Fiskus Maximus

von Michael Hudson23.05.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Selbst das römische Imperium ist an Schulden zugrunde gegangen. Im Interesse der Gesellschaft muss das Kreditwesen verstaatlicht werden.

Schulden sind ein wesentliches Merkmal jeder Gesellschaft. Der Umgang mit ihnen hat sich aber im Laufe der Menschheitsgeschichte stark gewandelt. In der Bronzezeit (um 3.000 v. Chr.) wurden die meisten Kredite von halb-öffentlichen Institutionen vergeben – und regelmäßig wieder erlassen. Nach Besteigung des Throns war es für Herrscher in Sumer und Babylonien beispielsweise üblich, „reinen Tisch zu machen“ und ihre ­Regierungszeit mit einer schuldenfreien Gesellschaft zu beginnen.

Schuldner wurden aus der Abhängigkeit befreit, und Kreditgeber mussten als Pfand kassierte Ländereien wieder abtreten. Nach einer schlechten Ernte oder wenn Bauern in Kriegszeiten keine Steuern bezahlen konnten, wurden Privatschulden ebenfalls erlassen. Es war in der Antike sogar gängige Praxis, Städte mit dem Versprechen zu erobern (bzw. zu verteidigen), dass dem Teil der Bevölkerung die Schulden erlassen werden, der sich für die „richtige“ Seite entschied.

Die Expansion des Römischen Reiches im Mittelmeerraum hatte jedoch einen gegenteiligen Effekt. Ganze Landstriche wurden in die Abhängigkeit getrieben – und früher oder später kollabierte die lokale Wirtschaft. In Westeuropa hielt die Leibeigenschaft Einzug, und im folgenden „Dunklen Zeitalter“ wurde das Erheben von Zinsen selbst auf gewerbliche Kredite vom Christentum verboten. Erst nach der Plünderung Konstantinopels wurde diese Doktrin aufgeweicht, und eine Wiederbelebung des europäischen Kredit- und Handelswesens setzte ein. Ordensverbände wie die Templer und die Johanniter waren federführend bei der Entwicklung des Bankwesens und vergaben Kredite unter anderem an Könige, die damit ihre Kriege finanzierten. Die Idee der Staatsschulden war geboren, das Kreditwesen wurde zunehmend privatisiert.

Im 19. Jahrhundert wuchs mit der industriellen Revolution die Hoffnung, die Wirtschaft durch vermögensfinanzierte Investitionen anzukurbeln. Damit ging die Ära der Familienbetriebe im Privatbesitz zu Ende; Deutschland und Zentraleuropa übernahmen dank starker staatlicher Unterstützung eine Führungsrolle bei der Industrialisierung des Kreditwesens.

Die Finanzwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte funktioniert jedoch anders. Banken vergeben Kredite heute vor allem für bereits vorhandene Vermögenswerte und nicht, um neue Produktionsmittel zu finanzieren. Ungefähr 80 Prozent der Bankkredite sind Darlehen auf Immobilien. Dadurch steigt die Schuldenlast auf Wohnungen, Grundeigentum, Unternehmen und den öffentlichen Sektor.

Die Konsequenz ist, dass Mieten, Unternehmensgewinne und auch Steuereinnahmen vermehrt dazu verwendet werden, Zinszahlungen zu bedienen. Banken verleihen diese Einnahmen dann wiederum, sorgen für weitere Zinslast und saugen noch mehr Gewinne auf. Neues Vermögen wird durch diese Form der Finanzinvestitionen nicht geschaffen.

Die neuen Leibeigenen

Können Schulden nicht mehr bezahlt werden, folgt die Kündigung der Hypothek oder die Privatisierung von Staatsbetrieben. Gläubiger fordern dieses Spardiktat selbst ein, um daraus Profit zu ziehen. Verhindert werden dadurch jedoch Investitionen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Lettland, Griechenland, Spanien und jetzt auch Großbritannien folgen dem Muster der Länder ­Lateinamerikas und der Dritten Welt, die sich in den 1970er- und 1980er-Jahren den IWF-Sparplänen unterordnen mussten. Damit lebt Leibeigenschaft durch Verschuldung wieder auf. Die sich herausbildende Finanzoligarchie ist das heutige Gegenstück zu Europas Landaristokratie.

Um ihre steigende Macht zu verteidigen und anderen wirtschaftlichen Sektoren Sparpläne aufzuerlegen, bemühen sich Bankstrategen, eine Regulierung der Märkte durch die Politik zu verhindern. Das Abschreiben von Schulden soll genauso unterbunden werden wie die Rückzahlung von Schulden, bei der das Grundeigentum und der Lebensunterhalt des Schuldners unangetastet bleiben. Vor allem das oberste Prozent der Gesellschaft profitiert bislang von dieser Schuldenrückzahlung – und hält die restlichen 99 Prozent damit in einem permanenten Abhängigkeitsverhältnis.

Doch es gibt eine Alternative. Kreditwesen und Finanzen können verstaatlicht werden, das macht sie wieder zum Gemeingut. Es ist sinnvoll, Kreditwesen, Kreditkarten und die Verwaltung von Ersparnissen in ihrem Nutzwert gleichzustellen mit Energie und Benzin, Straßen und Gleisen, Altersrenten, dem Gesundheitssystem und Bildung.

Die Lösung liegt in der Abschreibung von Schulden

Die Wirtschaft des Alten Roms ging letztendlich an Schulden zugrunde. Um diese Dynamik zu vermeiden, sollten die Wirtschaften der westlichen Welt wieder jene Spur aufnehmen, die sie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ­bereits verfolgt haben – zu einer Zeit, die in den USA als „progressive era“ in Erinnerung ­geblieben ist. Ziel war es damals, das Kreditwesen wieder in den öffentlichen Bereich einzugliedern und Kredite im langfristigen Interesse der Gesellschaft zu steuern.

Wie in der Antike liegt auch heute die einzige Lösung zur Vermeidung von Sparpolitik und Deflation in der Abschreiben von Schulden. Der erfolgreichste moderne Schuldenerlass wurde 1947 mit der westdeutschen Währungsreform umgesetzt, mit der ein Grundstein für das Wirtschaftswunder gelegt wurde. Eine ähnliche Politik wird teilweise in China verfolgt, dessen Zentralbank die Kosten einer selektiven Abschreibung auffangen kann.

Eine Schuldenabschreibung zur heutigen Zeit würde den großen historischen Kreis schließen, der mit der zivilisatorischen und wirtschaftlichen Entwicklung und der Gründung der ersten kommerziellen Unternehmen vor 5.000 Jahren seinen Anfang nahm.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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