Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

Strohhalme. Aber was sonst?

Wie soll man noch Hoffnung haben auf eine politische Lösung in diesem Land, wenn beide Seiten kräftig provozieren und schon Sechsjährige Steine werfen? Und es gibt trotzdem Gründe.

Die bange familieninterne Frage lautet in der vorigen Woche: „Wie kann man die obligatorischen Feuerwerkskörper, deren Schallwellen zu uns aus Ostjerusalem in den letzten Wochen permanent herüberdringen, von Gewehrschüssen und Ähnlichem unterscheiden?“ Die lapidare familieninterne Antwort: „Wenn man sie hört.“ Und dazu besteht in den letzten Tagen hier oben in „unserem“ Stadtteil Abu Tor, sozusagen auf der Wasserscheide zwischen Totem Meer und Mittelmeer, ganz nahe der grünen Linie, der Waffenstillstandslinie von 1949, leider reichlich Gelegenheit.

Insbesondere aus dem Silwan-Tal sind die Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Polizei bzw. Armee sehr gut zu vernehmen. Inzwischen kommt es hier in diesem Stadtteil, der unmittelbar an die Altstadt grenzt, jede Nacht zu Ausschreitungen. Nicht nur Warnschüsse, sondern auch Blend- und Tränengasgranaten, nebst den unablässigen Polizeisirenen und den unzähligen Hubschrauberflügen sind im täglichen und nächtlichen Schallsortiment enthalten. Zur Komplettierung des Bildes sind im wahrsten Sinne des Wortes auch hin und wieder Drohnen zu hören, die das Viertel „aufklären“.

Die Hamas wird durchaus ihren Einfluss in Ostjerusalem nutzen, um dort in den entsprechenden Stadtvierteln das Feuer der Wut weiter zu schüren und zu Gewalttaten aufzurufen. Aber das eine ist der Funke, der das Feuer entzündet, das andere ist die Frage, wie entzündlich die Substanz bereits geworden ist: Dass sich durch Provokationen auf israelischer Seite, wie dem Einzug von jüdischen Familien in Silwan oder durch den geplanten Wohnungsbau im Ost-Jerusalemer Viertel Givat HaMatos, die Stimmung immer weiter aufheizt, ist eben auch nicht zu leugnen.

Hochriskante Provokation

Die Tageszeitung „Haaretz“ schreibt über das vergangene Wochenende: „Weekend of stones, flames and blood in East Jerusalem“. Das schlimmste Wochenende seit den Auseinandersetzungen vor dem Gaza-Krieg. Der Jerusalem-Kenner, Friedensaktivist und Anwalt Daniel Seidemann nennt die goldene Stadt den „vulkanischen Kern des Nahostkonfliktes“ und kann sich nicht erinnern, jemals so viel Hass erlebt zu haben.

In dieser hitzigen Situation kommt ausgerechnet der Minister für Bau- und Wohnungswesen, Uri Ariel, auf die grandiose Idee, über seinen eigenen Umzug nach Silwan nachzudenken und bei ihm steht zu befürchten, dass er diese brandstiftende, ja brandbeschleunigende Ankündigung bald in die Tat umsetzen wird. Uri Ariel gehört zu den „üblichen Verdächtigen“ aus dem besonders überzeugten nationalreligiösen Spektrum. Ihm ist schon einmal die zweifelhafte Ehre zuteil geworden, zum rechtesten Abgeordneten der Knesset erklärt worden zu sein.

Grund dafür gab es genug: Nicht zuletzt die Befürwortung des abenteuerlich rassistischen Vorschlages, in Gesetzesform festzuschreiben, dass Jüdinnen keine Nicht-Juden heiraten dürfen, ebenso wie seine Besteigung des Tempelberges 2006 während des Laubhüttenfestes, bei der er den Bau einer Synagoge auf dem Tempelberg ankündigte. Auch ist er 2008 mit markigen Sprüchen bei der Frage aufgefallen, ob Angela Merkel bei ihrer Rede in der Knesset deutsch sprechen dürfe. 2005 ist er nach der Ankündigung, dass die Siedlungen in Gaza geräumt werden, noch mal schnell in den Gazastreifen gezogen, aus „Solidarität“ mit den Siedlern. Nun also der mögliche Umzug nach Silwan.

