Die Demokratie ist keine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern der Sittlichkeit. Willy Brandt

Die revolutionäre Evolution – Aufbruch in ein neues Banking

Nur selten in ihrer Geschichte wurden Banken so durchgeschüttelt wie aktuell. Die Digitalisierung hat die Branche voll erwischt. Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte verändern sich rasant. Das Kundenverhalten hat sich grundlegend gewandelt. Wie die Chancen der Digitalisierung offensiv genutzt werden können, schreibt Dr. Michael Diederich, Sprecher des Vorstandes der HypoVereinsbank.

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Ohne Banken würden wir noch Goldbarren mit der Postkutsche transportieren. Und keine Überweisungen mit dem Smartphone tätigen. Vielleicht provokant und übertrieben. Aber es zeigt den Wandel, den die Gesellschaft und die Bankenbranche vollzogen haben. Unsere Arbeitsgesellschaft entwickelt sich zur Wissensgesellschaft. Automation und Künstliche Intelligenz drängen die physische Arbeit immer weiter zurück. Von dieser Entwicklung sind Banken selbstverständlich nicht ausgenommen, ganz im Gegenteil. Die HypoVereinsbank feiert in diesem Jahr ihr 150jähriges Jubiläum. Sie hat sich in dieser Zeit immer wieder den Entwicklungen angepasst und ihr Geschäftsmodell entsprechend dem Stand des Fortschritts weiterentwickelt. Fast immer ist diese Entwicklung evolutionär verlaufen, ein Schritt folgte auf den anderen. Jede Neuerung baute auf den vorangegangenen auf.

Heute sind wir mitten in einer Entwicklung, die sich in ihrer Veränderungskraft und -geschwindigkeit von vorangegangenen Perioden unterscheidet: Die Digitalisierung hat massive disruptive Kräfte und beschleunigt diese Evolution nun gewaltig. Sie bringt die evolutionäre Entwicklung in eine revolutionäre Phase. Dies gilt für Banken wie für die gesamte Volkswirtschaft. Entsprechend sind wir nicht nur gefordert, unsere Geschäftsmodelle und unsere konkrete Arbeit schnell anzupassen. Die Folgen der Digitalisierung gehen weiter, sie verändern massiv auch die Unternehmenskultur, die Auswahlkriterien für Mitarbeiter und den Führungsstil.

Neues setzt sich immer schneller durch

In kurzer Zeit hat die Digitalisierung das Leben der Menschen – unserer Kunden – rasant verändert. Die technische Entwicklung hat radikal neue Zusammenhänge und Bezugspunkte geschaffen: Die Orte unserer Aktivitäten sind geradezu fluide geworden: Wir arbeiten dank moderner Technik an den unterschiedlichsten Orten. Die Kommunikation hat sich in soziale Medien verlagert, die gleichzeitig andere Formen der Kommunikation nach sich gezogen haben. Die Organisation des gesamten Lebens erfolgt zunehmend digital, vom Einkauf über die Urlaubsbuchung bis zu den Finanzgeschäften.

Und die Entwicklung geht schnell weiter. Die Marktzyklen werden immer kürzer. Brauchte das Auto noch über 60 Jahre, bis es von mehr als 50 Millionen Menschen genutzt wurde, war Facebook nach drei Jahren soweit. Und Pokémon Go brauchte lediglich 19 Tage, bis 50 Millionen Menschen das Spiel spielten. Mit der neuen Mobilfunkgeneration 5G erhält dieser Trend zusätzlichen Schwung. Dauerte 1992 mit Einführung der Mobilfunktechnologie 2G der Download eines James-Bond-Films 64 Tage, wird 5G diesen Zeitraum auf fünf Sekunden verkürzen.

Dass dieser Megatrend alle Branchen und Unternehmen erfasst hat, ist selbstverständlich. Einige – wie die Medien – gerieten besonders früh in den Strudel und sind bereits stark verändert. Andere, wie Finanzdienstleister, sind mittendrin im Umwandlungsprozess. Weitere, wie das Bildungswesen und der Gesundheitssektor stehen erst am Anfang.

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich der sehr langsame Bewusstseinswandel in Deutschland zu einem volkswirtschaftlichen Problem: Während in Deutschland die Risiken und Gefahren der Digitalisierung im Vordergrund stehen, sind es in den USA die Chancen. Entsprechend sind in Deutschland 37 % der Mitarbeiter durch die digitale Transformation verunsichert, in den USA nur 6 %.

