Ukrainekrieg und Covid verändern die Weltwirtschaft stärker als gedacht | The European

Die schlechten Megatrends heißen Blockbildung, Deglobalisierung und Inflation

Michael Heise23.06.2022Medien, Politik

Der Ukrainekrieg ist nicht nur eine humanitäre Tragödie und geopolitische Zäsur. Er verändert auch die Weltwirtschaft. Neue Muster der Arbeitsteilung bilden sich heraus, für international tätige Unternehmen und Kapitalanleger sind die politischen Risiken erheblich gestiegen. Von Michael Heise

Unsere Wirtschaft muss nachhaltiger werden,

Quelle: Shutterstock

Die weltweite Wirtschaftsentwicklung wird durch den Ukrainekrieg in mehrfacher Weise belastet. Die Volkswirtschaften, die noch mit den Folgen der Corona-Krise beschäftigt sind und unter erheblichen Versorgungsproblemen aufgrund weitreichender Lockdowns in China leiden, müssen zusätzliche Belastungen durch die drastische Verteuerung von Energieträgern und anderen wichtigen Rohstoffen im Zusammenhang mit dem Krieg verkraften.

Die Knappheit von Agrarprodukten und Düngemitteln bedeutet existenzielle Probleme insbesondere für ärmere Länder und die Zuwanderungen von Millionen von Flüchtlingen in die Anrainerstaaten der Ukraine und westeuropäische Länder ist eine Herausforderung für die Politik. Die steigenden Energiepreise und kriegsbedingte Störungen der Lieferketten haben die ohnehin steigende Inflation weltweit weiter angeheizt und die Zentralbanken zu Gegenreaktion und einer deutlichen Zinswende veranlasst. Das Risiko ist deutlich einer Rezession ist deutlich gestiegen. Unabhängig davon, zeichnen sich durch den Krieg jedoch schon einige langfristige Verschiebungen ab, die die Weltwirtschaft strukturell und nachhaltig verändern werden.

Zeitenwende in der Verteidigungs- und Energiepolitik

Eine erste nachhaltige Wirkung besteht darin, dass der Ukrainekrieg, der ja im Grunde schon in 2014 mit der Annexion der Krim durch Russland und den anhaltenden Gefechten in der Donbass-Region begonnen hatte, die sogenannte Friedensdividende vergangener Jahrzehnte endgültig zur Geschichte gemacht hat. Die Invasion Russlands hat nicht nur in Deutschland, sondern in zahlreichen Nato-Ländern erhebliche zusätzliche Anstrengungen zur militärischen und technologischen Aufrüstung ausgelöst. Das bedeutet, dass weniger Ressourcen etwa für staatliche Infrastrukturmaßnahmen oder Sozialsysteme zur Verfügung stehen. In China und in Russland ist ebenfalls mit zunehmenden Militärausgaben zu rechnen. Russland wird nicht nur seine durch den Krieg dezimierten militärischen Kapazitäten ersetzen wollen, sondern vor der Herausforderung stehen, unter sehr schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen mit erheblichen Einbußen im Energie- und Rohstoffgeschäft im neuen Wettlauf der Militärmächte mitzuhalten. Gerade für Russland mit seinem niedrigen Pro-Kopf-Einkommen, schränken steigende Militärausgaben die Fähigkeiten besonders stark ein, durch den Ausbau der Infrastruktur, des Bildungs- und Gesundheitswesens oder anderer Sozialsysteme die volkswirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen (Schaubild: Militärbudgets)

