Ist Karl Marx ein toter Hund?

von Michael Lausberg28.10.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Marx‘ Krisentheorie bestätigt sich immer wieder im heutigen Kapitalismus. Die regelmäßig wiederkehrenden Krisen sind nach Marx ein Beleg für die Geschichtlichkeit des Kapitalismus, und zwar deshalb, weil Krisen im Kapitalismus anders sind als in früheren Produktionsweisen.

Nicht nur aufgrund sich nähernden 200ten Geburtsdatum wird über die Person Karl Marx und seine Lehre wieder in der Öffentlichkeit debattiert, gestritten und polemisiert, manchmal auch mit antisemitischem Unterton. Die fortschreitenden Ungerechtigkeiten der globalisierten Welt führen auch zu der Frage nach der aktuellen Gültigkeit seiner Lehre.

In diesem Zusammenhang ist auch die im Siedler-Verlag veröffentlichte Habilitationsschrift von Christina Morina „Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte“ zu sehen. Darin wirft die mit neuen Forschungsansätzen einen neuen Blick auf Marx und seine Wirkung und liefert einen neuen Beitrag zu seiner Rezeptionsgeschichte.

Christina Morina lehrte Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist seit 2015 DAAD Visiting Assistant Professor am Duitsland Institut der Universität Amsterdam.
Ihr Interesse am Marxismus als Forschungsgegenstand ist folgender: „Der Marxismus war die Inspirationsquelle für einige der mächtigsten, auch unheilvollsten politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Zugleich entwickelte er als Gesellschaftskritik und philosophische Weltanschauung eine Strahlkraft, die für manche bis heute noch nachwirkt. Die meisten der bisherigen Studien zum Marxismus waren mir entweder zu theorielastig oder zu parteiisch; es fehlte allenthalben an lebensweltlicher und damit erfahrungsgeschichtlicher Einbettung. Denn man muss sich doch fragen, warum sich dieses Mitte des 19. Jahrhunderts von Marx und Engels zusammengeschusterte Ideenpaket seither so nachhaltig unter sozial engagierten Intellektuellen und Bürgern verschiedenster Couleur und Herkunft verbreiten konnte. Ich wollte Marx‘ trotzig-selbstbewussten Anspruch, die Welt endlich so sehen zu können, wie sie „wirklich“ sei, auf den Grund gehen und habe dabei herausgefunden, dass die große Wirkkraft seines Denkens gerade auf diesem Gegenwartsversprechen – mehr noch als auf irgendeiner „kommunistischen“ Utopie – beruht.“

In ihrem Werk vertritt sie die These, dass die Entstehungsgeschichte des Marxismus „eine Geschichte vieler individueller Versuche“ sei „(…) mithilfe der Gedanken von Karl Marx die subjektive, kleine Gegenwart in eine objektive, große Zukunft zu transformieren.“ (S. 9) Dieses Buch handelt von der Aneignung und Weitergabe der Gedanken von Marx durch die erste Generation marxistischer Intellektueller.

Aus einer Perspektive, die Erfahrungs- und Ideengeschichte miteinander verbindet, untersucht sie die gruppenbiographisch die Lebensläufe von Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg, Viktor Adler, Jean Jaures, Jules Guesde, Georgi W. Plechanow, Wladimir I. Lenin und Peter B. Struve; alles Intellektuelle, die die „öffentliche Thematisierung der Sozialen Frage zu ihrem Lebensinhalt machten.“ (S. 10)

Über die „meist theorieimmanente oder diskursgeschichtliche“ Marxismus-Forschung hinaus zeichnet das Buch den Ursprung der marxistischen Weltanschauung erstmals aus einer erfahrungsgeschichtlichen Perspektive nach. (S. 12) Die drei Teile des Buches Sozialisation, Politisierung, Engagement gehen der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Welterfahrung und Weltanschauung in der frühen Marx-Aneignung nach. (S. 14)

Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass diese gruppenbiographische Untersuchung eine Gruppe von „sehr selbstbewussten, gebildeten, ehrgeizigen und mobilen Persönlichkeiten, denen das intellektuelle und praktische Eingreifen in das gesellschaftliche Leben zur selbstverständlichen Form, mithin zum Sinn ihres Lebens wurde“, zeige (S. 477) Die hier untersuchten Personen verstanden sich „als Söhne und Töchter des Jahrhunderts mit dem Auftrag, ja dem Recht zum Eingreifen in die Geschichte“. Es existierte ein „vergemeinschaftendes Gefühl, als Generation berufen zu sein, Geschichte zu machen.“ (Ebd.)

