Informationen sind Macht und deshalb ist die Informationsrevolution ein Segen für die Demokratie. Francis Fukuyama

Vereinte Erbsenzähler

Genau wie in Deutschland kann auch in Israel eine Kleinigkeit eine politische Grundsatzdebatte auslösen. Dieses Mal: ein Schokopudding.

Wenn das nicht eine veritable Gemeinsamkeit unserer beiden Völker ist. Das kriegen unter den Ländern dieser Erde wohl nur wir so formvollendet hin: Wir, Israelis und Deutsche, können wirklich aus allem, aus absolut allem, aus der winzigsten und absurdesten Kleinigkeit eine politische Grundsatzdebatte erster Güte zaubern. Eine solche Grundsatzdiskussion, in der es zu allem Überfluss auch noch um Deutschland geht, na ja, in der es, um es ganz korrekt zu formulieren, auch um Deutschland, eigentlich aber um Israel geht, erhitzt gegenwärtig die Gemüter in diesem Land in allerhöchstem Maße und lässt auch uns Deutsche in Israel während der elften Woche unserer „Reise nach Jerusalem“ nicht ganz unberührt.

In Berlin 19 Cent, in Israel 64

Seit Tagen sind die Zeitungen davon geradezu übervoll. Hitzige Kommentare ereifern sich über das Thema, von links und von rechts. Die Talkshows auf allen einschlägigen Fernsehkanälen füllen Abende, als ob es auf diesem nicht gerade stinklangweiligen Fleckchen Erde nichts Wichtigeres gäbe. Gegenseitige Vorwürfe werden munter durch die Gegend geschleudert. Und ausnahmsweise ist es, oh Wunder, mal nicht der allgegenwärtige Konflikt, mal nicht das Thema Gaza oder das Thema Siedlungen, das zu heftigen Emotionen und erbitterten Diskussionen führt. Weniger politische Brisanz hat das Thema – zumindest für die Gesellschaft in Israel – allerdings nicht.

Auslöser dieser Debatte war ein mehr oder weniger simpler Eintrag auf einer hebräischen Facebook-Seite. Garniert war das „Posting“ mit zwei – zumindest vordergründig – unschuldigen Bildchen von einem Schokopudding, in Israel liebevoll „Milky“ genannt, und von einem Kassenzettel. Der Kassenzettel, wohlgemerkt ein deutscher Kassenzettel, diente als Beweis. Er sollte Zeugnis darüber ablegen, dass der abgebildete Pudding in Berlin 19 Cent und in Israel umgerechnet 64 Cent koste.

Die Brisanz liegt nicht im Preis des klebrigen Chemieproduktes, sondern in der ungewöhnlichen Aufforderung, die der Facebook-Schreiber mit den Bildern verbunden hat: Man möge das teure Israel endlich hinter sich lassen und sein Leben fortan in Berlin führen. „Israel ist nur für Reiche und Kinder von Reichen geeignet. In Israel zu bleiben bedeutet, dass ihr euch und euren Kindern Essen, Bildung und Wohnungen vorenthaltet.“ Die unverblümte Aufforderung zur Auswanderung endet mit den Worten: „Bis bald in Berlin“. Und sie wird gelesen. Und wie! Nach nur vier Tagen haben über eine Million Menschen seinen (hebräischen!) Eintrag im Netz angeklickt. Zur Relation: Israel hat nur knapp mehr als acht Millionen Einwohner!

Wenn man sich den Einkauf nicht leisten kann

Abstrahieren wir mal, wenngleich es schwerfällt, aber auch, um innerhalb der Reihe dieser Kolumne „Reise nach Jerusalem“ Wiederholungen zu vermeiden, für einen Moment von den wirklich überteuerten Preisen, die weit über den Schokopudding hinausgehen und insbesondere im kaum noch erschwinglichen Wohnungsmarkt für viele Menschen in Israel existenzielle Bedrohungen darstellen.

Walzen wir nicht aus, dass Israel – ganz gleich welche Armutsdefinition auch immer man anlegen mag – von allen OECD-Mitgliedstaaten den höchsten Armutsanteil hat. Lassen wir auch die Ursachen ein wenig an der Seite liegen und wenden wir uns den psychologischen Aspekten der Debatte zu, die gleich in mehrere israelische Wunden den Finger legt, aber auch Fragen über das aufwirft, was den Menschen in diesem Land wirklich wichtig ist.