Unmittelbare Folgen hat der Ukrainekrieg auch für die weltweiten Energiemärkte. Um von Russland unabhängig zu werden, werden zahlreiche Länder vor allem in Europa den Ausbau erneuerbarer Energien forcieren und neue Bezugsquellen für fossile Brennstoffe erschließen. In Bezug auf den Rohstoff Öl gehören „sichere“ Länder wie die USA und Kanada zu den großen Produzenten und Exporteuren, aber wir in Europa werden auch mehr fossile Brennstoffe von Ländern beziehen müssen, deren Gesellschaftsordnungen unseren Werten nicht entsprechen. Hoffnungen werden darauf gesetzt, dass Ländern mit großen Reserven wie Iran und Venezuela wieder größere Beiträge leisten können, wenn es gelingt, Verhandlungsfortschritte zu erzielen und die geltenden Sanktionen zu lockern. Bei Erdgas sind hinter Russland und Qatar, die USA und Norwegen die bedeutendsten Exporteure. Der größte Anteil von LNG-Exporten kommt aus Australien und Qatar. Die Substitution russischer Energierohstoffe durch andere Anbieter macht es für Russland erforderlich, zusätzlichen Absatz in befreundeten oder blockfreien Staaten wie China und Indien zu suchen. Dafür werden schon heute große Preisnachlässe gemacht, wie an der teilweise sehr großen Preisdifferenz zwischen russischem Ural-Öl und der westlichen Ölsorte Brent zu sehen ist. Und für Gaslieferungen etwa nach China muss die Infrastruktur erst noch ausgebaut werden, was beide Länder auch konkret beabsichtigen. Für Russland wird die Neuorientierung der Energiepolitik westlicher Absatzmärkte also schwerwiegende Folgen haben. Und die westlichen Länder müssen sich auf eine längere Phase hoher Energiekosten einrichten.
Auch jenseits des Energiehandels werden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und den OECD-Ländern zumindest im derzeitigen politischen Regime wohl für geraume Zeit auf Eis gelegt werden. Russland hat sich durch den Angriff auf die Ukraine von der westlichen Wirtschaft weitgehend isoliert und drastische wirtschaftliche Sanktionen des Westens ausgelöst. Westliche Unternehmen haben sich auf breiter Front aus Russland zurückgezogen und dürften in absehbarer Zeit kaum zurückkehren.

Währungen als Waffe der Sanktionen

Die weitreichenden Sanktionen gegenüber Russland betreffen nicht nur Handelsverbote im Technologiebereich, Einreisebeschränkungen und das Einfrieren von Vermögenswerten, sondern auch den weitgehenden Ausschluss russischer Finanzinstitute vom Nachrichtendienst des weltweiten Zahlungsverbunds (Swift). Durch die Einbeziehung der Zentralbank in die Sanktionen kann Russland einen großen Teil seiner Währungsreserven nicht für Importe oder Investitionen mit Geschäftspartnern aus den OECD-Ländern mobilisieren. Das Einfrieren von Währungsreserven einer Notenbank, die auch als eine Vorsichtskasse für Notfälle vorgehalten werden, ist ein schwerer Schlag für das betroffene Land und löst Gegenreaktionen aus.

Eine Gegenreaktion Russlands war die Forderung nach Bezahlung von Energielieferungen in Rubel. Zusammen mit weitreichenden Kapitalverkehrskontrollen und einem rekordverdächtigen Anstieg des russischen Leistungsbilanzüberschusses, hat diese Aktion hat den Wert der Währung stabilisiert. Zudem ist die russische Zentralbank dabei, vom US Dollar loszukommen und die Reserven stärker zu diversifizieren. Ende 2014, dem Jahr der Krim-Annexion, lag der USD-Anteil an den gesamten Devisenreserven Russlands bei knapp 45 %. Ende 2021 ist er auf 10,9 % gesunken, wie man einer aktuellen Rede der russischen Zentralbankpräsidentin entnehmen konnte. Der Anteil von Euro-denominierten Reserven ist seit 2014 nur leicht gesunken und liegt über dem Dollar-Anteil. Deutlich gestiegen sind dagegen die in Gold und in chinesischen Yuan (CNY) gehaltenen Währungsreserven. Der Anteil von Yuan belief sich Mitte 2021 auf gut 17 %, nachdem erst Ende 2015 mit dem Aufbau von Positionen in der chinesischen Währung begonnen wurde. Möglicherweise war das Risiko der Sanktionierung erwartet worden (Schaubild: Devisenreserven Russlands).