Sie avancierten mit ihrem Engagement für die Ideen von Karl Marx zu den Erfindern des Marxismus. Sie alle verband eine „nachhaltige emotionale und kognitive Befasstheit mit den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten ihrer Gegenwart.“ (S. 486) Ihre persönliche Identität wäre am stärksten an den Marxismus als Politikentwurf und Lebensform zugleich gebunden.
Mit den hier verwendeten Forschungsmethoden erschließt sie einen neuen Blick auf Marx und seine Wirkung und legt zugleich eine Ideengeschichte wichtiger sozialistischer Denker in Europa vor. Ihre Thesen tragen auf jeden Fall zu einer Verbreiterung der Diskussion bei, ganz gleich, wie jede einzelne Person über Marx und den Marxismus denkt.

Allerdings beantwortet Morina zwar die Frage, wie aus den untersuchten Protagonisten glühende Verfechter der Lehre von Karl Marx wurden und diese als Lebenssinn adaptierten, liefert jedoch keine Antworten darauf, warum und aus welchem Grunde anarchistische oder syndikalistischen Varianten von den Personen abgelehnt wurden. Mit der Einberufung der I. Internationale spätestens gab es nicht den einen Weg hin zum Sozialismus/Kommunismus, sondern für jeden/jede intellektuell(en) Akteur(in) verschiedene Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen.

Außerdem ist die Überschrift „Die Erfindung des Marxismus“ ein wenig zugespitzt und trifft nicht den Kern der Botschaft. Der Vergleich mit dem Rohbau eines Hauses wäre zutreffender gewesen oder der Begriff Ausprägung.

Nach 1945 gab sich immer wieder sowohl in der BRD als auch international führende Intellektuelle, die sich bestimmte Versatzstücke der Lehre von Marx aneigneten und auch weitertransportierten.

Einen großen Einfluss auf den philosophischen Diskurs übten die Philosophen der Frankfurter Schule mit der von ihnen entwickelten kritische Theorie der Gesellschaft aus: Max Horkheimer Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Herbert Marcuse. In ihrem zentralen Werk „Dialektik der Aufklärung“ (1947) legen Horkheimer und Adorno eine marxistisch-dialektische Analyse der Widersprüche nach dem Zweiten Weltkrieg vor. Geprägt durch die Erfahrungen von Nationalsozialismus und Stalinismus unterliege die kapitalistische Gesellschaft der Gegenwart technologischen und bürokratischen Zwängen. Kennzeichnend für den zeitgenössischen Kapitalismus sei die Vorherrschaft des rein technisch-zweckrationalen Denkens. Die meisten Vertreter der Frankfurter Schule übertrugen diese Kritik auch auf die Gesellschaft der UdSSR, weshalb sie Theorie und Praxis des Sowjetmarxismus ablehnten.

Jürgen Habermas führte die Theorie der Frankfurter Schule im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft fortführen. Er ist dem marxistischen Grundanliegen einer fortschreitenden Emanzipation des Menschen aus den Zwängen von Natur und Gesellschaft verpflichtet und unternimmt den Versuch, auf der Basis der Sozialwissenschaften, die bisher ungeklärten normativen Grundlagen gesellschaftlicher Prozesse herauszuarbeiten.

Ernst Bloch entwickelte auf dem Boden des dialektischen Materialismus eine Philosophie der Hoffnung. Hoffnungen beziehen sich als Reflexion des je „Noch-nicht-Bewussten“ auf das „Noch-nicht-Seiende“, auf die in der Welt verborgen liegenden Möglichkeiten zu einem besseren, humaneren Leben.

Der seit den 1980er Jahren verwendete Begriff Postmarxismus in einem weiteren Sinne bezeichnet eine Tendenz in der weitergeführten gesellschaftskritischen, in vielen Fällen auch innerhalb des Poststrukturalismus entstandene, Theorieentwicklung nach Marx, der sich u.a. Philosophen und Sozialwissenschaftler wie Hannah Arendt, Judith Butler, Cornelius Castoraidis, Ernesto Laclau, Chantel Mouffe und Jacques Ranciere zuordnen lassen.

In einem engeren Sinn bezeichnet Postmarxismus eine Position, die den traditionellen Marxismus hinter sich gelassen hat und dennoch dem Marx’schen Werk in bestimmten Punkten verbunden bleibt. Postmarxisten üben Kritik am marxistischen Reduktionismus und seinen Spielformen: ökonomischer Determinismus und Klassenkampf, dem hegel-marxistischen Totalitätskonzept wie auch dessen Revolutionstheorie. Die teleologische Vorstellung eines radikalen Bruchs und nicht einer prozesshaften Transformation, die Annahme eines (vorbestimmten) revolutionären Subjekts und die Ideen einer proletarischen Revolution zur Machtübernahme werden auf ihre Gefahren und Probleme hin hinterfragt, von manchen sogar ganz aufgegeben.