Chancen der Digitalisierung nutzen

In der HypoVereinsbank rücken wir dagegen die Chancen der Digitalisierung in den Mittelpunkt. Trotzdem gilt: Gerade große Unternehmen stehen bei diesem Thema vor besonderen Herausforderungen. Sie müssen nicht nur mit veränderten Kundenbedürfnissen und innovativen Technologien Schritt halten. Sie müssen sich parallel dazu auch intern radikal wandeln. Entsprechend müssen erfolgreiche Organisationen heute deutlich anders aufgestellt sein als noch vor wenigen Jahren. Sie brauchen eine andere Kultur, eine andere Arbeitsorganisation. Um die Digitalisierung zu nutzen, braucht es unter anderem schnelles Ausprobieren, Selbstorganisation und einen extremen Kundenfokus. Entsprechend richtet sich eine moderne Unternehmenskultur an Werten wie Selbstständigkeit, Geschwindigkeit, Offenheit und Innovationsfreude aus.

Für Banken bedeutet dies, dass die Digitalisierung zu völlig neuen Jobprofilen und zu starken Veränderungen an den bestehenden führt. Es werden zusätzliche, bisher „bankenfremde“ Fähigkeiten, Kenntnisse und Skills benötigt, um Bankprodukte und Services in digitaler Form auf den Markt bringen zu können. Wie die digitale Transformation geschehen kann, zeigen einige Beispiele aus der HypoVereinsbank:

Digitalisierung optimiert Prozesse und steigert ihre Effizienz

Die Prozessoptimierung ist ein entscheidendes Instrument, um am Markt zu bestehen. Optimierte Prozesse führen zu besseren Kundenerlebnissen, schaffen zeitliche Freiräume, um sich noch stärker auf den Kunden zu fokussieren, und sparen Kosten. Zudem werden sie dadurch auch stabiler und weniger fehleranfällig, was auch aus regulatorischer Sicht sehr zu begrüßen ist.

Die HypoVereinsbank hat ihre wichtigsten bestehenden Prozesse analysiert und dabei festgestellt, dass vieles tatsächlich zu unsystematisch und zu kompliziert organisiert ist. Um dies zu ändern, wurde mit Hilfe agiler Arbeitsmethoden der Reorganisationsprozess gestartet. In so genannten End-to-End-Räumen versammeln sich alle Beteiligten eines Prozesses (Vertrieb, Produkt- und Prozessmanagement, IT, Compliance etc.) in einem physischen Raum und arbeiten gemeinsam mit einem hohen Grad von Eigenverantwortung an seiner Verbesserung. Ideen werden dabei sofort ausprobiert, angepasst oder auch verworfen.

Mittlerweile ist mit dem Kontoeröffnungsprozess der erste neu gestaltete Prozess an den Start gegangen. Durch ihn konnten deutliche Effizienzgewinne im Hinblick auf Zeit und Aufwand erreicht werden. Das Kundenfeedback ist exzellent. Zahlreiche weitere Räume zur Optimierung wichtiger End-to-End-Prozesse sind inzwischen gestartet.

Produkte personalisieren, Kundenerlebnis verbessern

Die Entwicklung in der „realen“ Warenwelt ist dank der Digitalisierung geprägt durch die Verschmelzung von „Massenproduktion“ und „Maßanfertigung“ zur „Massen-Maßanfertigung“. Produkte werden zunehmend schnell, komfortabel und kostengünstig auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten. Die Frage, die es für Banken zu beantworten gilt: Ist dies auch bei den spezifischen Bankprodukten und -dienstleistungen möglich? – Unsere Antwort ist ein klares „ja“.

So hat die HypoVereinsbank mit „my.onemarkets“ eine Plattform geschaffen, auf der Anlageprodukte individuell auf die Wünsche von privaten Anlegern zugeschnitten werden können. Wir erreichen so im Massengeschäft eine Losgröße von eins – das heißt, jeder Anleger kann sich sein Zertifikat maßgeschneidert zusammenstellen. Dabei werden selbstverständlich alle regulatorischen Anforderungen an die Emission vollständig erfüllt. Dank radikaler Vereinfachung der dahinterstehenden Prozesse vergehen bis zur Markteinführung der entsprechenden Produkte im Idealfall lediglich drei Minuten. Die Anzahl der über die Plattform emittierten Wertpapiere ist dabei ebenso stark gestiegen wie die Emissionskosten der einzelnen Produkte gesunken sind.

