Warum der Islam zu Deutschland gehört

von Michael Lausberg28.05.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Nicht „der Islam“ stellt eine Gefahr für die Gesellschaft dar, sondern die Ausgrenzung von mehr als vier Millionen Muslimen, die in den letzten Jahren verstärkt Opfer von rassistischen Attacken wurden und deren Moscheen eine Zielscheibe von Brandanschlägen darstellten.

Laut einer vom WDR in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage sind 60 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass „der Islam nicht zu Deutschland gehört“. Nur 34 Prozent vertreten die gegenteilige Auffassung. 76 Prozent der FDP-Anhänger finden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Bei den AfD-Anhängern sind es 94 Prozent. Die Skepsis steigt mit zunehmendem Alter. In der Gruppe der über 64-Jährigen widersprechen 71 Prozent dem Wulff-Zitat. Mehr als jeder Zweite hat laut der Umfrage Sorge, dass aufgrund der Flüchtlinge der Einfluss des Islams in Deutschland zu stark werde.

Im Jahr 2010, als der damalige Bundespräsident Christian Wulff in einer Rede sagte, „der Islam gehöre zu Deutschland“, hatte er eine Mehrheit hinter sich. Damals stimmten dieser Aussage noch 49 Prozent der Befragten zu. 47 Prozent lehnten diese Aussage damals ab.
72% der Befragten haben die Befürchtung, dass es in Deutschland einen terroristischen Anschlag geben wird. Das ist der höchste Wert, den Infratest dimap bei dieser Frage bislang gemessen hat.

Erneuter Anstieg von antimuslimischem Rassismus

Dieser erneute Anstieg des antimuslimischen Rassismus in der Bevölkerung ist auch das Ergebnis der langjährigen Hetze gegen einen monolithisch verstandenen Islam, die nicht nur bei rechten Parteien und Organisationen zu finden ist, sondern auch bei gesellschaftlichen Repräsentanten in Politik und Theologie.

Spätestens seit den Terroranschlägen am 11.9.20001, an dem deutsche Muslime als Täter mitbeteiligt waren, wird „der Islam“ in großen Bevölkerungsteilen der BRD als Bedrohung empfunden. In oft vereinfachender und hetzerischer Weise wird eine „Islamisierung“ als Bedrohung für die westlichen Einwanderungsgesellschaften konstruiert. Die Religionsgemeinschaft wird als monolithischer Block gesehen und mit den negativen Attributen militant, totalitär, antidemokratisch und frauenfeindlich versehen. Unterschiedliche Glaubensvorstellungen bei Sunniten, Schiiten, Alawiten usw. oder die Auffassung eines säkularen Islams fehlen häufig in der Debatte. Negative angebliche unveränderliche Merkmale werden in der Wissenschaft, in den Medien und auch von gesellschaftlichen Verantwortungsträgern transportiert. „Islam“, „Muslime“ und „Kopftuch“ sind Chiffren geworden, bei denen „Scharia“, „Ehrenmord“ und „Terrorismus“ gleich mitgedacht werden.

Rassismus richtet sich verstärkt gegen arabischem oder türkischem Migrationshintergrund

Dieser Rassismus richtet sich konkret gegen Menschen mit arabischem oder türkischem Migrationshintergrund und auch gegen jene, die aus einer weißen dominanten gesellschaftlichen Position heraus als solche wahrgenommen oder markiert werden. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, stellte 2014 resigniert fest: „Ob in der Schule oder im Arbeitsalltag, ständig müssen Muslime sich für die Taten von Terroristen rechtfertigen.“

Die ständige Wiederholung der These, die christlichen europäischen Gesellschaften müssten sich gegen einen immer als fundamentalistisch und monolithisch verstandenen Islam wehren, dient dazu, religiöse Konkurrenzangst zu nationalisieren und zu ethnisieren. Der Islam wird als existenzbedrohend für die deutsche Gesellschaft und ihre „nationale Identität“ dargestellt.
Das Bündnis „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) protestiert vor allem in Dresden mit mehreren zehntausend Teilnehmern in der Tradition der Montagsdemonstrationen gegen eine „Islamisierung Europas“. Die dort auch angesprochenen Themenbereiche „nationale Identität“ und „Asylmissbrauch“ sind eng mit dem Postulat gegen „Islamisierung“ verknüpft. Pegida transportiert einen antimuslimischen Rassismus, die Demonstrationen sind die größten rechten Aufmärsche seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Anti-Islam-Kurs der AfD

Die AfD hat auf ihrem Parteitag am 1.5.2016 in Stuttgart einen klaren Anti-Islam-Kurs beschlossen: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. (…) Ein orthodoxer Islam, der unsere Rechtsordnung nicht respektiert oder sogar bekämpft und einen Herrschaftsanspruch als alleingültige Religion erhebt, ist mit unserer Rechtsordnung und Kultur unvereinbar.“ Die AfD fordert den Verbot von Minaretten, den Ruf des Muezzins und jegliche Vollverschleierung.

