterstützen. Schnell erkannte er, dass dieser Kurs den Einstieg der Sowjetunion in die arabische Welt erschwerte. Durch Israel erstarkte zudem das Selbstbewusstsein der Sowjetjuden. Das war innenpolitischer Sprengstoff im Vielvölkerstaat UdSSR.

Es gab noch einen: „Volksdemokratie“, sprich: Diktatur, plus Sozialismus war die sowjetlinke Wirklichkeit. Echte Demokratie, also Freiheit plus Sozialismus war die Wirklichkeit des Zionismus und Israel, welches bis 1977 von Sozialisten und Sozialdemokraten regiert wurde.

Die israelische Maus wurde zur Gefahr für den sowjetrussischen Bären. Seit dem Herbst 1948 schaltete Stalin ruckartig auf Antiisraelismus samt Israelhass um. Dabei blieb es bis zum Beginn der Ära Gorbatschow. Am Vorbild des sowjetischen Israelhasses orientierten sich alle Ostblockstaaten mit Ausnahme Rumäniens.

Andere Kommunismen wichen zwar vom Moskauer Kurs ab, aber auch sie umwarben die Dritte Welt. Hier hatten „die“ antiisraelischen Araber mit ihrem Israelhass großes Gewicht. Ergo gehörte Antiisraelismuss auch zum „Guten Ton“ bei Mao (China), Ho (Vietnam), Fidel (Kuba), Che (Lateinamerika), Pol Pot (Kambodscha).

Fazit: Uralte Vorurteile und Opportunismen haben den Juden- und Israelhass der meisten linken Gruppierungen in Vergangenheit und Gegenwart zementiert. Ein Wandel ist nicht zu erwarten. „Festgemauert in der Erden …“

_Der Text erschien zuerst am 26. 12. 2015_

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