Der Schreiber der Zeilen auf Facebook, ein ehemaliger Offizier, zarte 25 Jahre alt, der nun mit seiner ganzen Familie in Berlin lebt, legt dort sinngemäß nieder, dass es nicht die Bedrohungen des Militärdienstes gewesen seien, Raketeneinschläge oder ein Brief von der Bank, der ihm das Leben im Heiligen Land vergällt habe. Es sei ein recht simpler Moment gewesen: Im Supermarkt vor dem Regal zu stehen, und beim Kauf von Schokopudding für seine Kinder zögern zu müssen, mit der Gewissheit, sich das eigentlich nicht leisten zu können. Nun, in seinem neuen Leben, sei das kein Problem mehr und er müsse in Berlin nicht mehr eine Sekunde zögern.

Das typische israelische Debattenmuster

So weit, so nachvollziehbar, sozusagen als Aufschrei der gebeutelten Mittelschicht, die es in Israel genauso schwer hat wie in vielen entwickelten Ländern, geschlagen von Steuerlast und Preisdruck. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass die Facebook-Seite, in die der Eintrag gesetzt worden ist, um der Sache die Krone aufzusetzen, auch noch einen entsprechenden besonderen Namen trägt. Sie heißt „Olim le‘ Berlin“, übersetzt so etwas wie „Aliyah (Das Wort, das im Hebräischen für die Einwanderung nach Israel verwendet wird und wörtlich Aufstieg bedeutet) nach Berlin“. Was in sich schon eine ungeheure Provokation ist, denn freilich ist nicht nur der Begriff reserviert für die Sehnsucht nach einem Leben im „gelobten Land“, das qua definitionem nur das Heilige Land sein kann. Nein, und das bedarf keiner Erläuterung, die Aufforderung an den Ort dauerhaft zu ziehen, ja den Ort als gelobtes Land zu betrachten, von dem aus die systematische Ermordung der Juden ihren Ausgang genommen hat, das muss schon ganz automatisch auf heftigste Reaktionen im Land stoßen.

Ein „Volkspsycholge“ (hat den die „Bild“ nach dem Volkscomputer, Volksrad etc. auch schon erfunden?) würde sogleich das prägnante Muster erkennen und „sezieren“, nach dem Debatten in Israel verlaufen, und seine Erkenntnisse vermutlich in diesem Slogan zusammenfassen: „Konsens und Konflikt – wir können beides gleichzeitig!“

Der Konsens besteht in der gemeinsamen Einschätzung, dass die Sache mit den Preisen ein echter Skandal ist, an dem abstrakt der Kapitalismus, etwas konkreter die Einzelhandelstycoone und ganz konkret die Regierung die Schuld trage und der man in der Tat mal einen ordentlichen, gesalzenen und gepfefferten Denkzettel verpassen müsse. Letztere Einschätzung ist möglicherweise nicht komplett falsch. Ob die von Finanzminister Yair Lapid mit der Verabschiedung des Haushaltes angekündigten Privatisierungen in Höhe von drei Milliarden Euro oder die immense Neuverschuldung und der damit drohende Anstieg der Inflation hilfreiche Wirkung entfalten werden, darf man wohl mit Fug und Recht bezweifeln.

Ein unfairer Vergleich?

Der Konflikt besteht darin, wie man auf diesen Tatbestand legitimerweise reagieren darf. Vermutlich hat sich der junge Mann nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausgemalt, welch ein Tsunami der öffentlichen Meinung über ihn hereinbrechen würde. Hinter uns liegt der tagelange und freilich vergebliche Versuch, den besagten Schokopudding an die Wand zu nageln, streng dem berühmten Zitat folgend.

„Honi soit qui mal y pense“ möchte man zunächst dem Finanzminister entgegenwerfen, der sich gleich mal an die Spitze der Kritiker gestellt hat. Der Mann, der diese Sachen poste, sei ein Antizionist, ja so etwas wie ein Vaterlandsverräter, der gewillt sei, den einzigen Staat, den die Juden haben, auf den Müll zu werfen.

Andere Regierungsmitglieder und -mitarbeiter sagen: Na ja, der ist vermutlich gar kein Israeli und fordern den Urheber zur Vorlage des Reisepasses in Facebook auf. Doron Cohen, ehemaliger Generaldirektor des israelischen Finanzministeriums, wirft dem jungen Mann gar Betrug vor. Er habe alle getäuscht, weil er verschwiegen habe, dass es sich hier um einen Discounter handele (dabei ist der Schriftzug von ALDI auf dem geposteten Foto noch prima erkennbar).

