Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Wenn sich Fressen nicht mehr sehen können

„Wildsau“, „Gurkentruppe“, „Quartalsirrer“ – die Sitten unter den Bürgerlichen sind verwahrlost. Wenn es schon mit den geteilten Werten hapert, ist Schwarz-Gelb ein Auslaufmodell.

Wenige Monate nach der Bundestagswahl 2009 rief der damalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle die „geistig-politische Wende“ aus. Er erinnerte damit an die von Helmut Kohl einst versprochene „geistig-moralische Wende“. Aus beiden ist nichts geworden. Zum Glück, sagt der Pragmatiker.

Überhöhungen von Regierungsbündnissen führen in der Regel zu erhöhter Enttäuschung des Publikums. So ging es beiden sogenannten bürgerlichen Koalitionen – der von Angela Merkel und der von Helmut Kohl. Bei der einen dauerte es – dank der Wiedervereinigung – länger, bis sich die Wähler abwandten, bei der anderen ging es sehr schnell.

Auch bürgerlichen Wählern graust es inzwischen vor Überhöhungen solcher Bündnisse. Sie haben gelernt, dass auch Politiker von CDU/CSU und FDP nicht anständiger sind als andere, dass auch die bürgerlichen Werte in deren Reihen nicht mehr viel gelten.

Die schwarz-gelbe Koalition hat bürgerliche Werte wie Anstand, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit als Maxime politischen Handelns selbst zum Abschuss freigegeben.

Was bleibt, sind Personen und Versprechen

Wer sich unanständig beschimpft („Wildsau“, Gurkentruppe“, „Quartalsirrer“, „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“), wer jede Fairness in der Auseinandersetzung vermissen lässt (wie Ursula von der Leyen gegen Kristina Schröder), wer sein Programm schneller verrät, als der Wähler schauen kann (Atomwende, Ende der Wehrpflicht, Aufgabe des dreigliedrigen Schulsystems), der bekommt keinen Wertebonus mehr.

Deshalb ist der Versuch aussichtslos, aus dem maroden schwarz-gelben Bündnis noch ein Erfolgsmodell zu machen. Es ist, was die Demoskopen weissagen, ein Auslaufmodell. Egal wie die Wahl 2013 ausgeht, die „bürgerliche Koalition“ ist für lange Zeit diskreditiert. Genau wie ihre angeblichen Werte.

Was bleibt, sind die Kompetenz-Zuschreibungen. CDU/CSU und FDP verstünden mehr von Wirtschaft, mehr vom Erwirtschaften. Auch diese Attribute sind durch die Regierungswirklichkeit weitgehend widerlegt, durch Hotelsteuer, Atomwende, CDU-Mindestlohnpläne und Euro-Krisenmanagement.

Zerstörte Werte, beschädigte Kernkompetenzen: Was für Wahlentscheidungen bleibt, sind Personen und Zukunftsversprechen. Denen vertraut das Wählerpublikum aber auch immer weniger. Und mehr Pfeile haben auch die bürgerlichen Parteien nicht mehr im Köcher. Ebenfalls ein Grund für den Erfolg neuer Bewegungen wie die der Piraten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nikolaus Blome, Birgit Kelle, Stefano Casertano.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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