Zusammen ist man weniger allein

Michael Thumann12.09.2011Politik

Israel und die Türkei entfremden sich. Dies ist eine historische Wende, kein kleiner Streit zwischen Freunden, wie viele im Westen noch hoffen. Die Türkei und Israel versinken in einem tiefen Zerwürfnis.

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Ein muslimisches und ein jüdisches Land, zwei enge Verbündete der USA drohen einander. Nahostpolitik wird schwerer werden für Amerika und Europa. Der Nahe Osten wird unangenehmer für die Türkei und für Israel. Die Türkei eskaliert unnötig, aber es ist Israel, das am Ende am meisten zu verlieren hat. Schuld am Zerwürfnis haben beide Seiten. Niemand stellt die Vernunft über den verletzten Stolz. Der neue Gegensatz zwischen Israel und der Türkei wird sich zu den ohnehin schon zahlreichen Nahostkonflikten addieren. In den Vereinten Nationen, am Nahostverhandlungstisch, in den EU-Außenbeziehungen – überall wird er seinen Schatten werfen. Der türkische Premier Tayyip Erdogan plant, die Blockade des Gazastreifens durch Israel vor internationale Gerichte zu bringen. Er will Hilfsschiffe nach Gaza vom türkischen Militär begleiten lassen. Israels Regierung denkt über die Ausweisung türkischer Arbeiter nach. Eine Entschuldigung für die Erschießung türkischer Aktivisten vor Gaza 2010 verweigert sie strikt. Mitten im Arabischen Frühling entsteht hier eine neue Front in Nahost.

Held der Israelkritik

Wie konnte es so weit kommen? Weil beide die einzigen Demokratien in Nahost sind, lautet die erste Erklärung. Die neunziger Jahre, als israelische Piloten über Anatolien übten, wie man aufständische Palästinenser in Schach hält, sind vorbei. Damals war Außenpolitik in der Türkei eine Sache des Militärs und einer kleinen Elite. Seither hat sich viel geändert. Erdogan entmachtet das Militär und hat ein sicheres Gespür für das Bauchgefühl des kleinen Mannes. Anfangs hatte der Premier sogar noch ein gutes Verhältnis zu Israel. Doch Krieg und Wahlen brachten die Wende. Im Gazakrieg Anfang 2009 wurde er mit harscher Israelkritik zum Helden der türkischen und arabischen Straße. Hier kommt die zweite Erklärung: die rücksichtslose Zuspitzung durch Wahltaktiker und Populisten. Jeder für Erdogan wichtigen Abstimmung in der Türkei ging nicht zufällig Zoff mit Israel voraus. Systematisch gießt er Öl ins Feuer. Auf seiner Nahostreise ab dem 12. September will er sich von den Arabern feiern lassen. Umgekehrt zielt Netanjahu mit einer „Keinen-Schritt-zurück“-Politik auf die nationalistischen Wähler seiner Rechtskoalition. Egal, ob gegenüber Barack Obama oder eben den Türken. Israel gibt nicht nach. So kittet er die Koalition. Was kostet der Ego-Trip? Die Türkei kann ihre „Null-Problem-Politik“ mit den Nachbarn vergessen. Sie wird auf Touristen aus Israel verzichten müssen, sie wird sich auf manche unangenehme Entscheidung im US-Kongress einstellen dürfen, wo Israel viel Einfluss hat. Erdogan festigt nicht nur dort seinen Ruf als streitsüchtiger Außenpolitiker.

Israel bezahlt den Preis

Doch richtig teuer wird es für Israel. Seine Wirtschaft verliert den größten Markt in Nahmittelost. Seine Soldaten missen eine Manöverfläche. Seine Politiker verlieren einen wichtigen Partner. Die Türkei – Schaltstelle in Nahost, Wirtschaftsmacht und Konkurrent gegen Irans Hegemoniestreben. Ausgerechnet jetzt, da die Türkei zum wohl einflussreichsten Staat der Region heranwächst, überwirft sich Israel mit dem Land. Doch damit nicht genug. Mit Ägypten, dem arabischen Friedenspartner von Camp David, steuert Netanjahu auf ein ähnliches Problem zu. Die Erschießung ägyptischer Soldaten nach einem Terroranschlag gegen Israel war ihm auch keine echte offizielle Entschuldigung wert. Tayyip Erdogan wird auf seiner Nahostreise nach Ägypten, Libyen und Tunesien ab kommenden Montag neue Bande knüpfen. Die Türkei und die möglicherweise entstehenden arabischen Demokratien nähern sich weiter an. Israel muss aufpassen, dass es am Ende nicht ganz allein in der Region dasteht.

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