Die Finanzsanktionen gegenüber Russland haben auch in China Aktivitäten ausgelöst, das seit Jahren versucht, die Dominanz des US Dollar an den Weltfinanzmärkten zu reduzieren. Die Zentralbank Chinas verfügt über die weltweit höchsten Währungsreserven im Wert von rund 3,4 Billionen Dollar und sie dürfte einen großen Teil davon in US Dollar halten. Um diese Reserven abzusichern und währungspolitisch unabhängiger zu werden, könnte die chinesische Regierung ein ganzes Bündel an Maßnahmen in Betracht ziehen: Verbreitung des Renminbi im internationalen Zahlungsverkehr etwa als Rechnungswährung im Energiehandel, Fortentwicklung der digitalen Version des Yuan durch die Zentralbank, Ausbau des eigenen internationalen Zahlungsverkehrssystems (CIPS), das bislang nur für Yuan-Zahlungen konzipiert ist und Umschichtung der Devisenreserven zulasten der Währungen, die im Falle einer „westlichen“ Sanktion eingefroren werden könnten. Eine weitere Konsequenz könnte es sein, dass China den Bestand an Devisenreserven durch reale Investitionen etwa in Infrastruktur oder Rohstoffvorkommen in anderen Schwellenländern tatsächlich abbaut.

Der US-Dollar wird durch diese Aktivitäten seine Rolle als weltweit dominierende Währung nicht verlieren, aber es ist mit einer stärkeren Fragmentierung der Finanzmärkte und einem Rückgang der Finanztransaktionen in US-Dollar im Einflussgebiet Chinas zu rechnen. Um eine weit verbreitete Weltwährung zu werden, müsste der chinesische Yuan vollständig konvertierbar werden, eine Maßnahme, die die chinesische Regierung bisher vermieden hat, um einen Kontrollverlust und eine hohe Volatilität der Geldströme in ihrem System zu vermeiden.

Die „Deglobalisierung“ setzt sich fort

Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs dürften den seit der großen Finanzkrise 2008 zu beobachtenden Trend zur “Deglobalisierung” verstärken. Seit vielen Jahren hält der Welthandel kaum noch mit dem Wachstum der Weltproduktion Schritt. Die Boomzeiten des internationalen Handels der vergangenen Jahrzehnte scheinen vorbei zu sein. Auch die globalen Direktinvestitionen und ausländischen Vorleistungen in die Produktion der größten Volkswirtschaften entwickeln sich langsamer. Handelskonflikte mit höheren Zöllen und anderen Handelshemmnissen haben die Entwicklung in einigen Jahren ebenso gebremst wie eine geringere gesellschaftspolitische Akzeptanz der Globalisierung. Nicht zuletzt hat auch eine stärkere Binnenmarktorientierung in China eine Rolle gespielt. China hat die vertikale Integration seiner Wirtschaft – die Fertigungstiefe – im Laufe der Jahre deutlich erhöht, um eine größere Unabhängigkeit vom Ausland zu erreichen.

Für international tätige Unternehmen haben die Auswirkungen der COVID-Pandemie und des Ukraine Kriegs gezeigt, wie verletzlich und störanfällig die komplexen weltweiten Lieferketten geworden sind. Um die Abhängigkeit von Importen aus einzelnen Ländern und von einzelnen Anbietern zu reduzieren, können eine Verbreiterung von Bezugsquellen für Rohstoffe und Zwischenprodukte und alternative Produktionsstandorte in Frage kommen. Auch höhere Lagerhaltung wird von vielen Unternehmen erwogen.

Für die deutschen Wirtschaft sind die Beziehungen zu China von besonderer Bedeutung. China steht für viele deutsche Traditionsbranchen, wie etwa den Automobilbau, an der Spitze der Absatzmärkte und ist ein bedeutender Investitionsstandort. Aus China werden seltene Erden, Rohstoffe und elektronische Bauteile geliefert, die in viele Branchen, etwa für erneuerbare Technologien, gebraucht werden. Viele Unternehmen fragen sich derzeit allerdings, ob sie ihre China-Strategien überdenken müssen. So planen einer jüngeren Umfrage des ifo Instituts zufolge weitaus mehr deutsche Unternehmen, Ihre Importe aus China zurückzufahren als sie zu erhöhen.