Ein weiteres Beispiel für die Personalisierung unserer Dienstleistungen ist die intelligente Nutzung der uns vorliegenden Daten. Durch die regulatorischen Vorgaben wurde das Reporting von Kundentransaktionen durch Banken deutlich ausgeweitet. Damit wuchs der den Banken zur Verfügung stehende Datenpool. Sozusagen in Zweitverwertung nutzt die HypoVereinsbank diese Daten zur individuellen Kundenansprache. So werden Unternehmenskunden individuelle Produktlösungen und neue Geschäftsansätze vorgeschlagen, ähnlich dem Amazon-Prinzip „andere Käufer dieses Produkts interessierten sich auch für …“.

Strategische Kooperationen mit Tech-Unternehmen

Im Zuge der Digitalisierung sind den Banken neue Wettbewerber erwachsen – die BigTechs wie Apple, Google, Amazon & Co und die zahlreichen Startups in unserer Branche (FinTechs).

Die Banken haben ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu ihren neuen Wettbewerbern. Einerseits herrscht in einigen Geschäftsfeldern ein inzwischen starkes Konkurrenzverhältnis. Anderseits werden Kooperationen mit Tech-Unternehmen zunehmend ein wichtiger Teil der digitalen Strategie der Banken. Und auch diese haben ein Interesse an der Zusammenarbeit.

So ist davon auszugehen, dass die BigTechs voraussichtlich nicht große Beträge wertvollen Kapitals in den Neuaufbau klassischen Bankgeschäftes investieren werden. Stattdessen suchen sie sich Partner in der Finanzbranche, die die Infrastruktur zur Abwicklung der Finanzdienstleistungen zur Verfügung stellen. So gehört die HypoVereinsbank in Deutschland zu den Partnerbanken, die jüngst bei der Markteinführung von Apple Pay dabei waren. In Italien arbeitet die UniCredit nicht nur mit Apple zusammen, sondern auch mit Alibaba bei deren Bezahlsystem Alipay.

In diesem Zusammenhang sollten sich die Banken für eine Regelung einsetzen, die ihnen – analog zur Richtlinie über Zahlungsdienste (PSD2) – im Gegenzug Zugang zu den Kundendaten der BigTechs ermöglicht. Damit würde ein Austausch in beide Richtungen geschaffen, von dem alle Beteiligten profitieren würden.

Wir sehen zudem auch FinTechs weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als große Chance: Aufgrund ihrer Kreativität und Innovationskraft sowie ihrer oftmals unorthodoxen Herangehensweise sind sie Treiber und Ideengeber für unsere eigene digitale Transformation und die Verbesserung der Produkt- und Serviceangebote für unsere Kunden. Sie bieten aber auch Chancen für zusätzliche Geschäfte, die durch die Bündelung von Know-how beider Partner realisiert werden können. Sie entwickeln oftmals Angebote, die komplementär die Angebote der klassischen Banken ergänzen, so dass eine Kooperation zu einer Win-Win-Situation für beide Seiten führt. Die Übernahme der Ideen der FinTechs und die Zusammenarbeit mit ihnen werden eine sehr wichtige Quelle für die zukünftige Wertschöpfung der „klassischen“ Banken sein.

Digitalisierung im gesamten Unternehmen „leben“

All dies zeigt sehr deutlich, dass die Digitalisierung große Chancen für traditionelle Banken eröffnet. Natürlich kommt es auf die Banken an, sich so zu entwickeln und die notwendige Offenheit zu gewährleisten, dass die Chancen auch realisiert werden können. Es wird darauf ankommen, mit Paradoxien zu leben, diese für die Unternehmensentwicklung sogar kreativ zu nutzen. Es geht um ein „sowohl als auch“ statt eines hierarchischen „erstens, zweitens, drittens“. Wachstum muss zeitgleich mit Effizienzsteigerungen organisiert werden. Das Kreditgeschäft muss ausgebaut und schneller werden bei gleichzeitig unverändert hoher Risikokontrolle. Die Technisierung des Bankgeschäfts muss vorangetrieben und zur selben Zeit die persönliche, individuelle Kundenbetreuung intensiviert werden.

Banken sind gefordert, die Digitalisierung zu nutzen, um ihre Prozesse neu aufzustellen und um jeden ihrer Kunden individuell anzusprechen und zu betreuen. Dazu bedarf es agiler Arbeitsmethoden und der Integration neuer Talente und Denkweisen in die „Bankenkultur“. Last but not least werden diejenigen Banken die Digitalisierung am besten für eine erfolgreiche Zukunft nutzen können, die zu einem neuen, modernen Mindset und zu einer Unternehmenskultur finden, die auf die Digitalisierung zugeschnitten sind.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Weik, Matthias Weik, Clemens Schneider.

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