Abgedroschene Contergan-Logik

Michael Schmidt-Salomon14.07.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Die PID-Zulassung durch den Bundestag ist eine wichtige und richtige Entscheidung. Es geht um einen guten und gleichberechtigten Start ins Leben; daran ist nichts verwerflich. Wir müssen Kranke und Behinderte wo immer wir können unterstützen, am Einsatz gegen Behinderungen ist hingegen nichts Verwerfliches festzustellen.

Ethische Werte sind uns nicht objektiv vorgegeben, sondern müssen unter den Menschen auf der Basis ihrer jeweiligen Interessen ausgehandelt werden. Auch wenn es Gläubige gibt, die Probleme mit dieser Aussage haben, so ist sie doch Grundlage des „Gesellschaftsvertrags“, auf dem der moderne Rechtsstaat beruht. Fragen wir uns also, welche individuellen Interessen durch PID berührt werden: Zunächst könnte man meinen, dass in erster Linie die Interessen der Embryonen betroffen seien. Allerdings haben frühe Embryonen, die problemlos eingefroren und wieder aufgetaut werden, keinerlei Empfindungen. Sie kennen weder Lust noch Schmerz. Deshalb verfügen sie auch nicht über Interessen, die in ethischen Güterabwägungen berücksichtigt werden könnten. Ein Interesse an der Erhaltung menschlicher Embryonen haben daher allenfalls Personen, die sich der Existenz dieser Embryonen bewusst sind. Allerdings bauen nur sehr wenige Menschen emotionale Beziehungen zu empfindungslosen Zellkörpern auf – was insofern sinnvoll ist, da etwa die Hälfte aller natürlich entstandenen Embryonen in den ersten Schwangerschaftswochen abstirbt. Woher stammt also das Interesse am Erhalt der Embryonen?

Glaubenssatz der „Simultanbeseelung“

In erster Linie ist hier der Glaubenssatz der „Simultanbeseelung“ im Moment der Verschmelzung von Samen- und Eizelle zu nennen, der für Katholiken erst im Jahre 1869 verbindlich wurde. Zuvor ging die katholische Kirche von der Idee der „Sukzessivbeseelung“ aus, die Schwangerschaftsabbruch vor dem dritten Monat legitimierte. Klar ist: Wer glaubt, dass mit der Befruchtung der Eizelle „heiliges Leben“ entstehe, der muss die Zulässigkeit der PID, der Spirale und des Schwangerschaftsabbruchs bestreiten. Deshalb ist es zweifellos das gute Recht der Gläubigen, für sich selbst PID und Schwangerschaftsabbruch abzulehnen. “Allerdings haben sie nicht das Recht, anders denkenden Menschen die Möglichkeit vorzuenthalten, diese Verfahren zu nutzen(Link)”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/7182-peter-singers-zweifelhafte-ethik. Schließlich sollten mündige Bürgerinnen und Bürger in einem liberalen Gemeinwesen tun und lassen dürfen, was sie wollen – solange es ihnen nicht mit guten Gründen verboten werden kann. Solche „guten, verallgemeinerungsfähige Gründe“ gibt es für ein Verbot der PID jedoch nicht, wie im “Gutachten der Giordano-Bruno-Stiftung(Link)”:http://www.giordano-bruno-stiftung.de/sites/default/files/download/pid.pdf dargelegt wurde. Wenn sich Eltern gegen einen genetischen Defekt entscheiden, dann liegt ihr Motiv darin, Belastungen ihres künftigen Kindes zu vermeiden, ihm optimale Startbedingungen für das Leben zu schenken und selbst auch zusätzlichen Mühen zu entgehen. Hieran ist nichts verwerflich.

Kranke und Behinderte unterstützen

Das häufig vorgebrachte Argument, die Auswahl gesunder Embryonen laufe auf eine Herabsetzung von Behinderten hinaus, widerspricht nicht nur den empirischen Erfahrungen in den Ländern, die PID praktizieren, es ist auch theoretisch widersinnig: Nach dieser „Logik“ müssten wir auch Impfungen gegen Kinderlähmung abschaffen, weil diese eine Diskriminierung von Menschen mit Kinderlähmung zur Folge haben könnte. Wer halbwegs klar denkt, sollte begreifen, dass wir Kranke und Behinderte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen sollten – nicht aber Krankheit und Behinderung. Wären Behinderungen bloß Ausdruck unterstützenswerter „Vielfalt“, wie manche meinen, müsste man die Grünenthal GmbH dafür belobigen, dass sie die menschliche Vielfalt im Zuge des “Contergan-Skandals(Link)”:http://de.wikipedia.org/wiki/Contergan-Skandal so effektiv beförderte. Dies jedoch wäre – im Unterschied zur PID – tatsächlich „behindertenfeindlich“!

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