Arbeit bedeutet auch Selbstverwirklichung. Norbert Blüm

Vertagter Untergang

Von Babylon bis Byzanz – viel ist von vergangenen Hochkulturen nicht übrig geblieben. Jetzt scheint unsere eigene dem Ende nahe. Die hat jedoch einen entscheidenden Vorteil.

Untergangsängste sind vermutlich so alt wie die Menschheit: Missernten, Kometen oder Erdbeben haben immer wieder die Befürchtung ausgelöst, die Götter hätten sich endgültig von uns abgewendet und das Ende der Welt stehe bevor. Die gegenwärtigen Ängste vor einem Niedergang der westlichen Welt machen da keine Ausnahme. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts griffen Untergangsszenarien in Europa um sich. Die eigene Zeit wurde verglichen mit dem Untergang Roms, wobei man auch den Glanz und die Größe der römischen Kaiserzeit gerne für sich selbst in Anspruch nahm. Dies bot den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man die Untergangsszenarien schrecklich-schön ausmalen konnte.

Prognosen gehören nicht zu den Stärken des Apokalyptikers

Besonders gut lässt sich das an Spenglers „Untergang des Abendlandes“ nachvollziehen, einer der berühmtesten Untergangsprophezeiungen der Moderne. Spenglers Geschichtsmetaphysik zufolge steht die abendländische Kultur kurz vor ihrem Ende. Doch dieses Ende wird grandios: Die Zivilisation stehe auf ihrem absoluten Höhepunkt, Deutschland werde im Ersten Weltkrieg siegen und in der Zeit danach zur Weltmacht aufsteigen – bevor nach der Jahrtausendwende, also in unserer Gegenwart, der endgültige Zusammenbruch folgen sollte.

Nun – es kam bekanntlich anders. Spenglers Fehleinschätzungen zeigen, dass Prognosen nicht zu den Stärken des Apokalyptikers gehörten: Den Krieg hat Deutschland verloren, mit dem Aufstieg zur Weltmacht hat es nicht geklappt und von den Vorboten des Untergangs sehen wir glücklicherweise immer noch recht wenig. Tatsächlich kann man den Pessimismus nicht als direktes Abbild historischer Verhältnisse auffassen. Vielmehr ist er Teil einer Selbstinszenierung: Der Pessimist gibt sich als der einsame Warner, der dem Unglück ins Antlitz schaut, während die Massen an ihren optimistischen Illusionen festhalten.

Früher war nichts besser

Zudem sind Verfallsdiagnosen stets Kulturkritik. Wenn wir uns im Niedergang befinden, dann muss es früher einmal besser gewesen sein. Tatsächlich ist pessimistische Kulturkritik in der Regel konservativ, häufig rückwärtsgewandt: Die bessere Vergangenheit kann dabei – je nach Gusto – die gesegnete Zeit nationaler Währungen vor der Einführung des Euro sein, die glorreiche Zeit der Nationalstaaten vor der EU, die glücklichen Griechen der Antike oder die urzeitlichen Jäger und Sammler, die ohne Angst vor Abhörung und Elektrosmog durch schadstofffreie Wälder streiften.

All das klingt wunderbar, mit der Realität hat es herzlich wenig zu tun: Die urzeitlichen Jäger und Sammler hatten beste Chancen, zu verhungern, wenn es mal nichts zu jagen oder zu sammeln gab, die glücklichen Griechen führten ständig Krieg gegen andere glückliche Griechen, Perser oder Trojaner, und auch die gesegnete Zeit nationaler Währungen war natürlich eine Zeit permanenter Währungskrisen.

Tatsächlich spricht wenig dafür, dass die Vergangenheit wirklich besser war. Insbesondere das Bild der glücklichen Urzeit ist völlig falsch. Neueren Untersuchungen zufolge war die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, bei den angeblich friedlichen Urvölkern bis zu tausendmal höher als heute. Geändert hat sich das erst mit der Einführung eines staatlichen Gewaltmonopols, wie es sich in Europa seit dem 17. Jahrhundert etabliert. Erst damit kommt es zu einer Befriedung, die ihrerseits die Voraussetzung für jene grandiose Entfaltung von Kultur, Handel und Wissenschaft ist, wie wir sie seit der Neuzeit erleben.

Die Stärke des Westens

Genau hier liegt denn auch die Keimzelle der „westlichen Kultur“. Die ist übrigens so vielgestaltig und flexibel, dass sie ziemlich schwer zu greifen ist. Zum einen ist die westliche Kultur nicht auf den Westen beschränkt. Sie hat mehrere Zentren, und die befinden sich zum Teil ziemlich weit im Osten. Zudem unterscheiden sich diese Zentren kulturell, politisch und ökonomisch erheblich voneinander. Das bedeutet zwar einerseits, dass es immer irgendwo kriselt, auf der anderen Seite erfasst aber kaum eine Krise den gesamten Westen mit gleicher Intensität – schon allein das macht diese Kultur wenig untergangsfreundlich.

Flexibel ist das westliche System zweitens hinsichtlich seiner Institutionen. Zwar gibt es eine Reihe von Prinzipien, die sich mehr oder minder ausgeprägt in allen „westlichen“ Staaten finden. Hierzu gehören die Demokratie, die Gewaltenteilung, das Rechtsstaatsprinzip sowie die Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit. Vorgegeben ist damit jedoch nur ein grober Rahmen, der es nicht nur erlaubt, notwendige Veränderungen und Anpassungen zu diskutieren, sondern sie auch umzusetzen. Wenig untergangsfreundlich ist das westliche System also auch deshalb, weil es in hohem Maße anpassungsfähig ist.

Kritisieren statt diffamieren

Tatsächlich bestehen denn auch jenseits der üblichen politischen Rhetorik keine belastbaren Indizien dafür, dass der Westen und seine Werte dem Niedergang geweiht sind. Der Untergang des Abendlandes bleibt ein Gespenst. Natürlich gibt es immer wieder Krisen. Doch die entstehen im Allgemeinen nicht durch die Befolgung, sondern durch die Verletzung der westlichen Werte: Die Finanz- und Euro-Krise, an der Rechtspopulisten bis heute ihr Herz erwärmen, geht auf die Missachtung rechtlicher und marktwirtschaftlicher Prinzipien bei der Kontrolle von Banken zurück. Und die diversen Abhörskandale, die wohl am stärksten zur Diskreditierung des Westens beigetragen haben, waren nur möglich durch eine Verletzung wichtiger Bürgerrechte.

Doch Krisen unterscheiden sich von Weltuntergängen unter anderem dadurch, dass man sie überwinden kann – bei der Finanzkrise sieht es so aus, als wäre dies mittlerweile gelungen. Die Apokalypse kann wieder einmal vertagt werden, und wir sollten uns an das wenig spektakuläre, aber umso nützlichere Werk der Kritik und Korrektur unserer Institutionen machen. Die Pessimisten mögen derweil ihre spektakulären Geschichten erzählen. Solange sie nicht mit der Realität verwechselt werden, können sie uns dann und wann einen schönen Schauer über den Rücken jagen – nicht weniger und nicht mehr.

Dieser Kommentar erschien zuerst auf dem Europa-Spezial des The European.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Klaus Vondung, Holger Rust.

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