Dabei ist die Situation in Jerusalem auch ohne solche pikanten Zutaten der hochriskanten Provokation schon schwierig genug. Die Tat des Terrorfahrers, der am Mittwoch mit seinem Auto an einer Haltestelle des Jerusalemer Light Rail Trains, der hiesigen Straßenbahn, in eine Menschenmenge gerast ist und dabei neben etlichen Verletzten vor allem den Tod eines kleinen Babys und einer jungen Frau verursacht hat, die Tatsache, dass er wie ein Held gefeiert wird, den entsprechenden Verlautbarungen zufolge auch von der Fatah – auch das trägt nicht gerade zur Beschwichtigung bei, um es beinahe schon zynisch zu formulieren. Ebenso wenig wie die Aussage des Jerusalemer Polizeichefs, der gesagt hat, dass man die Stadt mit Polizeikräften „fluten“ wolle, als ob die reine Quantität irgendeine Verbesserung bringen würde.

„Straßenbahn-Intifada“ und „Kinder-Intifada“

Man muss nun in dieser sich zuspitzenden Situation die „Intifada“ nicht auch noch herbeischreiben, aber zwei Spezifika der gegenwärtigen Aufstände bedürfen eingehenderer Betrachtung. Sie verbergen sich hinter den beiden Kreationen von findigen Journalisten, die ja immer irgendwie den Finger in die Wunde legen. Einmal ist von der „Straßenbahn-Intifada“ die Rede und einmal von der „Kinder-Intifada“, nicht zuletzt in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Wochenende.

Warum Straßenbahn-Intifada? Die Straßenbahn mit dem sinnigen Namen „Light Rail“ (weder „Licht“ noch „leicht“ sind hier wirklich zutreffend), die sich durch die ganze Stadt zieht, ist, anders als geplant, die Inkarnation des Spruches: „Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht“. Gut gemeint war sie: Die Linie, die sich vom Inbegriff des Zionismus, des Herzlberges, in einen der arabischsten Stadtteile Jerusalems unter anderem nach Shuafat zieht, sollte, als sie vor drei Jahren mit dem Betrieb begann, zum Symbol für das Zusammenwachsen der Stadt werden. Nicht gut gemacht: Für die arabischen Bewohner der Stadt ist die Bahn dann doch eher Dorn im Auge als fahrbarer Untersatz, weil sie in ihren Augen Westjerusalem mit der Siedlung Pisgat Ze’ev im Osten verbindet und dabei die arabischen Stadtteile durchfährt. So wird sie eher zu einem Bild der Entzweiung als der Verbundenheit und überdies zum Ziel kostspieliger Zerstörung.

Es sind demnächst annähernd zweihundert Waggons, die inzwischen wegen zu gravierender Demolierungen ausgetauscht werden mussten. Nicht nur die Haltestelle am Ammunition Hill, wo das Baby und die junge Frau zu Tode gekommen sind, wird nun auf ewig mit diesem schrecklichen Ereignis verbunden werden. Nein, es war auch an der Haltestelle der Straßenbahn in Shuafat, in deren Nähe der 16-jährige Muhammad Khdeir von jüdischen Extremisten in ein Auto gezerrt und später bei lebendigen Leibe verbrannt worden ist. Auch das bleibt!

Das führt automatisch zur zweiten Frage: Warum Kinder-Intifada? Fast zwei Drittel aller Palästinenser, die im Zuge der Auseinandersetzungen festgenommen werden, sind Schätzungen zufolge nicht volljährig. In der Enge der Heiligen Stadt, in dem Isolationsgefühl auch herbeigeführt durch die Sperranlagen und durch die Tatsache, dass der frühere Wirtschaftsmagnet in Ostjerusalem von seinen „Märkten“ abgeschnitten ist, ist die Angst, keine Zukunft und keine Perspektive zu haben, besonders groß. Die eher diffuse Wut sucht sich klare Ziele und da kommt die Straßenbahn gerade recht. Zu sehr klafft die Lücke zwischen der Projektion der friedlichen Koexistenz und der Wirklichkeit des Zusammenlebens. Tempelberg und Straßenbahn – beide Orte werden immer mehr zu Symbolen der Konfrontation.