Schon vor dieser Krise haben die drastischen Eingriffe der chinesischen Politik etwa im Technologie-, Bildungs- und Immobiliensektor und die verschärften Überwachungsverfahren für große Verunsicherung gesorgt. Es besteht der Eindruck, dass China anders als das früher der Fall war, seine politischen Ziele ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Folgen verfolgt, ein Eindruck, der durch das kompromisslose Kasernierung von Millionen von Menschen im Rahmen der Pandemiebekämpfung bestärkt hat.

Die Beziehungen zwischen China und Russland werden intensiver

Für Unsicherheit sorgt auch das Szenario einer viel engeren Zusammenarbeit zwischen Russland und China. Mit dem Einmarsch in die Ukraine hat sich Russland unter seiner derzeitigen Regierung selbst als vertrauenswürdiger Partner der Gemeinschaft demokratischer Länder ausgeschlossen. Diese selbstverschuldete Isolation wird das Land zwingen, stärker mit China und anderen russlandfreundlichen Staaten zusammenzuarbeiten, und sei es nur, um sein Öl und Gas zu verkaufen. China wird davon profitieren, da es seinen enormen Bedarf an natürlichen Ressourcen zu sehr günstigen Preisen decken kann. Auch im technologischen Bereich wird Russland wahrscheinlich für einige Zeit von westlichen Lieferungen ausgeschlossen sein und Partnerschaften mit China suchen. Und auch wenn die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Russland und China eher gering sind, treffen sich beide in ihrer Ablehnung der Vereinigten Staaten von Amerika als unipolare Weltmacht. Das Szenario eines von China geführten östlichen Machtblocks mit Russland ist daher nicht einfach von der Hand zu weisen.

Es liegt im Wesentlichen an China, wie eng die partnerschaftliche Beziehung zu Russland und von Russland abhängigen Staaten gestaltet wird und ob das zu Lasten der Beziehungen zum Westen und der OECD-Länder geht. Ökonomisch wäre es für China, das in besonderer Weise von der Globalisierung profitiert hat und in großem Umfang die Nachfrage der entwickelten Länder bedient, äußerst wichtig, diese Märkte für die eigenen Unternehmen offen zu halten und eventuelle Handelskriege und Sekundärsanktionen des Westens wegen der russischen Invasion der Ukraine zu vermeiden. Der Umsatz im Warenhandel Chinas mit den fortgeschrittenen Volkswirtschaften (Exporte plus Importe) ist fast 25mal so bedeutsam wie der Handel mit Russland. Günstige Energie- und Rohstoffimporte könnten den Verlust von Absatzmärkten in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften (fast 62% der chinesischen Warenexporte gehen in diese Ländergruppe) bei weitem nicht kompensieren. Allein aus diesen Gründen wird China wohl kaum eine abrupte Politikänderung vollziehen, sondern, wie es für das Land typisch ist, graduell und langfristig die Zusammenarbeit mit Russland und anderen Ländern der Region verstärken und damit Abhängigkeiten schaffen. Die Verbrüderungsgesten gegenüber Russland deuten darauf hin, dass gewisse wirtschaftliche Risiken und Kosten durch Gegenreaktionen der westlichen Länder durchaus in Kauf genommen werden. Dabei könnte es auch der (irrige) Glaube von der Überlegenheit autokratischer und diktatorischer Systeme sein, der Russland und China weiter zusammenschweißt.

Eine Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und China ist nichts Neues. Anfang des Jahrhunderts war die Bundesrepublik Deutschland der bei weitem wichtigste Handelspartner Russlands, die über 13 % seiner Importe lieferte. China spielte damals als Lieferant für Russland praktisch keine Rolle. Inzwischen ist China der mit Abstand wichtigste Handelspartner Chinas. Im Jahr 2020 kamen rund ein Viertel der Importe Russlands aus China, der Anteil dürfte in 2021 und vor allem nach der Invasion der Ukraine sprunghaft angestiegen sein. Deutschlands Export nach Russland geht dagegen seit langem tendenziell zurück und ist nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine kollabiert. So ist der Export im März 2022 gegenüber dem Februar um 60 % auf rund eine Milliarde gefallen. Zum Vergleich: Nach Polen wurden im März Waren in Höhe von rund 8 Milliarden Euro geliefert.