Der Islam gehört zu Deutschland

Dabei gehört der Islam im pluralistisch verstandenen Sinne jedoch selbstverständlich zur BRD, weil hierzulande vier oder fünf Millionen Muslime leben. Allein schon die Fragestellung ist schon Ausdruck eines latenten antimuslimischen Rassismus. Der Islam gehört ebenso wie das Christentum, das Judentum, der Buddhismus, der Hinduismus und die russisch-orthodoxe Kirche zur BRD, weil praktizierende Mitglieder dieser Religionsgemeinschaften hier dauerhaft leben. Die Werte und Grundzüge des Zusammenlebens orientieren sich am Grundgesetz und am solidarischen toleranten Miteinander. Das Grundgesetz unterscheidet nicht nach Religionen, es gilt sowohl für Atheisten, Agnostiker als auch Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften. Es ist auch nirgendwo gesetzlich festgelegt, dass das Christentum die führende Rolle innerhalb der Religionsgemeinschaften beanspruchen darf. Im Gegenteil, das Grundgesetz geht von einem Pluralismus der Religionen aus.

Ein Blick in die Geschichte des Islams in Deutschland zeigt, dass das Zusammenleben zwischen deutschen Muslimen und der autochthonen Mehrheitsbevölkerung auf der Basis von gegenseitigem Respekt und religiöser Toleranz in weiten Teilen als gelungen bezeichnet werden kann. Seit dem 18. Jahrhundert kann von einem islamischen Leben auf dem Gebiet Deutschlands gesprochen werden.
Heute leben schätzungsweise über 4 Millionen Muslime in Deutschland, das entspricht etwa 5 Prozent der Bevölkerung. Sunitische, schiitische und alewitische Anschauungen des Islams sind dort am verbreitetsten. Durch die Aufnahme von Flüchtlingen dürfte sich die Zahl noch etwas erhöhen.

Pauschalisierte negative Ansichten im Sinne einer Bedrohung für die autochthone Mehrheitsgesellschaft sind gegenüber Flüchtlingen, nur weil viele Muslime darunter fallen, fehl am Platz. Migrationsbewegungen aus muslimischen Ländern in westliche Welt und umgekehrt verbunden mit einem gegenseitigen Austausch gab es schon immer. In der Zeit der Globalisierung ist der homo migrans Normalität geworden. Auch in Zukunft wird Migration ein alltäglicher Prozess sein; künstliche Grenzen in der „Festung Europa“ können keine dauerhafte Lösung darstellen. Im Augenblick geht es darum, allen Flüchtlingen, natürlich auch den Muslimen unter ihnen, vorurteilsfrei zu helfen und sie in die längst bestehende interkulturelle Gesellschaft in der BRD zu integrieren.

Religionsfreiheit ist hohes Gut

Mit der Feststellung, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, werden mehr als vier Millionen Muslime in diesem Land diskriminiert und an den Rand gedrängt, was eine Gefahr für das interkulturelle und interreligiöse Zusammenleben in der BRD darstellt. Religionsfreiheit ist in der BRD ein hohes Gut, eine Religionsgemeinschaft per se unter Generalverdacht des Terrorismus zu stellen und zu stigmatisieren, widerspricht der pluralistischen Sichtweise einer modernen Gesellschaft. Nicht „der Islam“ stellt eine Gefahr für die Gesellschaft dar, sondern die Ausgrenzung von mehr als vier Millionen Muslimen, die in den letzten Jahren verstärkt Opfer von rassistischen Attacken wurden und deren Moscheen eine Zielscheibe von Brandanschlägen darstellten. Die Herstellung pauschalisierender Bilder und Stereotype über „den Islam“ und über Muslime widerspricht einem rechtlichen Diktum, wonach die Zubilligung gleicher Rechte für alle Religionsgemeinschaften in der BRD vorausgesetzt wird.

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