Karitative Arbeit ist Mist

von Michael Hartmann25.03.2010Innenpolitik, Wirtschaft

Den Menschen macht zufrieden, wenn er von seiner Arbeit leben kann. Karitative Jobs für Hartz-IV-Empfänger bewirken das Gegenteil, denn sie erleben, wie groß der Graben zwischen ihnen und Normalverdienern ist.

Arbeit ist der Kern einer Gesellschaft. Ich habe noch gut in Erinnerung, wie vor 30 Jahren in der Soziologie große Diskussionen über das Ende der Arbeitsgesellschaft geführt wurden. Diese Diskussion fand ich schon damals unsinnig, denn Arbeit konstituiert eine Gesellschaft. Und die Art, wie gearbeitet wird, wirkt sich maßgeblich auf alle anderen Bereiche aus. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Sollte sich die Befristung von Arbeitsverträgen weiter durchsetzen, bedeutet das für die Lebensplanung einer gesamten Generation eine enorme Erhöhung der Unsicherheit. Menschen um die 30 müssen unter diesen Bedingungen häufig von Stadt zu Stadt ziehen. So lässt sich weder eine Familie gründen, noch kann man sich langfristig niederlassen. Und: Arbeit ist konstitutiv auch für das, was man in der Freizeit macht. Wenn Sie überprüfen, welcher Faktor ausschlaggebend ist für die Wahl des Wohnortes, dann ist das mit Abstand der Arbeitsplatz. Das drückt aus, wie wichtig Arbeit in dieser Gesellschaft ist.

Unbezahlte Arbeit hat keine Zukunft

Wenn Arbeit konstitutiv für die Gesellschaft ist, dann ist die Frage berechtigt, ob ihr auch die Wertschätzung entgegengebracht wird, die ihr zusteht. Nehmen Sie das Beispiel karitativer Arbeiten von Hartz-IV-Empfängern: So wie das jetzt diskutiert wird, wird unterschwellig wieder eine Arbeitspflicht eingeführt. Das hat in Deutschland eine unselige Tradition. Darüber hinaus muss man immer daran denken, dass dadurch zu einem nicht unerheblichen Teil reguläre Arbeitsplätze ersetzt werden. Nehmen Sie das Beispiel: Vorlesen im Pflegeheim. Es wäre hier sinnvoll zu fragen, warum Vorlesen nicht mehr in den normalen Arbeitsablauf passt. Warum haben die Beschäftigten dort so wenig Zeit, dass sie nicht mal vorlesen können. Warum muss man an ihrer Stelle Leute einstellen, die nichts kosten? Unbezahlte Arbeit hat keine Zukunft. Ich spreche hier nicht vom Ehrenamt, denn das hat es immer gegeben und wird es auch weiterhin geben. Wenn man sich durch bezahlte Arbeit keine Existenzgrundlage sichern kann und diese dazu noch staatlich subventioniert werden muss, dann schafft das bei den Betroffenen keine Zufriedenheit. Das ändert sich auch dann nicht, wenn die Gesellschaft ein positiveres Bild von dieser Arbeit, die von Hartz-IV-Empfängern gemacht wird, gewinnen wird. Ein-Euro Kräfte. Die haben vielleicht durch den Job einen besseren Alltag als vorher, aber sie erfahren natürlich umgekehrt die große Diskrepanz zu denen, die normal beschäftigt sind, ob in halben oder ganzen Stellen, und das hat einen entgegengesetzten Effekt.

Stoppt die Expansion des Billiglohnsektors

Was den Mindestlohn angeht, so glaube ich – und das zeigen ja viele andere Länder, wo er eingeführt worden ist –, dass die Befürchtungen über Arbeitsplatzverluste, die damit einhergehen, ungerechtfertigt sind. Der Mindestlohn bremst vielmehr eine unschöne Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren in Deutschland miterleben konnten: die enorme Expansion des Billiglohnsektors. Wenn wir uns sich die Zahlen bei den Berufseinsteigern anschauen, dann sehen wir, dass inzwischen mehr als ein Drittel von ihnen zunächst im Billiglohnsektor landet. Das verschärft wiederum das Problem mit den befristeten Arbeitsverträgen. Der Billiglohnsektor bedeutet letztendlich, wenn er sich weiter ausdehnen sollte, eine staatliche Subventionierung von Unternehmen. Schlecker und andere Unternehmen kalkulieren damit, dass die niedrigen Löhne, die sie zahlen, vom Staat aufgestockt werden.

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