Eine Fragmentierung der Weltwirtschaft schadet allen

Eine zunehmende Spaltung der Weltwirtschaft in einen von China dominierten Machtblock auf der einen Seite und dem von den USA geführten Bündnis des Westens auf der anderen Seite hätte nicht nur gravierende sicherheitspolitische Folgen, sondern auch nachteilige ökonomische Konsequenzen. Handel und Kapitalverkehr würden weniger global, sondern stärker regional ausgerichtet und in zunehmendem Maße geostrategischen Kriterien folgen. Die Zusammenarbeit der Länder in Technologie und Wissenschaft würde weiter reduziert, ebenso die Kooperation in klimapolitischen, umweltpolitischen und entwicklungspolitischen Fragen. Die Finanzmärkte würden stärker segmentiert und es würden sich wohl separate Zahlungsverkehrssysteme entwickeln. Die Rolle des US-Dollar und des Euro würden zurückgehen, der chinesische Yuan wohl an Bedeutung gewinnen. Organisationen wie die Welthandelsorganisation, die Weltbank und der internationale Währungsfonds würden als globale Regelsetzer an Bedeutung verlieren und sich neu aufstellen müssen. Der Grundsatz einer regelgebundenen globalen Wirtschaftsordnung würde gegenüber der Macht des Stärkeren geschwächt.

Eine solche Entwicklung wäre dem globalen Wachstum und der Armutsbekämpfung abträglich. Das Szenario hat keine wirklichen Gewinner. Für Russland ist kaum vorstellbar, wie es ohne Zugang zu westlichen Märkten und Technologien den derzeitigen Abschwung überwinden und seine Wirtschaft langfristig modernisieren könnte, es sei denn, es würde sich dem chinesischen Einfluss massiv beugen. In dieser Hinsicht könnte China ein Gewinner der politischen Macht sein und sich billige Rohstofflieferungen sichern. Aber der Verzicht auf den Zugang zu wichtigen Märkten und ein deutlicher Rückgang ausländischer Direktinvestitionen würde die Wirtschaft des Landes schwer treffen.

Ein Szenario der konfrontativen Blockbildung und Deglobalisierung würde auch den entwickelten Volkswirtschaften schaden. Für Deutschland mit seiner hohen Exportabhängigkeit und einem Exportanteil von rund 45 % wäre die Situation katastrophal. Obwohl Deutschlands Haupthandelspartner die europäischen Länder sind, wurde das Wachstum in den letzten Jahren vor allem von der Entwicklung in China getragen. Als Standort für Direktinvestitionen sowie Forschung und Entwicklung sind die USA zwar deutlich größer, aber die Bedeutung Chinas hat dennoch sehr stark zugenommen. Auch weniger offene Volkswirtschaften wie die USA würden von einer Deglobalisierung nicht profitieren. Im Gegenteil: Die Verbraucher müssten für zahlreiche Konsumgüter deutlich höhere Preise zahlen. Da die US-Wirtschaft voll ausgelastet ist und Arbeitskräfte sehr knapp sind, könnten Substitute für Importe aus Fernost nur zu deutlich höheren Kosten produziert werden.

Die Krise kann auch eine Chance sein

Die Frage ist, wie man der Fragmentierung und Blockbildung in der Weltwirtschaft entgegenwirken kann. Vor allem ist es wichtig, den Zusammenhalt freier und demokratischer Staaten zu erhalten. China hat viel zu verlieren, wenn es eine zunehmende Isolierung von den Industrieländern in Kauf nimmt, um ein östliches Machtbündnis unter Einbeziehung Russlands anzuführen. Das Ziel, die stärkste Weltwirtschaft zu werden, wird mit stark eingeschränkten Investitions- und Handelsbeziehungen zu den wichtigsten Märkten der Welt kaum zu erreichen sein. Dies gilt umso mehr, als China am Beginn eines großen langfristigen demografischen Wandels steht und sich daher nicht allein auf seine Binnenwirtschaft verlassen kann.