Selbst Kinder aus „Right-wing“-Familien mitgerissen

Wenn man mittendrin sitzt, so wie wir seit ein paar Wochen, kann einen das schon zur Verzweiflung treiben. So wie der vermutlich gerade mal sechsjährige Junge, der aus dem Sonntagsspaziergang seiner Großfamilie durch den Westjerusalemer Teil von Abu Tor ausschert, sich bückt und den zum Glück vergeblichen Versuch unternimmt – zu klein der Stein, zu klein der Werfer – unser vorbeifahrendes Auto mit Steinen zu bewerfen. Sechs Jahre! So viel zum Thema Kinder-Intifada!

Neben der wachsenden Beunruhigung über die bislang stärkste Zuspitzung des Konfliktes in unserer unmittelbaren Umgebung in Israel erlebe ich aber auch zugleich in dieser dichten Woche die beeindruckendste Begegnung, seitdem wir den Boden des Heiligen Landes betreten haben; der klassische „Wechselduschen-Wahnsinn“ des Heiligen Landes. Nun bin ich weit vom links angehauchten Märchenglauben entfernt, mit der richtigen Jugendarbeit ließe sich alles richten, aber wenn überhaupt aus irgendeiner Himmelsrichtung Frieden eintrudeln kann, dann aus der Richtung der kommenden Generationen.

In Begleitung eines deutschen Bundestagsabgeordneten haben wir uns zur Shaar-Negev-Schule aufgemacht, in unmittelbarer Nähe des Gazastreifens. Beeindruckend ist nicht die Tatsache, dass man sich hier auf dem gut gesicherten Schulgelände keine zehn Meter bewegen kann, ohne dass man auf einen Bunker stößt. Wie kleine Bushaltestellen stehen die „Shelter“ in der Gegend rum, dem Faktum Rechnung tragend, dass hier in unmittelbarer Nähe des Gazastreifens keine drei Sekunden Warnzeit bestehen, bevor eine Mörsergranate einschlägt. Nein, was wir in der Schule mit den Schülern erleben, das ist wirklich beeindruckend.

Vier Schüler, die Teilnehmer unseres Schüler- und Lehrerprogrammes sind, bei dem wir seit ein paar Jahren Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer aus Jordanien, den palästinensischen Gebieten und Israel zusammenbringen, sprechen mit uns und berichten von ihren Freundinnen und Freunden „auf der anderen Seite“, von gemeinsamen Erlebnissen, von zuerst zaghaften, dann immer klareren Diskussionen über die politische Situation und vor allem von den Auswirkungen, die die gemeinsamen Seminare auf sie selbst, auf ihre Entwicklung, vor allem aber auf ihre Haltung gegenüber den „Arabern“ gehabt haben. Selbst Kinder aus „Right-wing“-Familien sind, nach Aussage unserer Gesprächspartner, in die positive Dynamik dieser Begegnungen gerissen worden und haben Freundschaften geknüpft.

Strohhalme! Aber was sonst?

Dann der wirklich beeindruckende Moment, in dem alle jungen Leute auf ihren bevorstehenden Militärdienst verweisen und ziemlich überzeugend deutlich machen, dass sie ihren Dienst, beispielsweise an den Checkpoints, deutlich anders wahrnehmen werden, mit deutlich mehr Respekt vor den Palästinensern. Was davon in der Realität wirklich übrig bleibt, bleibt freilich wie immer abzuwarten, aber die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit, mit der die jungen Menschen das äußern, lässt wirklich hoffen und den eigenen Glauben wieder steigern, dass man in dieser verfahrenen Situation doch etwas ausrichten kann, wenngleich in mikroskopischem Ausmaß.

Na klar, das ist alles wieder „Rosamunde Pilcher“, alles niedlich und nett und viel zu einfach. Ja richtig, nichts ist einfach im Heiligen Land, aber verdammt noch mal (sorry), woran soll man sich denn dann halten, wenn nicht an solche „Strohhalme“, die nur dann „Strohhalme“ bleiben, wenn wir ihre offensichtliche Wirkung verleugnen.

Neben der politischen Lösung, die im Moment auch in den Augen der optimistischsten Betrachter in beinahe unerreichbarer Ferne liegt, weil keine Seite bereit ist, bittere Pillen zu schlucken und den eigenen Gefolgsleuten Zumutungen abzuverlangen, muss unser Augenmerk auch der Beseitigung des Hasses dienen, und wenn das auch noch so aussichtslos erscheint. Alles andere ist Fatalismus und der hat noch nie etwas zum Besseren gewendet.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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