Ich halte die Polen-Fokussierung für einen Fehler. Erika Steinbach

Kirchenbashing ist in

Wir brauchen die Werte des Christentums, so wie es uns braucht. Das Grundgesetz fußt auf ihnen, sie begründen den Toleranzgedanken. Die plötzliche Religionsfeindlichkeit der FDP ist vollkommen unangebracht.

Kirchenbashing ist zurzeit in. Wenn Missbrauchs- und Finanzskandale beide christlichen Kirchen in Deutschland und anderswo erschüttern, dann scheint die Zeit reif für Aufrufe von Laizisten in der SPD oder für Aussagen des allzu smarten FDP-Generalsekretärs, das Christentum sei doch nicht die deutsche Staatsreligion. Was im Gewande von Religionskritik daherkommt, entblößt sich schnell als scharfer Atheismus und blanke Kirchenfeindlichkeit. Macht und Einfluss von Kirche seien zu groß, meinen die Kritiker.

Ein Spiel mit dem Feuer

Das ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, gerade für Politiker. Nicht etwa weil sie die intrigante Rache boshafter Vertreter der Amtskirche zu befürchten hätten, sondern weil sie selbstschädigend agieren. Der allgemeine Verfall von Autoritäten trifft nämlich die Politik zuerst und am heftigsten. Ein Kernproblem der Akzeptanz unseres Zusammenlebens besteht darin, dass alles ins Beliebige abzurutschen droht. "Anything goes“, das scheint immer mehr die Devise einer selbstverliebten, um sich selbst kreisenden Welt zu werden. Befeuert wird dieser Prozess von all jenen in besonderer Verantwortung – man könnte fast sagen: von den Eliten –, die sich wechselseitig verächtlich machen. Auch wenn alle Seiten für ernsthafte Kritik aneinander genügend Anlass haben, darf diese dem anderen jedoch nicht den Boden entziehen wollen. Auf diesem Boden stehen wir nämlich alle.

Merkwürdig, dass sich der Spitzenmann der FDP gerade jetzt hervortun will mit diesem Thema. Gibt es doch in seiner Bundestagsfraktion eine wachsende Gruppe von Abgeordneten, die sich auf ihre Wurzeln in der einst betont antiklerikalen liberalen Partei besinnen. Und auch eine kleine Gruppe der ohnehin geschwächten SPD scheint in selbstzerstörerische Debatten verliebt. Setzen sich nämlich die sogenannten Laizisten dort durch, verprellen sie die deutliche Mehrheit von kirchlich gebundenen und engagierten Genossinnen und Genossen.

Toleranz durch christliche Werte

In der Sache behaupten sowieso viele viel Unsinn. Das stört nicht, denn die Absicht ist ja eine andere als Aufklärung. Oder wissen die kritischen Kritiker wirklich nicht, dass gerade unser Grundgesetz eine offene und integrationsorientierte Auseinandersetzung mit dem Islam ermöglicht, gerade weil es das christliche Menschenbild zur Grundlage hat? Die Orientierung am Personsein und damit der Menschenwürde ist republikanische Gesinnung auf Basis christlichen Denkens. Das Christentum ist eben nicht Staatsreligion in Deutschland, sollte es auch nie sein. Seine Werte ermöglichen jedoch die kritische Auseinandersetzung über Kirche. Das ist wohltuende Dialektik in einer offenen Gesellschaft. Herr Lindner sollte die Debatten des Parlamentarischen Rates zu diesem Thema als Weihnachtslektüre genießen. Vielleicht hilft das auch dem Niveau auf die Sprünge.

Debatten in unseren Parlamenten über Sterbehilfe, Patientenverfügungen, Präimplantationsdiagnostik oder Spätabtreibungen würden nicht auf einem so unbestreitbar hohen Level geführt, wenn es nicht die Aussagen der Kirchen dazu gäbe – das anzuerkennen dürfte sogar den "christlichen Feinden“ gelingen. Und wer denkt, das Soziale ließe sich so ganz ohne die Botschaft Jesu bewerkstelligen, dem empfehle ich dringend die Lektüre der Bergpredigt.

Deshalb: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen – und das bitte nicht nur zur Weihnachtszeit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Papst Franziskus, Andreas T. Sturm, Georg Dietlein.

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