Glück und Schönheit sind zwei Paar Schuhe. Daniel Küblböck

Wir sind das Volk

Am 9. Oktober 1989 bahnte sich die friedliche Revolution in der DDR auf den Straßen von Leipzig unumkehrbar ihren Weg. Es war dies die erste geglückte Revolution auf deutschem Boden – eine Nachricht, die noch immer unterwegs ist.

Als sich am Abend des 9.Oktober 1989 der Demonstrationszug der 70.000 formierte, ahnte kaum einer, dass dies ein Tag der Entscheidung werden sollte. Denn nicht revolutionärer Pathos strömte durch die Straßen der Stadt, sondern vielmehr Angst und Ungewissheit. Das Blutbad auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und dessen Wiederholbarkeit in Leipzig hing wie ein Damoklesschwert über der Erhebung des Volkes gegen die SED-Herrschaft.

Nur zögerlich, leise tastend, traten die Leipziger und die vielen aus der gesamten Republik angereisten Montagsdemonstranten aus dem Schatten der Kirchen und Gassen auf den Stadtring hinaus. Doch die schiere Menschenmenge und die Besonnenheit der Demonstranten mündeten letztlich im Sieg des eigentlichen Souveräns, des Volkes. Die falschen Propheten an der Spitze der Diktatur sollten sich hiervon nicht mehr erholen.

Die Freiheit stand vor der Einheit

Trotzdem führt der 9. Oktober 1989 als Erinnerungsort der deutschen Demokratie ein Schattendasein. Der alles überstrahlende Tag des Mauerfalls einen Monat später in Berlin nimmt viel Licht. In der Choreografie des deutsch-deutschen Gedenkens scheint selbst der “Tag der Deutschen Einheit”, trotz seines administrativen Charakters, wichtiger als der Tag, an dem alles Darauffolgende erst ermöglicht wurde. Denn vor der Vollendung der Einheit stand ein viel zentraleres Gut: die Erringung der Freiheit.

Zugleich war dieser Montag der Tag des Aufbruchs in eine andere, demokratischere DDR, der ostdeutschen Befreiung von der Allmacht der SED-Diktatur und damit der Beginn einer originär ostdeutschen Bewegung in Richtung Demokratie, die, bis auf wenige Ausnahmen, von fast allen gewünscht wurde. Es ist diese emanzipatorische Leistung, die über allen – teils berechtigten – Klagen über die Fehler der Einheit stehen sollte.

Von der Bastille nach Leipzig

Was den Franzosen die Französische Revolution, die Erstürmung der Bastille ist, das sollte den Deutschen deshalb die friedliche Revolution, die Montagsdemonstration des 9. Oktober 1989 in Leipzig sein. Denn hier zog sich die Staatsmacht vor den Kameras und somit den Augen der Welt erstmals vor dem Volk zurück. Die Frage, wer legitim des Volkes Wille vertreten darf, beantworteten die Bürger mit dem Ruf “Wir sind das Volk” unumstößlich. Und noch wichtiger: unumkehrbar.

Mit dem Ruf “Wir sind das Volk” schufen sich die Ostdeutschen das Pendant zur Losung von “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” der Französischen Revolution. Was aber in Frankreich bis heute bedeutender Teil der politischen Kultur, des eigenen historischen Selbstverständnisses ist, erweckt im vereinten Deutschland meist nur noch resigniertes Achselzucken.

Und das, obwohl die Ostdeutschen auf lange Sicht mehr erreicht haben, als alle anderen deutschen Revolutionen zuvor: die friedliche Selbstbefreiung der DDR-Bevölkerung aus 56 Jahren Diktatur. Mehr noch, mit dem 9. Oktober 1989 lieferten die Montagsdemonstranten von Leipzig ihren Beitrag zur geglückten deutschen und europäischen Freiheits- und Demokratiegeschichte. Es ist zu hoffen, dass diese Nachricht irgendwann bei allen Deutschen – Ost wie West – ankommen mag und dass dieser Glückstag der Geschichte eine Würdigung als Feiertag aller Deutschen finden wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Thierse, Günter Grass, Karl-Heinz Paqué.

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