Morina antwortet auf die Frage, ob ein den gegenwärtigen Bedingungen angepasster Marxismus oder Form des Marxismus im Zeitalter der Globalisierung und der sozialen Ungerechtigkeit eine Zukunft hat:

„Nein. Anders als vielerorts behauptet denke ich nicht, dass Marx zutreffend voraussah, was uns in unserer heutigen globalen Gesellschaft an Konflikten und Nöten umtreibt. Er hat ein Wirtschaftssystem beschrieben, das sich seither vielerorts wesentlich verändert hat – nicht zuletzt durch die demokratischen Reformen, für die jene Bewegung eingetreten ist, die auch er zu beflügeln suchte: die Sozialdemokratie. Das scheint zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Und darüber hinaus wundere ich mich, warum wir uns das Heute durch die Brille einer 150 Jahre alten Sozialkritik erklären lassen, deren lebensweltlicher Referenzrahmen, politisches Vokabular und anmaßende Prognosen lange passé bzw. widerlegt sind. Als ob die Partizipations- und Emanzipationserfahrungen seither, die zumindest in der westlichen Welt einen beispiellosen Wohlstand erzeugt haben, nicht mehr viel wert sind und es den heutigen gesellschaftskritischen Analysen an Gültigkeit und Überzeugungskraft fehlt. Ich denke also nicht, dass wir den gegenwärtigen Herausforderungen mit der nostalgischen Aktualisierung irgendwelcher Ismen begegnen sollten. Nur eine sowohl historisch informierte als auch transkulturell perspektivierte Zeitkritik kann der komplexen Welt gerecht werden, in der wir heute leben.“

Dieses negative Urteil ist vor allem in Grundzügen seiner Lehre nicht differenziert genug.

Marx als Verfechter einer linearen teleologischen Geschichtsideologie und weitere absolut gesetzte Thesen (Revolutionstheorie, Vorstellung von Sozialismus bzw. Kommunismus, Avantgardefunktion einer Elite usw.) sowie die autoritäre und staatszentrierte Vorstellung und die seiner Nachfolger waren schon früher inakzeptabel und sind es auch heute noch.

Dennoch gibt es auch einige bleibende Verdienste des Philosophen aus Trier: Marx kommt der bleibende Verdienst zu, einer der fähigsten und dauerhaftesten Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu sein. Auch heute in der postsozialistischen Phase ist Marx in der Volkswirtschaftslehre immer noch einer der meistzitierten Ökonomen an westlichen Universitäten und Fachhochschulen. Marx war der erste Theoretiker, der die Dynamik des Kapitalismus richtig beschrieben hat. Er hat schon im 19. Jahrhundert diagnostiziert, dass ausgerechnet der Wettbewerb dazu führe, dass es am Ende keinen Wettbewerb mehr gebe, sondern wenige Unternehmen ihre Branchen beherrschten. Die Wirtschaft ist extrem konzentriert, was heute längst Realität ist. Ein Prozent der Firmen konzentrierten 68 Prozent des Umsatzes.

Marx‘ Krisentheorie bestätigt sich immer wieder im heutigen Kapitalismus. Die regelmäßig wiederkehrenden Krisen sind nach Marx ein Beleg für die Geschichtlichkeit des Kapitalismus, und zwar deshalb, weil Krisen im Kapitalismus anders sind als in früheren Produktionsweisen. Marx prognostizierte, dass die fallende Profitrate irgendwann den Punkt erreichen müsse, an dem die Rendite für die Unternehmer zu gering sei, als dass sie neue Investitionen wagen würden. An diesem Punkt komme es zu einem Investitionsstreik, der die Wirtschaft in eine Krise stürze, weil der unterlassene Kauf von Investitionsgütern die Hersteller dieser Güter ebenfalls veranlasse, weniger Vorprodukte zu kaufen und es somit zu einer alle Wirtschaftsbereiche umfassenden Kettenreaktion komme. Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate verknüpft also die Theorie des Wachstums bei steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals mit der Nachfragetheorie und wird damit zur Theorie einer endogenen Krise des kapitalistischen Systems.

Heute zeigen sich deutliche Anzeichen für langfristig fallende Kapitalrenditen. Die Zinsen sind schon seit Jahren auf tiefstem Niveau, und Teile der Welt, so Süd- und Westeuropa sowie Japan, sind von einer lang andauernden Krise erfasst, von der niemand weiß, wann und vor allem wie sie endgültig durchbrochen werden kann.

__Literatur: Christina Morina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte, Siedler Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-8275-0099-1__

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