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Jenseits des Artefakts

Kultur entstand aus dem Kultus. Doch scheint in der Kunst der Kult um das Geld den Kult um einen Gott ersetzt zu haben. Kunst für den kirchlichen Raum lässt ein Bild dorthin zurückkehren, wo es hergekommen ist. Es erhält für den Betrachter wieder eine echte Relevanz, hinter der der Künstler zurücktritt. Es wird wieder Teil seines Lebens. Ein Dialog beginnt.

Wenn der Athener auf die Akropolis pilgerte, so nicht, um die neueste Personalausstellung von Phidias zu sehen, mit Champagner anzustoßen oder über Preise zu diskutieren; er wollte vor das Götterbild der Pallas Athene treten, das zum Glück vom besten Bildhauer seiner Zeit geschaffen worden war. War in der Renaissance Raffael zu teuer oder zu beschäftigt, um ein Altarbild für eine Kirche zu malen, so war klar, dass ein anderer Künstler beauftragt werden musste, da es um den kultischen Gegenstand des Altars in seiner Funktion ging. Kultur entstand aus dem Kultus. Der Inhalt des diamantenbesetzten Totenschädels von Damien Hirst scheint primär sein Preis zu sein, sein Wert?

Die Ahnung einer Utopie

Vielleicht sogar belegt er, dass Kult und Kultus noch immer eng verbunden sind, wenn in der spätkapitalistischen Gesellschaft ein Kult um das Geld betrieben wird, den Märkten ein magisches Eigenleben zugeschrieben wird und der Preis eines Objekts zum Synonym wird für seinen Wert, seine überragende Qualität. Für mich bedarf es in der Kunst aber eines Mehrwerts, der Ahnung einer Utopie, die über bloße Reflexion hinausweist. So thematisiere ich immer wieder die Sehnsucht nach einem religiösen Kultus, da ich die Leerstelle eines seit der Aufklärung blank gefegten Himmels spüre, ohne sie ausfüllen zu können.

Von der Möglichkeit eines Dialogs

Es ist dies auch die Sehnsucht nach einem Kunstwerk, das in einem gesellschaftlichen Kontext eine vom Kunstmarkt und einem kleinen Zirkel vermeintlicher Eingeweihter unabhängige Rolle spielt, die eben über seine Rolle als Artefakt hinausweist und den hermetischen white cube der Galerie verlässt. So war es für mich eine besondere Herausforderung, nunmehr schon drei Altäre für Kirchen zu malen, vor denen Menschen, die nicht um die künstlerische Qualität der Bilder wissen müssen, beten, ihre Hochzeit, ihre Taufe, ihr Requiem feiern. Dabei ging es mir – wie bei meinen anderen Bildern – nicht darum, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen, die Voraussetzung einer Antwort durch andere sind. Vielleicht besteht in diesen Fragestellungen und in der daraus folgenden Möglichkeit eines Dialogs der Wert der Kunst.

Die Werke Triegels sind noch bis zum 20. Juni in der Ausstellung “Wirklich? Michael Triegel – Malerei und Arbeiten auf Papier” im Museum St. Ulrich in Regensburg zu sehen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Jennifer Nathalie Pyka, Stefan Groß.

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