Man sollte sich jedoch nicht der Illusion hingeben, dass Sanktionen allein eine politische Kooperation Chinas oder anderer Länder bewirken können. In der Vergangenheit haben sich westliche Sanktionen oft als “Dauersanktionen” mit zweifelhaftem politischen Erfolg erwiesen. Selbst die massiven Sanktionen gegen Russland haben zu keinem erkennbaren Einlenken Putins geführt, und auch im Iran sind nach Jahren der Sanktionen keine politischen Erfolge zu erkennen. Sanktionen führen oft zu einer noch stärkeren Identifikation der Bevölkerung mit der eigenen Regierung und verfestigen falsche Narrative und Feindbilder in der Bevölkerung. So ist in China die Ansicht verbreitet, dass die westliche Allianz unter Führung der USA versucht, den Aufstieg des Landes zu verhindern und seine Entwicklung aufzuhalten. In Russland wird der Krieg in der Ukraine als Verteidigung gegen die NATO-Aggression dargestellt, und viele Menschen scheinen das zu glauben. Auch andere Schwellenländer sind vor solchen Geschichten nicht gefeit, und viele von ihnen haben sich im Ukraine-Konflikt nicht auf die Seite des Westens gegen Russland gestellt.

Um die globale Zusammenarbeit zu fördern und das auf Regeln basierende internationale System weiterzuentwickeln, ist es nötig, dass die politischen Entscheidungsträger – etwa in der G7, der G20, der WTO und anderen internationalen Institutionen – alles unternehmen , um die Wahrscheinlichkeit einer antagonistischen Blockbildung zu reduzieren und den Multilateralismus zu verteidigen, die in Bereichen wie Handel und Umweltschutz so extrem wichtig ist.

Die entwickelten Länder sollten überdies alles tun, um ärmere Länder zu unterstützen, die durch die Ukrainekrise Schaden nehmen, weil sie sich teure Energie- und Lebensmittelimporte nicht mehr leisten können. Es sollte verhindert werden, dass am Ende Russland oder China diesen Ländern als Retter in der Not zur Seite stehen und die Sanktionen des Westens für die Misere verantwortlich machen. Die OECD-Länder sollten ihre Aktivitäten zugunsten der Entwicklung in Schwellen- und Entwicklungsländern bündeln, um den Nutzen für die betroffenen Länder zu stärken.

Fazit und Ausblick

Die Weltwirtschaft ist durch die Covid-Pandemie und den Ukrainekrieg Russlands in einem Umbruch. Weniger Globalisierung, mehr regionale Integration von Handel und Kapitalverkehr. Für international tätige Unternehmen und die Kapitalanleger sind die politischen Risiken erheblich gestiegen. Direktinvestitionen und technologisches Knowhow dürften aus Ländern verlagert werden, in denen die politischen Rahmenbedingungen unkalkulierbar sind. Bezugsquellen für Rohstoffe und Zwischenprodukte werden diversifiziert. Die globale Produktivitäts- und Wachstumsdynamik wird das eher dämpfen.

Für das Entstehen einer neuen wohlstandswahrenden Weltordnung bedarf es vor allem politischer Verhandlungen und akzeptierter Regeln, die einen Interessenausgleich zum Ziel haben. Ein fortgesetzter Wirtschaftskrieg wird nicht das erwünschte Resultat bringen. Auch wenn maximale Sanktionen gegenüber Russland derzeit alternativlos erscheinen, liegt es nicht im Interesse des Westens und der demokratischen Weltgemeinschaft, die Beziehungen zu Russland quasi für immer aufzukündigen und dadurch immer stärker einen chinesischen Machtblock zu fördern. Worauf es ankommt, ist eine schnelle Beendigung des Ukrainekriegs und eine gemeinsame Anstrengung, um globale Regeln im Interesse aller weiterzuentwickeln und ein Ende des Multilateralismus zu verhindern.

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