Und die Zeitung „Israel Hayom“ weint bitterlich, dass der Vergleich mit Berlin nicht fair sei, denn schließlich habe Deutschland keine riesigen Verteidigungskosten zu tragen wie Israel (die deutschen U-Boote für Israel und die Kosten der Euro-Rettung etc. werden mal locker unter den Tisch gekehrt) und Deutschland grenze nicht an „IS, Hisbollah und Hamas“. Hier möchte man einwenden, dass vielleicht gerade das echte Eintreten für die Zwei-Staaten-Lösung diese Kosten langfristig zu senken vermag. Immerhin schreibt das Blatt: Es sei legitim, nach Deutschland auszuwandern, aber es sei nicht legitim, denjenigen, die in Israel blieben, Moralpredigten zu halten.

„Die Nazis würden IS zum Frühstück verspeisen“

Die linksliberale „Haaretz“ ironisiert das Ganze mit einer Karikatur: Unter der Überschrift „Meanwhile in Berlin“ versucht ein finster blickender Vater seinen im Kinderstuhl sitzenden Sohn mit Schokopudding zu füttern. Da dieser die Nahrungsaufnahme allerdings wild verweigert, spricht der Vater zu dem Sohne: „Eat up or the Gestapo will come“.

Noch wilder greift der „Maariv“-Journalist Ben Caspit an. Ja, die Lebenshaltungskosten in Israel seien der helle Wahnsinn, von den Supermarktpreisen über die Mieten bis zu den Studiengebühren, aber das sei noch lange kein Grund, „gerade dort seine Zelte aufzuschlagen, wo die größte Menge jüdischen Blutes in der Geschichte vergossen wurde“. Man müsse die jungen Leute fragen, was sie später mal ihren Kindern und Enkeln erzählen wollen. „Noch dazu auf Deutsch. Dass Ihr den nach 2000 Jahren wahr gewordenen Traum mit Füßen getreten habt, weil es Euch im Supermarkt zu teuer war?“ Einen Tag später setzt er noch einen drauf. Ob denn die Leute nicht verstünden, was Berlin symbolisiere: „Die Wurzeln des dunkelsten Bösen, das die Menschlichkeit jemals erfahren hat.“ Die Nazis würden IS zum Frühstück verspeisen.

Diesem sich immer schneller drehenden Rad möchte man die fast 55 Jahre alte Ansprache von David Ben-Gurion in die Speichen werfen, der schon damals vor der Knesset erklärt hatte: „Es ist klar, dass es in Deutschland einen Antisemitismus gibt und dass dort noch Nazis leben, aber das deutsche Volk von heute ist keine Nation von Mördern und seine Jugend von heute ist keine Hitler-Jugend.“

„Deutschland ist kein antisemitisches Land“

Dem „Spiegel“ gibt der junge Israeli, der sich selbst als Patriot bezeichnet, der seinem Land helfen will, ein aufschlussreiches Interview: „Manche schreiben mir, dass ich mich dafür schämen sollte, dass Holocaust-Überlebende mit ansehen müssen, wie junge Israelis nach Berlin ziehen.“ Er denkt nicht daran, sich zu schämen und begründet das damit, wie sehr sich seine temporäre Wahlheimat in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe: „Deutschland ist kein antisemitisches Land. Zwischen jungen Israelis und Deutschen gibt es echte Freundschaften.“

Man mag zwar angesichts der unerträglichen „Ausfälligkeiten“ auf Demonstrationen in Deutschland den Kopf hin und her wiegen und den Befund des jungen Israelis als zu positiv brandmarken, aber meine ersten – freilich sehr persönlichen – Erfahrungen in Israel sprechen eine klare Sprache. In Gesprächen mit jungen Menschen wird sehr klar: Ja, die Shoah spielt in der Betrachtung Deutschlands noch immer eine sehr dominierende Rolle. Ja, die Begeisterung für Berlin ist in erster Linie eine Begeisterung für diese unglaublich vibrierende, spannende, gegensätzliche Stadt und nicht notwendigerweise für das ganze Land. Und doch tritt hinter diesem Schatten ein Befund hervor, der ebenso beachtlich wie profund ist.

Es ist ganz augenscheinlich, insbesondere bei der jungen Generation, Vertrauen gegenüber Deutschland gewachsen. Selbst jene, die sich nicht für die Deutschen erwärmen können, verneinen nicht, dass man den Deutschen trauen könne. Das ist vielleicht die Quintessenz dieses merkwürdigen Ereignisses. Aus der israelischen Sicht mag der „Milky-Protest“ wie Verrat, zumindest aber fragwürdig erscheinen, aus der deutschen Sicht ist diese „Einwanderung“ ein Vertrauensbeweis, der uns ermutigen sollte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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