Wir gehen mit der Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum. Jane Fonda

Wenn sich Fressen nicht mehr sehen können

„Wildsau“, „Gurkentruppe“, „Quartalsirrer“ – die Sitten unter den Bürgerlichen sind verwahrlost. Wenn es schon mit den geteilten Werten hapert, ist Schwarz-Gelb ein Auslaufmodell.

Wenige Monate nach der Bundestagswahl 2009 rief der damalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle die „geistig-politische Wende“ aus. Er erinnerte damit an die von Helmut Kohl einst versprochene „geistig-moralische Wende“. Aus beiden ist nichts geworden. Zum Glück, sagt der Pragmatiker.

Überhöhungen von Regierungsbündnissen führen in der Regel zu erhöhter Enttäuschung des Publikums. So ging es beiden sogenannten bürgerlichen Koalitionen – der von Angela Merkel und der von Helmut Kohl. Bei der einen dauerte es – dank der Wiedervereinigung – länger, bis sich die Wähler abwandten, bei der anderen ging es sehr schnell.

Auch bürgerlichen Wählern graust es inzwischen vor Überhöhungen solcher Bündnisse. Sie haben gelernt, dass auch Politiker von CDU/CSU und FDP nicht anständiger sind als andere, dass auch die bürgerlichen Werte in deren Reihen nicht mehr viel gelten.

Die schwarz-gelbe Koalition hat bürgerliche Werte wie Anstand, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit als Maxime politischen Handelns selbst zum Abschuss freigegeben.

Was bleibt, sind Personen und Versprechen

Wer sich unanständig beschimpft („Wildsau“, Gurkentruppe“, „Quartalsirrer“, „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“), wer jede Fairness in der Auseinandersetzung vermissen lässt (wie Ursula von der Leyen gegen Kristina Schröder), wer sein Programm schneller verrät, als der Wähler schauen kann (Atomwende, Ende der Wehrpflicht, Aufgabe des dreigliedrigen Schulsystems), der bekommt keinen Wertebonus mehr.

Deshalb ist der Versuch aussichtslos, aus dem maroden schwarz-gelben Bündnis noch ein Erfolgsmodell zu machen. Es ist, was die Demoskopen weissagen, ein Auslaufmodell. Egal wie die Wahl 2013 ausgeht, die „bürgerliche Koalition“ ist für lange Zeit diskreditiert. Genau wie ihre angeblichen Werte.

Was bleibt, sind die Kompetenz-Zuschreibungen. CDU/CSU und FDP verstünden mehr von Wirtschaft, mehr vom Erwirtschaften. Auch diese Attribute sind durch die Regierungswirklichkeit weitgehend widerlegt, durch Hotelsteuer, Atomwende, CDU-Mindestlohnpläne und Euro-Krisenmanagement.

Zerstörte Werte, beschädigte Kernkompetenzen: Was für Wahlentscheidungen bleibt, sind Personen und Zukunftsversprechen. Denen vertraut das Wählerpublikum aber auch immer weniger. Und mehr Pfeile haben auch die bürgerlichen Parteien nicht mehr im Köcher. Ebenfalls ein Grund für den Erfolg neuer Bewegungen wie die der Piraten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nikolaus Blome, Birgit Kelle, Stefano Casertano.

Print1_cover_klein

Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Utopia – Unsere Welt in 100 Jahren, warum die nächste Bundesregierung Schwarz-Orange ist, das rationale Menschenbild nicht trägt und wer 2016 US-Präsident wird.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Angela-merkel, Guido-westerwelle, Schwarz-gelb

Debatte

Verbraucherschutz

Medium_8a38044c35

Ernsthaft zupacken – nicht herumeiern!

Verbraucherpolitik und ihre Klientel stehen mehr denn je in einem wechselseitigen Verhältnis, – sind die Menschen widerspenstig, so ist es auch die Politik, sind sie bescheiden und brav, ist sie es... weiterlesen

Medium_94bb2ce8da
von Karl Kollmann
24.02.2018

Debatte

Brisante GroKo-Prognose

Medium_189d95bfc8

Norbert Lammert: Es gibt Neuwahlen ohne Merkel

In einem kleinen Kreis hat Lammert geäußert, dass es keine Große Koalition, dafür aber Neuwahlen ohne Angela Merkel geben werde. Er selbst rechne mit einer schwarz-grünen Koalition. weiterlesen

Medium_8426ca01d8
von Egidius Schwarz
20.12.2017

Debatte

Mögliche Regierungsbildung

Medium_38690eea15

SPD: Wir wollen mit der Union reden

Auf dem Parteitag hat der SPD-Vorstand einstimmig die Aufnahme ergebnisoffener Gespräche mit CDU und CSU über die Regierungsbildung empfohlen. Es gebe keinen Automatismus für eine Koalition und kei... weiterlesen

Medium_f9574af085
von The European Redaktion
04.12.2017
meistgelesen / meistkommentiert