Internationale Adoption ist ein Produkt des Zweiten Weltkriegs. Tara Zahra

Zeit für große Gesten

Bewegungssensoren, wie sie Nintendos Wii salonfähig gemacht hat, sind für Hardcore-Gamer nichts weiter als ein Realität gewordener Witz. Und doch vermögen die neuartigen Eingabemöglichkeiten Großartiges zu leisten: Sie vereinen die Generation Facebook und deren Eltern wieder an einem virtuellen Spielbrett.

Es mutete an wie eine Sensation. Mein Vater hatte sich eine Wii angeschafft, eine Spielkonsole. Nicht, dass sich seine Technikbegeisterung nicht bereits in allerlei Gerätschaften in seinem TV-Rack ausdrückte, aber eine Spielkonsole stellte in der Tat ein Novum dar. Wie oft hatte ich in der Vergangenheit versucht, meinen alten Herren von den Vorzügen digitaler Spielwelten zu überzeugen. Doch egal mit welchen Spielen ich es auch versuchte, das immer gleiche Argument trübte die Vater-Sohn-Beziehung in 8, 16, oder 64 Bit. Selbst das bei jedermann beliebte “Super Mario Kart” entlockte meinem Vormund nur folgenden Ausspruch: “Ich soll drei Knöpfe auf einmal drücken? Das ist mir alles viel zu kompliziert!”


Die komplexeste aller Zielgruppen im Auge


Diese Generation war nicht mit Computern groß geworden. Erst viel später hielten die – rein nach praktischen Gesichtspunkten designten – grauen Kästen Einzug in ihren Alltag. Man nannte sie “Personal Computer”, was ungefähr so sexy klingt wie “orthopädischer Strumpf”, die Funktion aber ebenso klar beschreibt. Als bloßes Arbeitswerkzeug waren diese vor allem dazu da, die allseits beworbene “Elektronische Datenverarbeitung” in matrixähnlichen Buchstaben- und Zahlenkolonnen Wirklichkeit werden zu lassen: in grüner Schrift auf schwarzem Grund, versteht sich. In Anbetracht dieser Arbeitsleistung wurden meine – damals topaktuellen – “japanischen Kindercomputer” von Nintendo nur müde belächelt. Elektronische Unterhaltung war unseren Eltern fremd, das ständige Gedaddel ihrer Zöglinge ihnen oft ein Graus.

Jetzt also die Wii und die Frage, warum diese Konsole gerade bei älteren Generationen großen Anklang findet. Ist dieses unscheinbare grauweiße Kästchen für uns jetzt doch nicht mehr als ein Kindercomputer. Ein Stück 128-Bit-Nostalgie in Zeiten von Full-HD-Games in 256 Bit. Und doch ist die Wii die einzige Next-Generation-Konsole, die wirtschaftlich richtig erfolgreich ist. Die Antwort liegt im Konzept des japanischen Herstellers Nintendo, der eine Konsole für die komplexeste aller Zielgruppen kreiert hat: die Allgemeinheit.

Marios ewig weiße Weste


Seit jeher setzt Nintendo auf ein familienfreundliches Image. Spiele, die Gewalt darstellen, sind zwar auch im Universum von Super Mario vertreten, doch werden diese – sofern überhaupt im Sortiment vorhanden – höchstens unter der Ladentheke gehandelt. Das ideale Spielzeug also für Zöglinge, die mit Mario, Luigi, Link und Prinzessin Zelda behütet vor allen Gefahren des digitalen Alltags aufwachsen sollen.


Doch nicht nur der Nachwuchs findet Gefallen am Konzept der Wii, das sich am kindlichen Spieltrieb orientiert. Die Einfachheit der Bedienung, die über natürliche Gesten funktioniert, und Spiele, die auf simplen aber effizienten Prinzipien basieren, sprechen auch ältere Generationen an. Sogar die “ganz Alten”, die sich – mit Unterstützung ihrer Enkelgeneration – im Altenheim zur Weltmeisterschaft im “Wii-Bowling” zusammenfinden.


Man mag sich nun streiten, ob das Spielgefühl auf der Wii natürlichen Bewegungen tatsächlich nahe kommt und ob die Präzision der Eingaben vergleichbar ist mit dem guten alten Joypad. In jedem Fall hat die Marketingabteilung von Nintendo ganze Arbeit geleistet, sodass nun auch Sony und Microsoft mit jeweils ganz eigenen Konzepten auf den Hampel-Hype aufspringen. Ich für meinen Teil freue mich, wenn sich die Familie nun endlich auch mal geschlossen zum virtuellen Duell einfindet und mein Vater hinterher voller Nerdstolz meint: “Junge, heute habe ich dich mal so richtig abgezockt!”. In Gedanken erwidere ich: “Damn right, Daddy. PWND!”

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Tobias Schlegl, Matthias Grimm, Gunter Weigand.

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